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07.04.2003

08:00 Uhr

Louise Barton erzielt Teilerfolg vor Gericht

Analystin wehrt sich gegen Diskriminierung

VonFelix Schönauer

Prämien für Banker werden bislang zum Teil willkürlich verteilt. Doch Frauen machen Druck. Sie sind oft benachteiligt. Ein Urteil in der City könnte nun das bisherige System auf den Kopf stellen.

LONDON. Morgens ließ sich Louise Barton das Urteil des Einspruchsgerichts persönlich aushändigen, abends feierte sie mit Freunden und Champagner. Die 52-Jährige ehemalige Medienanalystin der Investment-Bank Investec Henderson Crosthwaite gelang in London der vorentscheidende Sieg gegen ihren Ex-Arbeitgeber. Das Gericht hob das Urteil auf, nach dem ihr Einwand gegen sexuelle Diskriminierung unbegründet ist. Barton fühlt sich ungerecht behandelt, weil ein männlicher Kollegen bei gleicher Leistung über vier Jahre mit 2,1 Mill. Pfund doppelt so viel kassierte wie sie.

Das Urteil hat in zweifacher Hinsicht weit reichende Konsequenzen. Es verschafft den Gegnern sexueller Diskriminierung frischen Wind. Darüber hinaus schreibt er Arbeitgebern - gerade in der City - eine klare Mahnung zu höherer Transparenz bei variablen Gehaltszahlungen ins Stammbuch: "Frau Barton hat viel für ihre Kollegen erreicht", sagt Naomi Feinstein, Partnerin für Arbeitsrecht bei der Kanzlei Lovell?s.

Das Gehalt bei Bankern besteht in der Regel aus einem festen Anteil und einem Bonus. Bislang ist es bei einigen Instituten gang und gäbe, dass Vorgesetzte die jährlichen Prämien, die ein Vielfaches des Grundgehalts ausmachen können, nach eigenem Ermessen festlegen. Sie müssen Untergebenen keine Rechenschaft ablegen. Auch Fragen nach Boni der Kollegen sind tabu.

Doch der Druck gegen diese Art von Intransparenz steigt: am Sonntag trat eine Reform des "Equal Pay Act" von 1970 in Kraft, die Arbeitnehmern künftig erlaubt, ihre Chefs nach anonymisierten Vergleichszahlen zu fragen. Gleichzeitig widersetzen sich weibliche Angestellte zunehmend der Willkür: Das Handelsministerium zählte im Jahr 2002 mehr als 10 000 Eingaben wegen sexueller Diskriminierung bei den Arbeitsgerichten. 1995 waren es noch 3 000 gewesen. Vom Handelsblatt befragte Banken wie JP Morgan Chase wollten sich zu dem aktuellen Fall jedoch nicht äußern.

Die meisten Auseinandersetzungen werden still und leise geregelt, weil die Arbeitgeber negative Presse fürchten. Zuletzt haben hochkarätige Fälle in der City die Facetten der sexuellen Diskriminierung auf die Tagesordnung gebracht:

- Kay Swinburne erreichte von der Deutschen Bank eine millionenschwere außergerichtliche Abfindung, weil sie von ihrem Chef mit "sexistischen Äußerungen" zur Kündigung gezwungen wurde.

- Händlerin Isabelle Terrillon erreichte eine außergerichtliche Einigung gegen die japanische Bank Nomura in Höhe von 70 000 Pfund. Sie hatte nach einem dreijährigen Mutterschaftsurlaub den Job verloren.

- Ailing Sykes erstritt 12 000 Pfund von JP Morgan, weil die Bank sie ohne Warnung gefeuert hatte.

Die Medienanalystin Louise Barton ist noch nicht am Ende ihres mehrjährigen Kampfes: Ihr Fall ist "nur" zum Arbeitsgericht zurückverwiesen worden. Anwälte in der City gehen davon aus, dass Investec eine außergerichtliche Einigung sucht, um sich eine demütigende Niederlage zu sparen. Investec selbst zeigte sich "zuversichtlich, dass wir auch ein zweites Mal zeigen können, dass keine Diskriminierung vorlag."

Erfolgreiche Kämpfer wissen um die Schattenseiten. Arbeitgeber versuchen während des Verfahrens, sie als faule Versager zu brandmarken. Zudem sind sie in den Medien bekannt: "Manche Banker können später in der City keinen Job mehr bekommen", sagt ein Anwalt. Barton glaubt, dass "erfahrene Banker gute Chancen" haben. Sie hat noch nicht entschieden, ob sie erneut in der City arbeiten will.

Quelle: Handelsblatt

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