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26.05.2000

17:43 Uhr

Zehn Bilder in der großen Stube meines Hauses - das war 1995 die größte Ausstellung moderner Kunst in der ganzen Stadt", erinnert sich Lorenz Helbling. Die Stadt, das ist nicht etwa ein verschlafenes Dorf, gemeint ist der 16-Millionen-Moloch Schanghai. 1995 kam der Schweizer Lorenz Helbling ins Jangtse-Delta und wollte eine Galerie eröffnen. Kein einfaches Unterfangen, denn dies ist Ausländern in China verwehrt. Wer es dennoch wagt, bewegt sich auf rechtsunsicherem Terrain. Kunst bietet schließlich die Möglichkeit, auch unpopuläre Meinungen zu äußern. Für die kommunistische Regierung ein allzu sensibler Bereich.

Heute, fünf Jahre später, vertritt Lorenz Helbling rund 20 wichtige chinesische Künstler und leitet die Galerie ShanghART. Jährlich beteiligen sich die von ihm vertretenen Künstler an bis zu 20 Ausstellungen, vor allem im Ausland. Helbling vertritt unter anderem Pu Jie, den Vertreter politischer Pop-Art, sowie Ding Yi, der seit zwölf Jahren kleine Kreuzchen malt, und Zhou Tiehai, der mit Zeitschriften-Covers ironisch Chinas Konsumwelt kommentiert.

ShanghART-Künstler stellen auf der Biennale von Venedig, Sydney oder Lyon aus, in der Wiener Secession, im New Yorker PS1 und im Hara Museum in Tokio. Im Juni nimmt ShanghART als erste chinesische Galerie an der Art Basel teil. Über die in Hongkong registrierte Homepage der Galerie werden chinesische Kunstwerke verkauft, monatlich werden die Internet-Seiten 100 000-mal abgerufen.

Von 1992 bis 1995 hatte Helbling in Hongkong in einer Galerie für chinesische Kunst gearbeitet. "Doch Hongkong war nur die Spitze des Eisbergs. Ich wusste: Ich muss nach China." Der Schweizer war fasziniert von der Kunst, die ganz anders war als alles, was er bisher kannte. So werde beispielsweise viel gemalt, die Kunst sei narrativ. In Europa spöttelte man: "Wird dort immer noch gepinselt?" Helbling ließ sich nicht beeindrucken und fand einen Weg nach China - der zunächst weit weg von seinem Traum führte, eine Galerie zu eröffnen.

Für eine Hongkonger Firma, die Ventilatoren vertrieb, baute der studierte Sinologe, Historiker und Kunsthistoriker eine Repräsentanz in Schanghai auf. In der Stadt kannte er sich bereits bestens aus: Von 1985 bis 1987 hatte Helbling dort an der renommierten Fudan Universität Geschichte und Filmwissenschaft studiert.

Seine Freizeit nutzte der Schweizer, um Kontakte zur Kunstszene zu knüpfen. Während Künstler in Peking in Künstlerdörfern zusammen lebten, gingen die Künstler Schanghais individuelle Wege und traten nicht gemeinsam öffentlich in Erscheinung. Helbling bewies Spürsinn, fand die richtigen Künstler in Schanghai und leistete Aufklärungsarbeit: "Viele Künstler wussten gar nicht, was ein Galerist macht. Sie sagten: Kauf meine Bilder, dann kannst Du mit ihnen machen, was Du willst." Nach einigen Monaten hatte er die ersten Maler unter Vertrag, dokumentierte ihre Werke, sorgte für anständige Rahmen und gab Tipps zum Bilderverkauf.

Einen Markt für moderne Kunst gab es damals in China nicht. Ausstellungen mit moderner Kunst waren äußerst selten und wurden oft verboten. Die wenigen chinesischen Künstler, die international bekannt waren, hatten laut Helbling kaum Interesse daran, in ihrer Heimat auszustellen, da Ausstellungen in den Medien kaum besprochen wurden. Eine Chance, in Museen zu kommen, gab es für Chinas moderne Künstler kaum.

Die ersten Schritte zur Eröffnung einer Galerie machte Lorenz Helbling 1995: Er fragte beim Außenhandelsbüro nach, das Lizenzen vergibt. Doch das Büro zählte die Arbeit von Galerien zum Einzelhandel und der war damals für Ausländer verschlossen. Einzige Ausnahme: Joint-Venture-Kaufhäuser. Die Beamten schlugen Helbling vor, an Stelle einer Galerie ein Joint Venture zu gründen und ein Kaufhaus zu eröffnen. Helbling winkte ab.

Statt dessen wählte er einen typisch chinesischen Weg: Er knüpfte Guanxi - ein Beziehungsnetz - und organisierte nach sechs Monaten mehrere Ausstellungen im Szene-Restaurant Sally's. Als das Restaurant nach wenigen Monaten schloss, wurden die Ausstellungen in leerstehende Wohnungen und in die "große Stube" seines alten Hauses verlegt. "Das gab lustige Partys."

Im Februar 1996 eröffnete Helbling, noch immer Repräsentant für Ventilatoren, schließlich die Galerie ShanghART - im Portman Shangri-La Hotel. "Hotels sind in China anders als in Europa wichtige Zentren, Treffpunkte für Ausländer und Chinesen", erklärt er. Die Galerie war Teil eines Souvenir Shops, Helbling arbeitete als Berater. 1997 gab er schließlich seinen Job als Ventilatoren-Repräsentant auf.

Im boomenden Schanghai ist häufiges Umziehen normal. Auch ShanghART musste nach drei Jahren im Shangri-La den Ort wechseln: Das Hotel schloss wegen Renovierungsarbeiten. Helbling fand für seine Galerie einen neuen Szene-Platz: Das In-Restaurant Park 97 stellte ihm Räume an der Gaolan Lu zur Verfügung. Dort befindet sich die Galerie noch heute und lockt Kundschaft auch für das Restaurant an.

Helbling, der zwar in Hongkong den Namen ShanghART und die Homepage der Galerie (www.shanghart.com, E-Mail: shangart@uninet.com.cn) hatte registrieren lassen, aber in China noch immer keine Galerie aufmachen durfte, bewies erneut Organisationstalent - und ließ sich kurzerhand vom Restaurant anstellen. Den Verkauf der in ShanghART ausgestellten Bilder haben vier Chinesen übernommen, die offiziell in einer befreundeten chinesischen Galerie angestellt sind, die wiederum von Helbling beraten wird.

"Es war anfangs fast einfacher, Leute zu finden, die in meine Galerie investieren wollten, als Menschen, die ein Bild kaufen wollten", erinnert er sich. "Als ich nach China kam, waren viele Leute hier mit dringenden Alltagsproblemen beschäftigt. Inzwischen hat sich die Infrastruktur der Stadt verbessert, viele Leute haben eine eigene Wohnung - jetzt haben auch die Chinesen Zeit, sich der Kunst zuzuwenden." Und dass diese in Schanghai eine große Zukunft hat, steht für den 41-Jährigen nicht in Frage: "Einige der größten Künstler Chinas kamen aus Schanghai. Früher gab es hier bedeutende Kunstsammler. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis es wieder soweit ist."

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