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05.01.2001

15:39 Uhr

Live-Berichterstattung geplant

Fernsehsender wollen aus Becker-Scheidung Kapital schlagen

Die Anhörung im Scheidungsfall Barbara gegen Boris Becker wird am kommenden Montag aus Miami vermutlich von zahlreichen Privatsendern live übertragen. Die öffentlich-rechtlichen Sender ARD und ZDF werden dagegen auch wegen der geltenden Rechtslage in Deutschland, die das Filmen bei Prozessen verbietet, nicht direkt aus dem US-Gerichtssaal berichten. Der Deutsche Journalistenverband (DJV) appellierte unterdessen an die TV-Sender, auf Live-Übertragungen des Prozesses zu verzichten.

dpa HAMBURG.

Sat.1 kündigte am Freitag an, dass der Sender ab 16 Uhr am Montag zumindest für eine Stunde live aus Miami dabei sein werde. Außerdem seien am Abend Sondersendungen wie im Boulevardmagazin "blitz" geplant, sagte Sat.1-Chefredakteur Jörg Howe. RTL will bereits ab 15 Uhr aus Miami übertragen. Wie Sat.1 wolle man live im Prozess jedoch nur so lange am Ball bleiben, wie der Fall interessant bleibe. Notfalls werde man auch im Abendprogramm dabei sein, sagte ein Sprecher.

ARD und ZDF heben Thema für Boulevardsendungen auf

Die ARD wird nach den Worten ihres Chefredakteurs Hartmann von der Tann nur innerhalb ihrer Nachrichtensendungen und im Boulevardmagazin "Brisant" über die Auseinandersetzung informieren, "aber nur wenn es sich ergäbe". Auch Sondersendungen wie "Brennpunkt" werde es nicht geben. Der stellvertretende ZDF-Chefredakteur Helmut Reitze betonte, dass der Mainzer Sender sich an das in Deutschland geltende Prinzip halte, keine Live-Bilder aus Gerichtsverfahren zu zeigen. "Das ist für das ZDF die Scheidelinie". Dieses Prinzip gelte umso mehr für ein Scheidungsverfahren. Das ZDF werde jedoch über die Auseinandersetzung in seinen Nachrichtensendungen und in dem Boulevardmagazin "Leute heute" berichten.

Für n-tv kommt Life-Berichterstattung nicht in Frage

Ebenfalls wieder live beim Prozess dabei ist der Nachrichtensender N24, der am Donnerstag bereits die erste Anhörung in Miami gezeigt hatte. Dies kündigte eine N24-Sprecherin in München an. Distanziert geht dagegen der Nachrichtensender n-tv zu Werk. Er wird nicht live berichten, nur in den Nachrichten und in der Montagsausgabe der Reihe "Das Thema" (20.15 Uhr). "Die Privatsphäre muss geschützt werden", sagte ein Sprecher. "Wir wollen nicht dabei sein, wenn schmutzige Wäsche gewaschen wird."

Diese Haltung widerspreche nicht dem laufenden Begehren von n-tv vor dem Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe, das Filmverbot bei Prozessen in Deutschland zu lockern. Dabei müsse immer gelten, die Schicksale zu berücksichtigen und die Relevanz für die Öffentlichkeit im Auge zu behalten, sagte die Sprecherin des Berliner Senders. Die Richter in Karlsruhe werden am 24. Januar eine Entscheidung verkünden.

Der Vorsitzende des Deutschen Journalistenverbandes, Siegfried Weischenberg, forderte die Privatsender am Freitag im Saarländischen Rundfunk auf, auf stundenlange Live-Übertragungen aus dem Prozess zu verzichten. "Ich würde empfehlen, mit diesen Bildern behutsam umzugehen". Weischenberg plädierte dafür, dass die TV-Sender vom Verfahren nur zeitversetzte Ausschnitte senden, auch wenn rechtlich Liveübertragungen aus einem US-Gerichtssaal nicht zu verhindern seien. Grundsätzlich befürwortet der DJV-Chef auch eine Lockerung des TV-Verbots in deutschen Gerichten. Von Sorgerechtsprozessen müsse die Öffentlichkeit jedoch weiter ausgeschlossen werden.

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