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16.07.2000

19:30 Uhr

"Leibeigene“ wehren sich gegen Abhängigkeit von Großkonzernen

Autohändler gründen eigene Bank

VonStefan Menzel

Der deutsche Autohandel setzt auf mehr Unabhängigkeit von den großen Automobilkonzernen: Die Händler gründen zum 1. September eine eigene Bank, die bei der Finanzierung des Autoabsatzes und bei Investitionen in eigenen Betrieben helfen soll.

DÜSSELDORF. "Leibeigene" nennt Rolf Leuchtenberger, Präsident des Zentralverbandes Deutsches Kraftfahrzeuggewerbe (ZDK) in Bonn, die deutschen Autohändler. Tatsächlich hat die Branche nicht nur wegen der angespannten Autokonjunktur Grund zur Klage. Vor allem wächst die Abhängigkeit von den Automobilproduzenten.

Denn nicht nur bei Autos, auch in der Finanzierung sind die Vertragshändler mittlerweile in die Abhängigkeit der großen Konzerne geraten. So ist es in der Branche üblich, dass die Automobilhersteller über ihre konzerneigenen Banktöchter auch den Fahrzeugabsatz finanzieren. Besonders bei Neuwagen werden die Vertragshändler so zusätzlich an die Hersteller gebunden. Und auch bei gebrauchten Fahrzeugen spielen die Konzernbanken eine immer größere Rolle.

Der ZDK will seine Mitgliedsunternehmen jetzt ein Stück aus der Abhängigkeit der Hersteller befreien. "Unsere Händler sollen nicht länger am Tropf der herstellereigenen Banken hängen", sagt Verbandschef Leuchtenberger gegenüber dem Handelsblatt. Deshalb gründet der ZDK mit zwei Partnern zum 1. September die neue "Bank deutsches Kraftfahrzeuggewerbe".

Eine Beteiligungsgesellschaft des ZDK soll künftig 34 % an der neuen Bank halten, wichtigster Anteilseigner wird die Wuppertaler Gefa - Gesellschaft für Absatzfinanzierung. Das Tochterunternehmen der Deutschen Bank wird sich mit 51 % an dem neuen Kreditinstitut beteiligen. Die restlichen 15 % übernimmt der Techno-Versicherungsdienst aus Nürnberg. Dieses Unternehmen haben Autohändler und Teilehersteller gemeinsam gegründet. Im Vorfeld hatte der ZDK mit einer Reihe von möglichen Partnern verhandelt. Im Gespräch war auch die AKB-Bank (Werhahn-Gruppe).

Wie es heißt, stehen die Aufsichtsbehörden der neuen Bank positiv gegenüber. Das Bundesaufsichtsamt für das Kreditwesen habe bereits seine Genehmigung zur Gründung der Bank erteilt.

Das neue Kreditinstitut des Kraftfahrzeuggewerbes soll auf jeden Fall - wie auch die konzerneigenen Hausbanken - die Finanzierung des Fahrzeuggeschäfts übernehmen. Außerdem ist geplant, dass die Bank des Kraftfahrzeuggewerbes Investitionen in den Händlerbetrieben finanziert. Dies soll nicht direkt, sondern künftig durch eine Vermittlung von Krediten erreicht werden.

Hauptgeschäftsführer Creutzig zuversichtlich

ZDK-Hauptgeschäftsführer Jürgen Creutzig äußerte sich zuversichtlich, dass sich das neue Kreditinstitut recht schnell am Markt etablieren kann. "Deshalb haben wir uns auch für die Nummer eins im Markt als Partner entschieden", sagte Creutzig mit Blick auf die Deutsche Bank. Deshalb sollte es der Bank des Kraftfahrzeuggewerbes in Zukunft gelingen, Einfluss auf die Marktkonditionen von Krediten für Händlerbetriebe zu nehmen.

Die wirtschaftliche Situation der Händler könne sich dadurch in den kommenden Jahren möglicherweise verbessern. Der ZDK beklagt die schlechte Ertragslage seiner Mitgliedsunternehmen. Die Vorsteuerrendite habe sich im vergangenen Jahr noch einmal von 1,4 % auf 1,2 % verschlechtert.

Die Hausbanken der großen Automobilkonzerne haben in den vergangenen Jahren eine dominierende Stellung im Fahrzeuggeschäft eingenommen. Auch große Geldhäuser wie die Deutsche Bank zogen sich aus diesem Bereich zurück. Von der Zusammenarbeit mit dem Kraftfahrzeuggewerbe erhofft sich die Frankfurter Großbank jetzt jedoch eine neue Chance im Geschäft mit Automobilen. Für die Autohersteller ist das Finanzierungsgeschäft in den vergangenen Jahren besonders lukrativ geworden und hat sich sogar zu den renditestärksten Sparten entwickelt. Es gibt deshalb nur noch ganz wenige Hersteller, die auf eine eigene Hausbank verzichten.

Marktbeobachter glauben, dass die angekündigte Zusammenarbeit zwischen ZDK und Deutscher Bank die Automobilhersteller und deren Hausbanken massiv unter Druck setzen könnten. Schon jetzt gibt es zwischen Großbanken und Autoherstellern einen starken Wettbewerb beim Fahrzeug-Leasing. In diesem Bereich konkurrieren die Leasing-Gesellschaften der Automobilhersteller und die Tochterunternehmen der Banken.

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