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05.01.2001

15:26 Uhr

Laurent Piepszownik: Ein Mann mit Vergangenheit

Vom Gewerkschaftsaktivist zu einem der erfolgreichsten Jungunternehmer Frankreichs

VonDavid Woodruff (Wall Street Journal Europe)

Laurent Piepszownik ist das merkwürdige Produkt zweier widerstreitender "Ismen": Kommunismus und Kapitalismus. Der 47-jährige ehemalige Gewerkschaftsaktivist leitet jetzt Europstat, eines der am schnellsten wachsenden Unternehmen Frankreichs.

DÜSSELDORF. Die Computerberatungsfirma, die in diesen Tagen in Umanis umbenannt wird, ist seit zwei Jahren an der Börse und hat ihren Gründer, der gerne Mao Tse-tung zitiert und in den 80er-Jahren in Kuba und Nicaragua Urlaub gemacht hat, um Verbindungen zu den Genossen dort aufzubauen, zu einem millionenschweren Jungunternehmer gemacht.

Kommunistische Vergangenheit hin oder her - heute jedenfalls ist nicht mehr viel Dogmatisches aus Piepszowniks Munde zu hören. Viel zu sehr ist er damit beschäftigt, ein Unternehmen zu leiten, das jeden Monat mehr als 100 neue Mitarbeiter einstellt. Europstat, das er vor einem Jahrzehnt mit 300 000 Franc an Ersparnissen als Entwickler von Informationssystemen für Großkunden gegründet hatte, spezialisiert sich nun darauf, Unternehmen der Old Economy internetfähig zu machen. Das Unternehmen erledigt alles - vom Entwerfen von Web-Sites bis zur Einrichtung von Online-Zahlungssystemen. In diesem Jahr werden etwa 65 Prozent des Umsatzes aus Dienstleistungen rund um das Internet kommen.

Frustrierter Ehrgeiz als Antrieb

"Was mich dazu geführt hat, ein Unternehmen zu gründen, war frustrierter Ehrgeiz", erklärte Piepszownik jüngst in einem Interview. "Rund 80 Prozent der Firmen, die heute gegründet werden, sind im Dienstleistungssektor beheimatet und sie sind nicht kapitalintensiv. Alles, was man braucht, ist eine gute Idee."

Die Schwierigkeiten, die viele Internet-Startups in den letzten Monaten ereilt haben, wirkten sich auf Europstat nur wenig aus. Die Hauptkunden des Unternehmens sind etablierte Firmen, die sich jetzt erst dafür rüsten, die Möglichkeiten des Handels und der Kommunikation im Web zu nutzen. Allerdings verlangsamte sich im späten Frühjahr 2000 das Geschäft kurzzeitig. Das schreckte Investoren ab und trug zu einem massiven Verkauf von Europstat-Aktien bei. Der Kurs sank auf rund 20 Euro je Aktie gegenüber einer Spitze von 172 Euro im Februar.

In der ersten Hälfte des laufenden Geschäftsjahrs erhöhte sich der Umsatz von Europstat um 81 Prozent auf 27,7 Millionen Euro. Das ist ein gesundes Wachstum, liegt aber unter der zweieinhalbfachen Rate, die das Unternehmen und Analysten angenommen hatten. Die Firma verbuchte einen Reinverlust von vier Millionen Euro, was die Kosten des schnellen Wachstums widerspiegelt.

Berufsleben begann als Ingenieur beim Energieversorger Electricité de France

Piepszownik, der in einer Arbeiterfamilie aufwuchs, hatte sein Berufsleben als Ingenieur in der Forschungsabteilung des staatlichen französischen Energieversorgers Electricité de France (EdF) begonnen. Im risikoscheuen Frankreich der 80er-Jahre war das die Art von Arbeit, die Mütter für ihre Kinder erträumten, mit lebenslanger Arbeitsplatzgarantie und den anderen Vergünstigungen, die der Beamtenstatus in Frankreich so mit sich bringt.

Als Mitglied der Kommunistischen Partei Frankreichs wurde Piepszownik bei EdF in der Gewerkschaft CGT aktiv. Bei Kampagnen für Betriebsratswahlen kämpfte er hart und erreichte, dass der Stimmenanteil für die CGT deutlich anstieg.

