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22.01.2001

14:56 Uhr

Luxemburger Vorzeigeunternehmen wird globaler Datendienst-Betreiber und erwägt Gang an die Wall Street

Astra-Satelliten machen Internet Konkurrenz

VonChristoph Hardt

Mit seinen elf Astra-Satelliten setzt der Satellitenbetreiber SES nicht nur auf Fernsehprogramme, sondern verstärkt auch auf Software-Übertragungen und Multimediadienste für Unternehmen. Um in diesem Markt weltweit präsent zu sein, kauft das Unternehmen jetzt gezielt im Ausland zu.

HB LUXEMBURG. Ein Hauch von Gülle liegt in der Luft, dort, wo die SES zu Hause ist. Chateau Betzdorf heißt das Areal, das Schloss liegt in den Ardennen, irgendwo zwischen Luxemburg und Trier. Unter all den Bauernhöfen wirkt der Firmensitz noch beeindruckender: Wie aus einer anderen Welt liegt sie da, die Bodenkontrollstation mit den verspiegelten Glaskuben, davor die stramm aufgestellte Kompanie schneeweißer Riesen-Schüsseln.

Das Geschäft blüht in 35 770 Kilometern Höhe

"Wir sind ein Satellitenbetreiber", antwortet Unternehmenssprecher Yves Feltes auf die Frage, ob er sein Unternehmen der Neuen oder doch der Old Economy zuordne. Das Selbstbewusstsein der Leute von SES rührt nicht nur aus der Allgegenwart von High Tech im Chateau. Auch Zahlen können sprechen. Ein kurzer Auszug aus dem letzten Halbjahresergebnis (30. Juni 2000): Der Umsatz stieg um 18 % auf 403 Mill. Euro, der Nettogewinn um 17 % auf 113 Mill. Euro. Von solchen Ergebnisse träumen viele Unternehmen am Neuen Markt. Das Geschäft blüht - 35 770 Kilometer über der Erde. Am 1. Februar wird Astra 2d hoch über dem roten Meer die digitale Arbeit beginnen und auf die britischen Inseln senden. Astra 2d, vor Weihnachten mit einer Ariane 5-Rakete gestartet, ist der elfte Spross einer Satelliten-Familie, die der Mutter, der Société Européenne des Satéllites (SES), nur Freude gemacht hat. 15 Jahre nach Firmengründung ist aus dem europäischen Wagnisunternehmen SES der größte Satellitenbetreiber des Kontinents geworden. Inzwischen empfangen weit über 80 Millionen Haushalte in Europa ihre TV-Programme über Astra. Im Jahr 2000 hat die SES einen Anteil am europäischen Satelliten-TV-Markt von 43 % erreicht und damit den halbstaatlichen Hauptkonkurrenten Eutelsat (26 %) klar abgehängt.

Die Telekom gibt bei SES den Ton an

Die SES, deren größter Einzelaktionär mit gut 20 % die Deutsche Telekom ist, arbeitet seit gut vier Jahren auf der Schnittstelle zwischen alter und neuer Ökonomie. Inzwischen übertragen die elf Astra-Satelliten fast 1 000 Rundfunk- und Fernsehprogramme. Hinzu kommen die Multimedia-Anwendungen. Denn seit 1996 senden alle neuen Astra-Satelliten digital. Auch Software-Updates von Großbanken, Firmen-TV oder interaktive Multimedia-Kommunikation über Breitbanddienst gehören inzwischen zum Angebot.

Die Multimedia-Tochter konnte 1999 bereits gut sieben Prozent zum Umsatz der SES beisteuern, auf ihr ruhen mittelfristig hohe Erwartungen. Denn eins ist klar: Das Geschäft mit dem Fernsehen läuft zwar hervorragend. Aber die großen Wachstumsraten werden ohne die neue Multimedia-Sparte bald der Vergangenheit angehören. Noch boomt Pay-TV in Westeuropa, doch spätestens in vier Jahren dürfte dieses Wachstum an Grenzen stoßen.

Dem Aktienkurs hilft das Wachstum bisher nicht

Für "kerngesund" hält Jamie Stevenson, Analyst der Investmentbank von Dresdner Kleinwort Benson, das Hauptgeschäft des Unternehmens - Rundfunk und Fernsehen in allen Variationen. Auf Grund der bemerkenswerten Unternehmensgeschichte und des starken Cash-Flows sowie langfristig abgesicherter Verträge mit Programmanbietern sei SES mit der großen Mehrheit der New-Economy-Werte nicht zu vergleichen. Allerdings bleibe das Potenzial des Breitband-Angebots vage, sagt Stevenson. Bislang sei das Geschäft auf institutionelle Kunden beschränkt, Wachstum mache hohe Investitionen erforderlich.

Tatsächlich zwingt der Wettbewerb im Multimedia-Geschäft die SES dazu, die europäische Vergangenheit hinter sich zu lassen und zum globalen Unternehmen zu wachsen. Denn die schnelle Versendung von enormen Datenmengen über das interaktive Astra-Breitband, das 30 Mal schneller ist als eine Internet-Verbindung über ISDN, hat nur dann Chancen gegen das Internet und andere Satellitenbetreiber, wenn sie weltweit verfügbar ist. Die bestehende Astra-Flotte aber sendet nur nach Europa.

Insofern markiert das Jahr 2000 einen Einschnitt. Für fast 600 Mill. $ haben sich die Luxemburger nach einander an Asiens führendem Satellitenbetreiber Asiasat, an der Swedish Space Corporation und dem größten Satellitenunternehmen Südamerikas, der brasilianischen Embratel Satellite Division, beteiligt. Damit fehlte nur noch Nordamerika. "Wir sind hier in intensiven Gesprächen", heißt es in der Konzernzentrale, in wenigen Monaten werde eine Entscheidung fallen.

Zwar dürfte der Einstieg bei einem US-Satellitenbetreiber teuer werden. Andererseits denkt die SES genau deshalb über einen Börsengang an der Wall Street nach. Und damit könnte dann auch Spannung in das bislang langweiligste Kapitel der SES-Geschichte kommen: den Aktienkurs. Vom kräftigen Wachstum unbeeindruckt, hängt der Kurs des SES-Papiers seit dem Börsengang vor zweieinhalb Jahren in der Nähe des Ausgabepreis von 143 Euro fest, während Analysten Kursziele von bis zu 280 Euro nennen.

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