Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

07.04.2016

17:30 Uhr

Lügenposting

Wie sich das Handelsblatt gegen Facebook-Hetze wehrt

VonTina Halberschmidt

Betreiber der Facebook-Seite „Deutschland deckt auf“ haben eine Meldung von Handelsblatt Online mit einer gefälschten Überschrift verbreitet, um gegen Flüchtlinge zu hetzen. Auch andere Medienhäuser kennen das Phänomen.

Links das Original, rechts die dreiste Fälschung.

Lügenposting

Links das Original, rechts die dreiste Fälschung.

DüsseldorfAlles begann mit der Nachricht einer Facebook-Nutzerin: „Ihr Beitrag mit ‚geschmückter‘ Überschrift“, schrieb Frau G. Angehängt der Screenshot einer Facebook-Seite. Auf ihr war eine der Meldungen von handelsblatt.com veröffentlicht worden. An sich nichts Ungewöhnliches. Doch die Betreiber der Seite hatten nicht einfach nur die originale Handelsblatt-Nachricht geteilt, wie es seriöse Seiten häufig tun. Nein, in diesem Fall wurde die Überschrift des Artikels geändert, um mit dem Posting gegen Flüchtlinge zu hetzen: „Mitteldeutsche Regiobahn führt Frauenabteile ein“, hieß es in unserer Original-Meldung.

Auf der Seite „Deutschland deckt auf“ wurde daraus die Headline „Regiobahn führt Frauenabteile ein, wegen Übergriffe durch Flüchtlinge.“ Dies ist nicht nur grammatikalisch falsch, sondern auch inhaltlich.

Denn tatsächlich kann man über die Einführung von Frauenabteilen in einigen Zügen der Mitteldeutschen Regiobahn (MRB) diskutieren. Sie hat aber nichts mit Flüchtlingen zu tun. Wie ein MRB-Sprecher unseren Kollegen vom Tagesspiegel erklärte, habe es keine sexuellen Übergriffe gegeben. Vielmehr handele es sich bei einigen Zügen auf der betreffenden Strecke um „ältere Abteilwagen“, teilweise noch aus DDR-Zeiten, für die das Unternehmen schon viel Kritik hätte einstecken müssen. In einigen Abteilen sei es so dunkel, dass man erst den Lichtschalter suchen müsse, der sich im Inneren über der Tür befinde. Deswegen solle das Sicherheitsgefühl der weiblichen Fahrgäste gestärkt werden.

Auch in unserem Artikel steht nichts von „sexuellen Übergriffen durch Flüchtlinge“. Das passte der Fanpage „Deutschland deckt auf“, auf der offen gegen Asylanten und Flüchtlinge gehetzt wird, aber offenbar nicht. Also manipulierten die anonymen Seitenbetreiber – ironischerweise versprechen sie bei Facebook die „WAHRHEIT zu zeigen, die sonst von Politik und Medien verschwiegen wird“ – einfach unsere Headline.

Dies ist bei Facebook tatsächlich möglich: Wenn auf Fanpages Links auf Nachrichtenartikel geteilt werden, können Überschrift und Teaser des Originals editiert werden. Damit können Inhalte bewusst verfälscht werden.

Das musste auch die Abendzeitung (AZ) erleben: In einem Artikel der Münchner hieß es: "Jugendliche wollten Flüchtlingsheim in Brand stecken" Die AfD Nürnberg machte bei Facebook daraus: „Polizei erwischt Linksextreme bei Brandstiftung in Asylbewerberheim". Die AfD erklärte die Sache damals auf ihre Weise: Man fände „es sehr bedauerlich, dass Medien meist keine Aufklärungsarbeit betreiben, sondern verschleiern, wie auch in diesem Artikel.“

Und auch eine Headline von Spiegel Online wurde manipuliert: Im Original hatte ein Text über die Situation an der griechisch-mazedonischen Grenze den Titel „Flüchtlinge in Mazedonien: Panik vor dem Zaun“. Auf einer Pegida-Facebook-Page wurde daraus die Überschrift „Asylbetrüger besteigen Eurocity aus Mazedonien Richtung Germany“. Vermutlich sei ein „interner Arbeitstitel“ vom Volontär in der Redaktion versehentlich live geschaltet worden, hieß es dazu seitens Pegida.

Das Problem der manipulierten Überschriften ist Facebook bewusst: Man arbeite bereits an einer Lösung, so ein Facebook-Sprecher im Gespräch mit dem Handelsblatt. Nach Informationen von Spiegel Online will das Netzwerk das Problem nun aktiv angehen. Man wolle „dabei helfen, dass Medieninhalte nicht verfälscht werden“. Künftig sollten nur noch die Fanpages der Medienhäuser ihre eigenen Links editieren können. Es habe in den vergangenen Jahren allerdings nur sehr wenige Beschwerden über gefälschte Überschriften gegeben, so Facebook im Handelsblatt-Gespräch.

Wir aber haben uns bei Facebook beschwert. Zudem haben wir die Sache an unsere Rechtsabteilung weitergeleitet – und uns noch dazu direkt bei Facebook gegen die dreiste Manipulation gewehrt: Zunächst haben wir eine offizielle Richtigstellung auf der Seite „Deutschland deckt auf“ mit Verweis auf den Original-Artikel gepostet. Diese Stellungnahme wurde von den Seitenbetreibern gelöscht; der Handelsblatt-Account wurde blockiert, so dass es uns nicht mehr möglich ist, auf der Seite zu kommentieren.

Weil man es mit der „WAHRHEIT“ bei „Deutschland deckt auf“ also doch nicht so genau zu nehmen scheint, haben wir auf unserer eigenen Facebook-Fanpage ein Posting veröffentlicht, in dem wir uns von dem manipulierten Posting offiziell distanzieren und auf die dreiste Fälschung hinweisen.

+++ IN EIGENER SACHE +++Eine #Facebook-Seite hat einen unserer Artikel veröffentlicht und die Überschrift so...

Posted by Handelsblatt on Mittwoch, 6. April 2016

Auch bei Twitter haben wir Stellung bezogen.

Der Tweet wurde knapp 100 Mal retweetet. Bei Facebook haben viele unserer Facebook-Fans kommentiert und sich für unsere offenen Worte und unser Engagement bedankt. Einige Handelsblatt-Fans wurden sogar selbst aktiv und haben direkt auf „Deutschland deckt auf“ Stellung bezogen oder die Seite bei Facebook gemeldet.

Auch wir hatten die Seite gemeldet. Antwort von Facebook: „Deutschland deckt auf“ verstößt nicht gegen die Gemeinschaftsstandards. Nach einigen persönlichen Gesprächen mit Facebook hoffen wir aber nun, dass mindestens das Lügenposting gelöscht wird. Denn unsere Überschriften machen wir am besten selbst. Und dabei bleibt es.

+++ IN EIGENER SACHE - UPDATE +++Wir möchten uns herzlich bei allen bedanken, die unter dem Hetz-Posting auf der Seite...

Posted by Handelsblatt on Donnerstag, 7. April 2016

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×