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09.01.2002

19:00 Uhr

Manager und Betriebsräte lehnen gesetzliche Begrenzung ab

„Ohne Überstunden geht es nicht“

VonHELMUT HAUSCHILD

Für die Gewerkschaften ist klar, wer die Versager im Kampf gegen die hohe Arbeitslosigkeit sind - die Arbeitgeber. In den Unternehmen müssten endlich die vielen Überstunden abgebaut und dafür neue Leute eingestellt werden, fordert IG-Metall-Chef Klaus Zwickel.

BERLIN. Hunderttausende neue Jobs könnten so entstehen, verspricht der Gewerkschaftsboss, doch die Wirtschaft stelle sich quer. Trotz gegenteiliger Versprechungen sei die Zahl der Überstunden 2001 erneut gestiegen.

Dass es sich bei den kritisierten 1,9 Milliarden Stunden bezahlter Mehrarbeit um eine Schätzung der Bundesanstalt für Arbeit vom April handelt, die längst unterschritten sein könnte, hemmt die gewerkschaftliche Empörung kein Stück. IG-Metall-Chefstratege Klaus Lang fordert eine Begrenzung der Überstunden per Gesetz und will dafür bei der nächsten Sitzung des Bündnisses für Arbeit die Bundesregierung gewinnen.

Die Arbeitgeber fürchten Schlimmes. Gesamtmetall-Chef Martin Kannegiesser warnte gestern, die Unternehmen müssten auftragsnah produzieren und deshalb immer wieder mit kurzfristigen Personalengpässen fertig werden. Eine "alte Chimäre" sei diese Debatte, zumal die aktuelle Überstundenzahl in der Metall- und Elektroindustrie nahe dem historischen Tiefstand liege (siehe Grafik).

Kritik auch aus den eigenen Reihen

Doch Kritik muss die IG Metall auch aus den eigenen Reihen einstecken. "Ein Überstundengesetz wäre für uns ein großes Problem", sagt Gewerkschaftsmitglied Willi Schmidt, Betriebsratsvorsitzender des Automobilzulieferers Läpple GmbH in Heilbronn. "Wir brauchen die Überstunden, um kurzfristige Aufträge termingerecht zu erfüllen", begründet der oberste Interessenvertreter von 1 600 Beschäftigten, warum er regelmäßig Mehrarbeit genehmigt. "Es geht um unsere Arbeitsplätze."

Laut Schmidt sind Neueinstellungen in Heilbronn keine Alternative. Der Arbeitsmarkt für Fachkräfte sei leer gefegt. Läpple bildet deshalb mit Volldampf selber aus. 200 Lehrlinge hat das Unternehmen zurzeit. "Wir machen alles, um Überstunden zu begrenzen", sagt Schmidt und verweist auf die lange Tradition von Arbeitszeitkonten im Betrieb. "Aber wir kommen ohne nicht aus."

Bei der PPM Pure Metals GmbH in Langelsheim bei Goslar fallen Kurzarbeit und Überstunden sogar gleichzeitig an. Das Unternehmen mit 115 Mitarbeitern stellt so genannte Reinststoffe her, die in der Elektroindustrie zum Beispiel beim Bau von Handys verwendet werden, andererseits aber auch in der Optik etwa für Infrarotsichtgeräte. Letztere boomen seit dem 11. September, während der Telekommarkt am Boden liegt. Die Folge: Kurzarbeit bei den Vorprodukten für Handys, Überstunden im Bereich Optik. "Wir versuchen einen internen Ausgleich, doch ist das wegen der unterschiedlichen Qualifikation kaum möglich", sagt PPM-Geschäftsführer Jochen Riecke. Gerne würde er weitere optische Feinmechaniker einstellen, die aber seien auf dem Arbeitsmarkt nicht zu bekommen. Deshalb genehmigt der Betriebsrat die Überstunden.

"Wir brauchen die Überstunden im Bereich Optik, um zu überleben", sagt Riecke. Der Gesamtumsatz sei wegen der Telekomkrise auf 30 % eingebrochen. Trotzdem habe PPM niemandem gekündigt. Mit Kurzarbeit und den Erträgen aus dem boomenden Optikbereich versuche man, das Tief zu überstehen. "Die Fachkräfte, die wir jetzt entlassen", sagt Riecke, "werden uns beim nächsten Aufschwung fehlen."

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