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04.02.2002

15:29 Uhr

Mangel an winterfesten Unterkünften

43 Tote bei Erdbeben in Türkei

Die ersten Retter machten sich am Montag schon wieder auf den Heimweg, während sich die Überlebenden des schweren Erdbebens in der Westtürkei auf ein Leben in Zelten einrichteten. Gut 24 Stunden nach dem Beben der Stärke sechs auf der Richterskala bezifferte das Innenministerium in Ankara die Zahl der Toten auf 43.

dpa ISTANBUL. Weitere 318 Menschen hatten Verletzungen erlitten. 340 Wohnhäuser, 246 Geschäfte und 36 öffentliche Gebäude trugen Schäden davon. Nach einer bitterkalten Nacht, die tausende Menschen im Freien an wärmenden Feuern als einzigem Schutz verbrachten, sicherte die Regierung in Ankara am Montag den Erdbebenopfern zu, dass "heute Abend jeder in winterfesten Zelten unterkommen" werde.

Kritik und Klagen hielten sich anders als 1999 nach den beiden großen Erdbeben mit 18 000 Toten östlich von Istanbul in Grenzen. Die Medien lobten die Schnelligkeit, mit der die Regierung diesmal gehandelt habe. Während die Opfer damals noch nach drei Tagen verzweifelt um Hilfe gerufen hätten, seien die Retter diesmal schon drei Stunden nach dem Beben vor Ort gewesen. Der türkische Städtebauminister Abdülkadir Akcan kündigte an, dass binnen zwei Wochen alle Schäden aufgenommen und die Trümmer beseitigt sein würden.

"Allah hatte Mitleid", meinte eine große türkische Zeitung einschränkend. Wenn die Erde nicht an einem Sonntag gebebt hätte, wäre eine ganz andere Katastrophe zu erwarten gewesen. Wenig Trost vermochten diejenigen daraus zu ziehen, die Sonntagnacht vergeblich nach schützenden Zelten Ausschau hielten. "Hier sind die meisten Häuser eingestürzt", beschwerte sich ein Bewohner der Ortschaft Cay, die zu den am schwersten zerstörten gehört: "Aber wir haben die wenigsten Decken und Zelte bekommen."

Eher ernüchternd klang auch die Bilanz der Hilfstrupps. Letztlich hatten sie trotz ihres schnellen Einsatzes nicht mehr viel ausrichten können. Die 14 Menschen, die sie tot aus den Trümmern bargen, waren in den Erdsteinen der einfachen Häuser erstickt. "Wir machen uns auf den Rückweg", sagte Zeynep Aktosun vom Such- und Rettungsverband Akut, der sich bei den Beben vor zwei Jahren als "schnelle Eingreiftruppe" einen Namen gemacht hatte. "Ohnehin haben die Leute vor Ort die Verschütteten innerhalb der ersten beiden Stunden aus den Erdhaufen herausgeholt". Danach war es zu spät.

Doch nicht nur die "primitiven" Behausungen, die die Menschen in der Provinz Afyon eigenhändig aus einfachsten Erdsteinen gebaut hatten, stürzten ein. "Luxuriöse" mehrstöckige Häuser mit Balkonen hätten sich als ebenso unsicher erwiesen wie zahlreiche öffentliche Gebäude, monierte die Zeitung "Radikal". Nicht nur zahlreiche Minarette stürzten ein. Auch das neue Gebäude der Rettungswache brach in sich zusammen.

Seismologen der Erdbebenwarte in Istanbul, die innerhalb von 24 Stunden 493 Nachbeben registrierte, gaben denn auch noch lange keine Entwarnung. In den nächsten Tagen und Monaten könne es in der Region erneut zu schweren Beben kommen. Ebenso entschieden treten sie aber auch in anderer Hinsicht auf. Für die Millionen-Stadt Istanbul gehe davon keine Gefahr aus. Die Verwerfungen in Afyon stünden in keinerlei Beziehung zum nordanatolischen Graben, der bis zum Marmarameer reicht und damit potenziell auch Istanbul gefährdet.

Zuversichtlich gab sich Regierungschef Bülent Ecevit nach der Kabinettssitzung am Montag, die das Erdbeben zum einzigen Thema hatte: "Der Staat hat große Erfahrung gesammelt", sagte er im Rückblick auf die verheerenden Beben vor zwei Jahren. Damit gab er auch unausgesprochen zu verstehen, dass die Türkei angesichts der allgegenwärtigen Gefahr durch Erdbeben künftig besser gegen Katastrophen gewappnet sei.

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