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25.05.2000

15:53 Uhr

Fredmund Malik

Fredmund Malik

Der Grundsatz der Konzentration ist überall wichtig. Im Management ist seine Bedeutung deshalb besonders groß, weil kein anderer Beruf so stark und systematisch den Gefahren der Verzettelung und Zersplitterung der Kräfte ausgesetzt ist.

Diese Gefahren gibt es zwar auch in anderen Tätigkeitsbereichen. Aber nirgends sind sie so institutionalisiert wie im Management, so "hoffähig" und so sehr missverstanden als Zeichen besonderer Dynamik und Leistungsfähigkeit. Umgekehrt ist nichts so typisch für Wirksamkeit, wie die Fähigkeit, die Kunst oder besser die Disziplin, sich zu konzentrieren.

Das Wort "Konzentration" allein genügt aber noch nicht; es kann noch immer missverstanden werden. Das Wesentliche ist, sich auf Weniges zu beschränken, auf eine kleine Zahl von sorgfältig ausgesuchten Schwerpunkten, wenn man an Wirkung und Erfolg interessiert ist. Die Auswahl der Prioritäten erfordert Sorgfalt, Gewissenhaftigkeit, gründliches Durchdenken der Situation - und praktische Erfahrung. Mehr ist kaum erforderlich; vor allem ist keine einzige der von der Management-"Schickeria" so gerne vollmundig verlangten außergewöhnlichen Eigenschaften und Fähigkeiten nötig.

Gelegentlich wird eingewendet, das Prinzip der Konzentration sei dort, wo man es mit komplexen und vernetzten Situationen zu tun hat, nicht anwendbar. Das genaue Gegenteil ist der Fall. Gerade weil vieles so komplex, vernetzt und interaktiv ist, ist dieser Grundsatz überhaupt erst wichtig. Er war es früher ja nicht - aus dem schlichten Grund, weil er in einfachen Situationen gar nicht gebraucht wird. Dort gibt es ja kaum Ablenkung, der Grundsatz ist automatisch erfüllt. Weder der Bauer auf dem Feld noch der Arbeiter im Stahlwerk noch der Steinmetz zur Zeit der Gotik ist je den Versuchungen der Verzettelung ausgesetzt gewesen, die für eine Managementposition, und besonders für die höheren, charakteristisch ist.

Die Sachlage ist recht klar: Man kann sich zwar mit vielen verschiedenen Dingen - sogar gleichzeitig - beschäftigen, aber man kann nicht auf vielen verschiedenen Gebieten erfolgreich sein. Man muss somit unterscheiden zwischen Arbeit und Leistung, zwischen Beschäftigung mit etwas und Erfolg.

Wo immer man Wirkung, Erfolg und Ergebnis sehen kann, kann man - von Zufällen und Glück abgesehen - auch beobachten, dass der Grundsatz der Konzentration auf Weniges eingehalten wurde. Fast alle Menschen, die in irgendeiner Weise durch ihre Leistungen bekannt oder gar berühmt geworden sind, haben sich auf eine Sache, auf eine Aufgabe, auf ein Problem konzentriert. Das ging und geht oft bis zur Besessenheit und manchmal an die Grenze des Krankhaften, was ich natürlich nicht empfehle.

Immer gilt aber: Konzentration auf eine Sache - oder auf ganz wenige Dinge - ist der Schlüssel zum Ergebnis. Es ist der Schlüssel schon zum gewöhnlichen Ergebnis; ausnahmslos und ohne Kompromiss gilt das für das herausragende, außergewöhnliche Ergebnis, für die Spitzenleistung.

Die Einhaltung dieses Prinzips wird von so verschiedenen Menschen berichtet - und aus so verschiedenen Gebieten, die sie repräsentieren -, wie Albert Einstein und Martin Luther, Bertold Brecht und Auguste Renoir, Johann Strauss und Ludwig Wittgenstein, Thomas Mann und Jean Jacques Rousseau.

Besonders lehrreich sind die Beispiele von Menschen, die wirksam und erfolgreich waren, obwohl sie unter besonders erschwerten Bedingungen, wie Krankheit, Behinderung oder Überlastung, arbeiten mussten. Ohne Ausnahme zeigt sich, dass der Grund für ihren Erfolg in konzentriertem Arbeiten lag, zu dem sie durch die Umstände gezwungen waren. Einer der bemerkenswertesten - und gut dokumentierten - Fälle ist Harry Hopkins, der als engster persönlicher Berater und Beauftragter von US-Präsident Franklin D. Roosevelt während der Zeit des Zweiten Weltkriegs die Graue Eminenz in Washington war. Trotz schwerster Krankheit und schließlich vom Tode gezeichnet - er konnte nur alle zwei Tage und nur wenige Stunden arbeiten - hat er durch strikte Konzentration auf die wirklich wichtigen Angelegenheiten und konsequente Abwehr aller zweitrangigen Dinge so viel erreicht wie kaum ein anderer - so viel, dass Churchill ihn als "The Lord of the Heart of the Matter" bezeichnete.

In der einigermaßen gut dokumentierten Geschichte gibt es nur zwei Personen, die vieles Verschiedenes - und teilweise gleichzeitig - angepackt haben und dennoch erfolgreich waren oder jedenfalls als das angesehen werden: Es sind Leonardo da Vinci und Goethe, und in beiden Fällen spricht vieles dafür, dass sie sich im Grunde verzettelten und viel mehr und Größeres hätten erreichen können, wenn auch sie sich etwas beschränkt hätten. Dass sie dennoch ein großes Werk hinterlassen haben, ist ihrer unbestrittenen Ausnahmebegabung zuzuschreiben. Welcher Manager kann aber von sich schon guten Gewissens sagen, dass er in die Nähe von Leonardo oder Goethe kommt ...?



der Autor:


Professor Dr. Fredmund Malik übernahm 1984 im Rahmen eines "Friendly Buy-Outs" zusammen mit zwei weiteren Partnern das Management Zentrum Sankt Gallen. Seither ist er Präsident des Verwaltungsrates der MZSG Holding AG und ihrer Tochtergesellschaften

Zehntausenden von Führungskräften hat er in Vorträgen und Seminaren die Kernsubstanz des wirklich brauchbaren Management-Wissens vermittelt. Malik versteht Management als eine umfassende gesellschaftliche Funktion, vielleicht die wichtigste bewegende Kraft einer modernen Gesellschaft. Er hat sich als Autor einer Vielzahl von Publikationen zu Management-Themen und vor allem durch seine unermüdliche Kritik an Management-Modewellen, -Scharlatanerien und-Infantilismen einen Namen gemacht.



Maliks Leitspruch:


"Total Quality Management ist wichtig, aber Total Management Quality ist zehnmal so wichtig."



Wichtige Veröffentlichungen:


Malik, F.: Führen, Leisten, Leben. Wirksames Management für eine neue Zeit. DEUTSCHE VERLAGS-ANSTALT, 49,80 DM, ISBN: 3-421-05370-7

Malik, F.: Management- Perspektiven. Wirtschaft und Gesellschaft, Strategie, Management und Ausbildung. HAUPT PAUL, ISBN: 3-258-05898-9

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