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01.02.2001

19:00 Uhr

DARMSTADT. Erst kürzlich hat Lothar Leder einen Bericht über Day-Trader gelesen. Jene Aktienzocker, die auf schnelle Transaktionen setzen, um von kleinen Kursschwankungen innerhalb eines Tages zu profitieren, haben die Neugierde des deutschen Weltklasse-Triathleten geweckt: "Dafür wäre ich auch anfällig", lächelt der 28jährige in einer Art und Weise, die Vorfreude und Befürchtung zugleich ausdrückt. Vorerst aber muss die extreme Spielart des Börsenfiebers warten. Dem Ausdauer-Profi fehlt die Zeit für intensives Nachdenken über Geldanlage: "Schauen Sie sich meinen Zeitplan an. Das ist die Hölle. Eigentlich bräuchte ich eine Sekretärin."

Die Folge ist, dass der Darmstädter seine finanziellen Deals an den Kapitalmärkten in fremde Hände gelegt hat. Ein guter Bekannter, zugleich Chef der Frankfurter Software-Firma Consultec, hat von ihm die Vollmacht erhalten, mit seinem Geld Wertpapiere zu kaufen und verkaufen. Leders Zustimmung ist nicht erforderlich, nur mit einem Bankberater stimmt sich der Verwalter des Sportlervermögens ab. "Die können quasi machen, was sie wollen", sagt Leder, ohne dabei ein ungutes Gefühl zu bekommen. Er vertraut dem Software-Experten und Hobby-Anlageberater, der zugleich einer seiner Sponsoren ist und ihn als Internet-Berater beschäftigt. Zeit für Arbeitseinsätze im Büro bleibt freilich nicht.

"Ich bin eben ein risikobereiter Typ und möchte Geld machen an der Börse", erläutert Leder, der 1996 als Erster einen Ironman-Triathlon - 3,8 Kilometer Schwimmen, 180 Kilometer Radfahren und 42,195 Kilometer Laufen - in weniger als acht Stunden beendete. Das Aktiendepot des Lothar Leder besteht weitgehend aus amerikanischen High-Tech-Werten, deutsche Standardpapiere sind die Seltenheit. "VW habe ich noch, die Kursentwicklung ist eine Katastrophe", ärgert sich Leder über die Wolfsburger Autobauer. Der Tipp für VW stammt allerdings noch aus Zeiten, als er sich auf Empfehlungen seiner Heimatbank verließ.

Seit er dieser den Rücken kehrte, wurde aus dem ehemals konservativen und auf Sicherheit bedachten Leistungssportler ein experimentierfreudige Anleger. Der hatte einst eine Banklehre absolviert, wurde dann für zwei Jahre Sportsoldat und stieg anschließend wieder als Teilzeitkraft ins Bankgeschäft ein. Als der Sport einen immer größeren Zeitaufwand erforderte, entschied sich Leder für eine Profikarriere. Ein gewagter Schritt, schließlich ist Triathlon nur Weltklasse-Athleten wirklich lukrativ. Für die Schnellsten sind Jahreseinnahmen in Höhe von 300 000 Mark inclusive Sponsorenzahlungen aber durchaus möglich.

Zehn Unternehmen (darunter Hersteller von Müsli-Riegeln, Reifen und Brillen) überweisen Geld auf Leders Konto, der gern auf die Dienste einer großen Agentur zurückgreifen würde, obwohl er bisher erfolgreich im Alleingang akquiriert. Auch den Sportartikelproduzenten Nike, der den mit Abstand größten Batzen beisteuert. "Mehr als alle anderen zusammen", bemerkt der Berufssportler, der um die Bedeutung der Öffentlichkeitsarbeit weiß. "Wenn man einmal im Sportstudio war, macht sich das bei der Sponsorennachfragegleich bemerkbar ."

Dass Nike aus Marketinggründen dazu beigetragen hat, dass sich der Vertragspartner zum vorübergehenden Umstieg auf die erstmals bei Olympia vertretene Kurzdistanz entschieden hat, um vor einem Millionenpublikum in Sydney anzutreten, verneint Leder. Zumal seine Qualifikation noch keineswegs gesichert ist und er selbst eine Medaille in Australien als Utopie ansieht. "Wenn man richtig Zunder hat, kann man den Wechsel schaffen", glaubt Leder.

Die lange Version der Schwimm-, Rad- und Lauf-Mixtur ist dennoch kaum mit der kürzeren vergleichbar. "Der Umstieg von der langen zur kurzen Strecke ist schwerer als umgekehrt", erklärt Leder. "Auf der olympischen Strecke kann man keine schwache Disziplin mehr ausgleichen, außerdem ist die Umstellung der Muskulatur schwierig."

Auf der Ironman-Distanz gehört Leder zweifelsohne zu den Spitzenleuten in der Welt. Daher lohnt sich der Wechsel zur Kurzstrecke aus finanzieller Sicht nicht. "Die Leistungsdichte liegt deutlich über der auf der Ironman-Distanz", meint Leder. "Außerdem sind meine Schwimmleistungen noch zu schlecht, um ganz vorne mit dabei zu sein." Die Teilnahme an Olympischen Spiele aber reizt gewaltig.

Genauso wie das Thema Finanzen. Allerdings wagte Leder ungeachtet seiner Ausbildung zum Banker den Schritt an die Börse erst vor zwei Jahren. Bis dahin hatte der Ironman, der bei der gleichnamigen Veranstaltung auf Hawaii zweimal Dritter wurde, auf Festgeldanlagen gesetzt, doch "als Deutschland dann von einer Art Aktienboom erfasst wurde, war ich auch dabei", erinnert er sich. Er blickt auf erfolgreiche Investments in SAP - und Teldafax-Aktien zurück und will die Börsenwelt nicht mehr missen. "In den Büroalltag eines Bankangestellten werde ich später aber nicht zurückkehren", hat er genug von Schlips- und Anzugpflicht. "Vielmehr möchte ich dem Triathlonsport verbunden bleiben." Ein Ende der Laufbahn ist noch lange kein Thema: "Acht bis zehn Jahre möchte ich noch im Profigeschäft bleiben."

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