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16.01.2001

11:08 Uhr

Lokalpolitiker machen Baufirmen für Katastrophe verantwortlich

Bis zu 3 000 Erdbeben-Tote in El Salvador befürchtet

Nach dem verheerenden Erdbeben in El Salvador befürchten die Behörden bis zu 3 000 Todesopfern. Einige entlegene Gegenden sind wegen des Zusammenbruchs der Kommunikationswege noch weitgehend von der Außenwelt abgeschnitten.

ap SAN SALVADOR. Nach dem verheerenden Erdbeben in El Salvador befürchten die Behörden bis zu 3 000 Todesopfern. Bislang wurden 609 Leichen geborgen und mehr als 2 400 Verletzte registriert. Sechs Tote wurden aus dem benachbarten Guatemala gemeldet. Rettungskräfte suchten am Dienstag noch nach mehreren hundert Verschütteten. Die Hoffnung, dabei noch Überlebende zu finden, war drei Tage nach dem Beben äußerst gering. Einige entlegene Gegenden sind wegen des Zusammenbruchs der Kommunikationswege noch weitgehend von der Außenwelt abgeschnitten.

Der salvadorianische Präsident Francisco Flores rechnet damit, dass die Zahl der Toten noch bedeutend steigt. Aus Kolumbien würden am Dienstag 3 000 Särge eintreffen, teilte Flores am Montagabend in einer Fernsehansprache an die Nation mit. Der Präsident forderte das Volk gleichzeitig dazu auf, die Hoffnung nicht aufzugeben. "Das Wichtigste ist jetzt Solidarität mit den Menschen, die sie am meisten benötigen", sagte Flores.

Für das katastrophale Ausmaß des Erdrutsches in Las Colinas im Westen der Hauptstadt San Salvador machten Umweltschützer und Lokalpolitiker die Abholzung der Wälder auf dem Hügel oberhalb der Siedlung verantwortlich. Die Bewohner von Las Colinas hätten schon vor langem den Kongress gebeten, die Bebauung des Hügels zu stoppen, hieß es. Vertreter der Gemeindeverwaltung von Santa Tecla, zu der Las Colinas gehört, seien sogar vor den Obersten Gerichtshof gezogen. Die Petition wurde jedoch im vergangenen Jahr abgelehnt. Der Bürgermeister von Santa Tecla, Oscar Ortiz, kritisierte, die Baufirmen hätten finanziellen Gewinn höher bewertet als Menschenleben. In der vor allem von Familien der Mittelschicht bewohnten Siedlung riss der Erdrutsch am Samstag über eine Breite von 450 Metern Häuser, Autos und Bäume mit sich.



Verschüttete wahrscheinlich erstickt



Nach Angaben eines Armeesprechers bestand am Dienstag praktisch keine Hoffnung mehr, noch Überlebende zu bergen. Diejenigen, die nicht sofort tot gewesen seien, seien wahrscheinlich unter den Schlamm- und Geröllmassen erstickt, sagte Oberst Jose Miranda. Allerdings hätten Helfer eine Leiche ausgegraben, deren Blut noch warm war: "Also ist alles möglich."

Die Rettungsarbeiten in der Katastrophenregion wurden immer wieder von Nachbeben erschwert. Bis Montag wurden mehrere hundert Nachbeben registriert, das schwerste davon hatte nach offiziellen Angaben die Stärke 5,4 auf der Magnitudenskala. Das Hauptbeben am Samstag hatte die Stärke 7,6. In El Salvador, das von der Katastrophe am stärksten betroffen war, wurden 185 Erdrutsche gemeldet. Mehr als 45 000 Gebäude wurden dabei zerstört oder beschädigt. Die Polizei teilte mit, fast 18 000 Menschen seien aus den gefährdeten Orten evakuiert worden. Die Hälfte der sechs Mill. Einwohner des Landes waren nach Angaben der Pan-Amerikanischen Gesundheitsorganisation von der Wasserversorgung abgeschnitten.

Staatsminister Ludger Volmer reist in den nächsten Tagen nach San Salvador, wie das Auswärtige Amt am Montag mitteilte. Volmer will dort die Soforthilfe der Bundesregierung übergeben, unter anderem ein Notlazarett des Deutschen Roten Kreuzes. Die Bundesregierung erfülle damit einen ausdrücklichen Wunsch der Regierungen von El Salvador, Guatemala, Honduras und Nicaragua, hieß es weiter.



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