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13.01.2003

13:54 Uhr

Langsamer als bisher

Die Gewerkschaften schrumpfen weiter

Der Mitgliederschwund bei den Gewerkschaften konnte im vergangenen Jahr zwar nicht gestoppt werden, hat sich aber erkennbar verlangsamt. Hatten die acht DGB-Gewerkschaften im Jahr 2001 noch mehr als 200 000 Mitglieder verloren, verzeichneten sie im Jahr 2002 nach einer Umfrage der Deutschen Presse-Agentur nur noch ein Minus von rund 175 000 Beitragszahlern.

HB/dpa BERLIN. Hauptgrund für die Entwicklung scheint die wesentlich intensivere Mitgliederwerbung zu sein.

Den größten Rückgang musste erneut die IG Bauen-Agrar-Umwelt (IG BAU) hinnehmen, die fast vier Prozent ihrer jetzt nur noch 490 000 Mitglieder verlor. Hatten im Vorjahr noch 30 000 Menschen die IG BAU verlassen, waren es diesmal nur rund 20 000. Die Kurve flache allmählich ab, sagte ein Sprecher. Die Gewerkschaft habe vor allem von den Tarifauseinandersetzungen und dem Arbeitskampf profitiert. So habe es allein im vergangenen Juni 8000 Eintritte gegeben.

Knapp zwei Jahre nach ihrer Gründung ist ver.di weiter die größte deutsche Gewerkschaft. Bei der letzten Zählung im Juni 2002 verzeichnete die Dienstleistungsgewerkschaft 2,77 Mill. Mitglieder. "Die große Welle von Austritten wurde abgefangen", bilanzierte eine Sprecherin. Während in den ersten acht Monaten nach dem Zusammenschluss von HBV, DAG, ÖTV, IG Medien und Postgewerkschaft 67 000 Mitglieder gegangen waren, wurden in den Folgemonaten nur noch rund 60 000 Austritte gezählt - und diese führt ver.di vor allem auf den Abbau von Arbeitsplätzen zurück.

Allerdings zeigen sich überraschende regionale Unterschiede: Während der ver.di-Landesverband Sachsen-Anhalt lediglich ein Minus von einem Prozent meldet, gingen im benachbarten Sachsen fast vier Prozent der Mitglieder verloren.

Auch bei der IG Metall setzte sich der Abwärtstrend der vergangenen Jahre mit vermindertem Tempo fort. Nachdem 2001 noch 58 000 Metaller ausgetreten waren, bedeuten 2,653 Mill. Beitragszahler im Dezember 2002 nur noch ein Minus von 52 000 Mitgliedern. Besonders hoch seien erneut die Verluste in den neuen Bundesländern gewesen. Von ehemals 1,5 Mill. Arbeitsplätzen in der ostdeutschen Metall- und Elektroindustrie sind den Angaben zufolge mittlerweile nur noch 280 000 übrig.

Ihren geringsten Mitgliederrückgang seit zehn Jahren vermeldet die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG). Mit 245 350 Mitgliedern zum Jahresende habe man per saldo lediglich 5489 Beitragszahler verloren. Vor allem durch intensive Mitgliederwerbung habe man 2001 insgesamt 25 000 Neuzugänge gewinnen können.

In der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE) organisierten sich Ende vergangenen Jahres 823 000 Mitglieder, nachdem es im Jahr zuvor noch knapp 850 000 waren. Der Rückgang sei vor allem auf Todesfälle zurückzuführen, Austritte habe es nur vereinzelt gegeben, sagte ein Sprecher. Die Organisation habe einen sehr hohen Anteil von Rentnern.

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) klagt, dass es sehr schwer sei, neue Mitglieder zu gewinnen. Hatten 2001 aber noch 5000 Personen die GEW verlassen, sank die Mitgliederzahl im vergangenen Jahr lediglich um 1000 auf 264 000.

Unterdessen bescherten Todesfälle, Abwanderung und Personalabbau bei der Deutschen Bahn der Verkehrsgewerkschaft Transnet ein Minus von 11 000 auf jetzt nur noch 295 000 Mitglieder.

Von der Gewerkschaft der Polizei (GdP) lagen, wie schon im Vorjahr, keine aktuellen Zahlen vor. Ende 2000 waren 188 225 Ordnungshüter in der Mitgliederkartei registriert.

Dass sich 2002 der Mitgliederschwund verlangsamt hat, scheint unter anderem an der Nachwuchswerbung der Gewerkschaften zu liegen. Die IG BAU konnte zwischen September und Dezember die Zahl der gewerkschaftlich organisierten Auszubildenden um 25 % steigern. Auch bei der IG Metall sind seit August knapp 21 000 Jugendliche unter 27 Jahren eingetreten - dies sei seit zehn Jahren das beste Ergebnis im vierten Quartal. Entsprechend positiv fällt auch die Bilanz bei Transnet aus: "Die jungen Leute haben erkannt, dass sie gerade in der heutigen Zeit die Gewerkschaft brauchen."

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