Im Jahre 1986 bereisten er und sein Gewerkschaftskollege Olivier Frachon "aus Solidarität" drei Wochen lang Kuba und Nicaragua, wo die kommunistische Regierung die rechtsgerichteten, von den USA unterstützten Rebellen bekämpfte. Nach ihrer Rückkehr nach Frankreich sammelten sie gebrauchte Werkzeuge und schickten sie ihren neuen Genossen. "Er war extrem engagiert", sagt Frachon, der immer noch bei EdF arbeitet. "Und er hatte immer so viele Ideen."

Aber immer mehr langweilte sich Piepszownik bei dem bürokratischen Staatsunternehmen. So kam es 1990 gegen den Rat von Freunden und seiner verzweifelten Mutter zur Gründung von Europstat. Ursprünglich lautete seine Idee: liefere hochspezialisierte, statistische Analysen für Pharma-, Einzelhandels- und Industrieunternehmen. Sein erster Kunde war ein von großen französischen Staatsunternehmen unterstütztes Institut, aber bald bekam er Aufträge von Firmen wie dem amerikanischen Konsumgütergiganten Procter & Gamble Co.

Auch in der ausgedehnten Rezession Anfang der 90er-Jahre wuchs das Unternehmen schnell weiter. Und seine Bandbreite dehnte sich auf Bereiche wie Systeme zur Entscheidungsfindung, Datenspeicherung, Kundendienstleistungen und danach auch E-Commerce aus. Heute verfügt die Firma über Niederlassungen in ganz Europa, wie etwa in Mailand, London, Madrid und Warschau.

Auch wenn sein Geschäft wie verrückt wächst, hat Piepszownik seine Neigung nicht verloren, neue Unternehmen ins Leben zu rufen. Seine Leidenschaft für Rugby war mit ein Auslöser für das Projekt, das er im Januar letzten Jahres angestoßen hat: der Verluste schreibende, staatliche Sportnachrichten-Rundfunksender Sport O?FM soll als Pendant für eine europaweite Web-Site eingesetzt werden, die Nachrichten und Informationen über Sportarten vom Radfahren bis zum Tennis zum Inhalt hat.

Ein Mann mit unerschütterlichem Optimismus

Obwohl das Interesse der Investoren flau war, blieb Piepszowniks Optimismus unerschütterlich. Er hat für den Sender einen symbolischen Franc gezahlt und bisher 30 Millionen Franc in das Multimediaprojekt investiert. Der Sender, der momentan nur in Frankreich zu empfangen ist, nimmt rund 1,2 Millionen Franc im Monat ein. Seine Kosten sind niedrig, weil die meiste Arbeit von freien Mitarbeitern erledigt wird.

Piepszownik ist kein Kommunist mehr. Aber seine Vergangenheit spielt immer noch eine Rolle dabei, wie er die Welt sieht. In einem Atemzug beklagt er sich, dass der private Einkommensteuersatz in Frankreich zu hoch sei. Aber schon im nächsten erklärt er: "Solidarität ist ein Wort, das mich vorher motiviert hat und mich immer noch motiviert. Ich werde niemals sagen, dass ich zu viele Steuern zahle."

Er beschwert sich auch über die 35-Stunden-Woche, die die Regierung unter dem sozialistischen Premierminister Jospin in Frankreich in dem Versuch eingeführt hat, mehr Arbeitsplätze zu schaffen. Während die kürzere Wochenarbeitszeit es einigen Unternehmen im verarbeitenden Gewerbe vielleicht möglich gemacht hat, eine Flexibilität auszuhandeln, die tatsächlich die Produktivität anheben kann, bedeutet sie für Dienstleistungsfirmen wie der seinen nur zusätzliche Kosten.

Europstat hat aus Piepszownik zumindest auf dem Papier einen wohlhabenden Mann gemacht. Selbst angesichts des Schwächeanfalls beim Europstat-Kurs wird sein Anteil von etwa 50 Prozent an dem Unternehmen mit fast 15 Millionen Euro bewertet. Aber sein neuer Reichtum bedeutet nicht, dass er sich vollkommen wohl in seiner Haut fühlt, wenn er bei Geschäftstreffen oder Konferenzen anderen Chefs begegnet. Als er jüngst bei einer Zusammenkunft auf eine Gruppe Zigarren paffender Geschäftsleute traf, die gerade dabei waren, als eine Art von Zeitvertreib über Gewerkschaften herzuziehen, "dachte ich, die wären aus einer anderen Zeitrechnung. Das ist hart für mich." Allerdings würde sich der erfolgreiche Unternehmer heute wohl auch gegenüber einem kubanischen Gewerkschaftler nicht mehr komplett entspannt fühlen...

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