Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

02.08.2000

17:30 Uhr

Mangelde Liquidität

Dressmart.com geht das Geld aus

Der skandinavische Internet-Herrenausstatter Dressmart.com steht vor dem Aus: Nach der Aufsehen erregenden Pleite des Internetmodehauses Boo.com im Mai droht jetzt ein weiteres Online-Kaufhaus mangels Liquidität zusammenzubrechen.

tel/and/ibe DÜSSELDORF. Im Herbst hätte Dressmart.com color> an die Börse gehen wollen, um neues Kapital zu finden, doch bereits auf dem Weg dorthin ging dem Online-Herrenausstatter das Geld aus: Das im April 1999 in Schweden gegründete Internet-Kaufhaus für Herrenmode steht vor dem Konkurs. Ein weiterer Fall à la Boo.com: Das Luxussportbekleidungsportal brach im Mai zusammen und löste in der Branche wie auch bei Analysten und Wagniskapitalgebern eine Diskussion um die Überlebensfähigkeit von Internetshops aus.

Dressmart.com befindet sich jetzt im so genannten Rekonstruktionsverfahren, wie Unternehmenssprecher Robert Hultman dem Handelsblatt bestätigte. Konkret heißt das, dass die Verbindlichkeiten gegenüber den Lieferanten erst einmal ausgesetzt sind (bis zu einem Zeitraum von neun Monaten), damit das Unternehmen neue Investoren suchen kann. Die wollen die Firmengründer innerhalb der nächsten vier Wochen finden. Erste Gespräche liefen bereits, so Hultman, der darüber hinaus nur so viel verraten will, dass man sich sehr breit orientiere.

In sieben Ländern präsent

Dressmart.com, das im vergangenen Rumpfgeschäftsjahr (ab April) einen Umsatz von 5 Mill. Euro erzielte, hatte für dieses Jahr die Marke von 30 Mill. Euro angepeilt und wollte bis Ende 2001 profitabel sein. Das Unternehmen mit rund 70 Mitarbeitern war zuletzt in sieben Ländern präsent, wobei bis auf Schweden die Töchter in Finnland, Norwegen, Dänemark, Großbritannien, Niederlande, Deutschland und Frankreich bereits geschlossen sind. Merrill Lynch und ein schwedischer Pensionfonds hatten Dressmart.com zum Start mit einem Wagniskapital von 25 Mill. Euro ausgestattet, weitere knapp 17 Mill. Euro kamen von zwei schwedischen Venture Capital Gesellschaften (6:e ap-fonden, Göteborg, und Emerging Technologies, Stockholm).

Die Geschäftsidee, hochwertige Herrenmodemarken von Armani bis Versace über das Internet zu verkaufen, war zumindest für die betreuende Investmentbankerin Gwendolyn Carrie McGuide von Merrill Lynch so überzeugend, dass sie im März als Chief Executive Officer zu Dressmart.com wechselte. Firmengründer Matthias Plank wollte sich mehr der Weiterentwicklung der Firma widmen.

600 000 Besucher pro Monat sollen die Internetsites von Dressmart in Europa zu diesem Zeitpunkt gezählt haben, 4 bis 5 % davon hätten eingekauft. Aber wohl nicht genug, denn Dressmart Schweden konnte beispielsweise in den ersten sechs Monaten dieses Jahres lediglich einen Umsatz von 12 Mill. Euro schwedischen Kronen realisieren, das sind umgerechnet 1,4 Mill. Euro.

Haben Online-Kaufhäuser eine Zukunft?

Der drohende Konkurs von Dressmart.com wirft nun erneut die Frage nach den Erfolgsstrategien von Online-Kaufhäusern auf. Gerade das Geschäft mit den Textilien via Internet stellt sich als schwierig heraus. Jeanshersteller Levi Strauss hat sich nach dem Weihnachtsgeschäft unter anderem auch aus Kostengründen aus dem E-Commerce verabschiedet, C&A schloss im Juni bis auf weiteres die Tore seines Internet-Shops.

Dagegen zeigt sich die Online-Konkurrenz von Dressmart.com in Deutschland zuversichtlich gestimmt. Renate DePauli, Vorstandschefin der Depauli.com AG, die den Internet-Shop Herrenausstatter.de betreibt, sieht ihr Unternehmen nicht in Gefahr. Umsätze und Kundenzahlen entwickelten sich sehr positiv, so DePauli, ohne Zahlen zu nennen. Prognose für das Jahr 2000: "Wir werden kostendeckend arbeiten." Im Gegensatz zu anderen Startups sei das Unternehmen eigenfinanziert und habe von Anfang an einen Schwerpunkt auf den Aufbau der Logistik gelegt.

Diese ist auch für den Otto-Versand entscheidender Erfolgsfaktor seines E-Commerce-Geschäfts. Das Hamburger Unternehmen sieht seine Chancen im Handel von Bekleidung über das Internet grundsätzlich in positivem Licht. Allerdings kann Otto auf lange Erfahrung im Versandhandel und eine starke Marke bauen. Laut Unternehmenssprecher Stephan Prien will Otto künftig seine Kompetenzen stärker in Joint Ventures einfließen lassen. Jüngstes Beispiele: eine gemeinsame E-Commerce-Tochter mit der Obi Bau- und Heimwerkermärkte GmbH & Co. KG. Zudem führt das Unternehmen mit den Axel Springer Verlag Gespräche über den Aufbau eines gemeinsamen Internetportals für Frauen.

Keine emotionale Anbindung

Solche durch Inhalte gestützten E-Commerce-Angebote werden nach Ansicht von Rolf Mathies, Mitbegründer der Venture-Capital-Firma Earlybird, München, künftig die größten Chancen haben, im E-Commerce zu bestehen. Das Angebot Boo.com oder Dressmart.de sei zu begrenzt gewesen und habe keine "emotionale Anbindung" gehabt. Mathies hält vor allem die Verbindung von E-Commerce-Firmen mit Medienhäusern für erfolgreich - nach der Devise "Unterhaltung und Einkaufen".

Die Londoner City, in der im Mai noch die Boo.com-Pleite Wellen geschlagen hat, zeigte wenig Interesse am jüngsten dotcom-Flop. Analysten hatten schon vor Monaten weitere Konkurse in der Branche vorausgesagt. Erst vergangene Woche hatte der auf Gesundheits- und Kosmetikartikel spezialisierte Anbieter Clickmango.com angekündigt, dass man den Online-Shop schließen werde.

Nach der zu erwartenden Pleite von Boo.com sei klar gewesen, dass weitere Firmen aufgeben müssten, meint Analyst Lars Waagstein vom Investmenthaus Jupiter. So würden vor allem die technischen Anforderungen für den Internet-Handel unterschätzt, die ins Geld gehen. Außerdem bestehe das Problem, dass die jungen Firmen zu schnell expandieren: "Der zeitgleiche Start auf vielen Märkten braucht eine zu komplexe Organisation."

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×