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21.01.2003

08:20 Uhr

Markt verkraftet deutlich höhere Volumina gut

Anleger wagen Einstieg in Firmenanleihen

VonAndrea Cünnen

Viele Unternehmen nutzen die verbesserte Stimmung für Firmenanleihen, um neue Bonds zu begeben. Am Montag kündigte die Deutsche Telekom eine neue Anleihe an. Experten rechnen damit, dass Unternehmensbonds in diesem Jahr besser als Staatspapiere abschneiden werden. Sie warnen aber vor kurzfristigen Rückschlägen.

FRANKFURT/M. Investoren am Anleihemarkt werden wieder risikofreudiger. Bonds von Industrieunternehmen verzeichnen seit Mitte Oktober Zuflüsse, während sich die als sicherer geltenden Staatsanleihen in Europa fast unverändert zeigen. Bis zum Jahresende erwarten Experten, dass sich Unternehmensanleihen weiter besser als Staatsanleihen entwickeln werden. Dementsprechend würden die Risikoaufschläge von Unternehmens- im Vergleich zu Staatsanleihen weiter sinken.

Kreditanalysten gehen davon aus, dass Firmenbonds von der erwarteten Konjunkturerholung ab der zweiten Jahreshälfte profitieren werden. Außerdem wird das Bekenntnis vieler Unternehmen zum Schuldenabbau als positiver Faktor für die Entwicklung der Unternehmensanleihen gesehen.

Dass Investoren großen Anlagebedarf haben und dabei auf Unternehmensbonds setzten, hat sich auch in den ersten Wochen des neuen Jahres gezeigt. Industrieunternehmen begaben allein in Euro große neue Bonds über mehr als 20 Mrd. . Das sind deutlich mehr als im gesamten vierten Quartal des vergangenen Jahres. Der Markt verkraftete die Flut an neuen Anleihen gut.

Unternehmen nutzen das absolut niedrige Zinsniveau und die bessere Stimmung für Unternehmensanleihen, um sich im großen Stil am Bondmarkt zu refinanzieren. Unter den Autokonzernen stachen Ford und Volkswagen mit großen Anleihen hervor. Unter den Telekomkonzernen machten vor allem France Télécom und Olivetti mit Emissionen über 5,5 Mrd. bzw. 3 Mrd. von sich reden. Gestern kündigte zudem die Deutsche Telekom eine Anleihe über 1 Mrd. an.

Überraschend war vor allem, dass unter den Neuemissionen Anleihen mit Laufzeit von 30 Jahren waren. Das ist ein Novum bei in Euro begebenen Firmenbonds. Investoren griffen auch bei den ultralangen Laufzeiten beherzt zu. Die 30-jährige Tranche von France Télécom war mehr als dreifach überzeichnet. Von der überwältigenden Nachfrage profitierte die Deutsche Telekom, die einen Tag nach den Franzosen eine 30-jährige Anleihe begab. Zuvor hatte schon Olivetti problemlos eine 30-jährige Tranche platziert.

Die an den Deals beteiligten Investmentbanken werten die große Nachfrage als Vertrauensbeweis der Anleger in die Unternehmen. Dabei werden gerade France Télécom und Deutsche Telekom von den Ratingagenturen nicht gerade als super-sicher eingestuft. France Télécom rangiert bei Standard & Poor?s (S&P) und Moody?s mit den Noten BBB- bzw. Baa3 auf der untersten Stufe der Investitionsklasse. Die Deutsche Telekom setzte Moody?s kürzlich auf die gleiche Bonitätsnote wie die Franzosen herunter. S&P bewertet die Kreditwürdigkeit der Deutschen mit BBB+ zwei Noten besser.

Jens Hofmann, Investmentbanker bei Goldman Sachs in Frankfurt, interpretiert die große Nachfrage nach den Bonds indes vor allem als renditegetrieben. Bei Anleihen steigt die Effektivverzinsung generell mit dem Risiko und der Laufzeit. Michael Zink, Betreuer für institutionelle Kunden bei Goldman Sachs, verweist außerdem darauf, dass Investoren derzeit viel Liquidität hätten, die angelegt werden müsse. Generell flösse im Januar viel Bargeld aus Zins- und Tilgungszahlungen an die Investoren zurück, meint Zink.

Auch für Robert Fumagalli, Kreditstratege bei Schroder Salomon Smith Barney, ist das große Interesse der Anleger an neuen Anleihen noch kein Grund zur Euphorie. Im Gegenteil, er warnt davor, dass es in den nächsten Wochen "einen Emissionskater" geben könnte. Außerdem sei die Volatilität der Aktienmärkte in jüngster Zeit deutlich auf 20 % gesunken und habe damit das Mittel der vergangenen Jahre erreicht. Die gesunkene Volatilität sieht Fumagalli als eine der Hauptantriebsfedern für die gute Performance der Unternehmensanleihen. Bis sich die Situation im Irak kläre, würden die Aktienmärkte voraussichtlich wieder volatiler. Das könnte sich negativ auf die Unternehmensanleihen auswirken, sagt der Kreditstratege.

Verluste der Unternehmensanleihen bei einem Krieg gegen den Irak schließt auch Robert Ostrowski, Portfoliomanager beim unabhängigen US-Vermögensverwalter Federated nicht aus. Anders als in den USA sei in Europa ein Krieg nicht genügend in den Bondkursen eingepreist. Dementsprechend könnte es kurzfristig noch einmal eine Flucht in die Qualität der sicheren Staatsanleihen geben, sagt Ostrowski.

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