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22.01.2007

14:05 Uhr

Marsh on Monday

Die guten Deutschen

VonDavid Marsh

Die Deutschen trauen sich offenbar selbst weniger zu als die ausländischen Nachbarn – zumindest strömt zunehmend fremdes Kapital aus dem Ausland hinein. So ist es am Ende vielleicht noch nicht einmal verwunderlich, wenn die „besten Deutschen“ alle etwas gemeinsam haben.

LONDON. Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt. Mal schweben die Deutschen überm Sternenzelt, mal liegen sie am Boden. Die „besten Deutschen“ – es sei an Einstein, Dix, Biermann, Rathenau, Brandt, Max Ernst gedacht – gehen in die Geschichtsbücher als Widersacher, als Querdenker, als Unbequeme ein, manchmal auch als Emigranten. Die steigen gerade zu einem Zeitpunkt aus, wo die meisten einsteigen.

So geht es auch an der Börse: oft exemplarisch antizyklisch. Im letzten Jahr ist laut dem Deutschen Aktieninstitut die Zahl der Aktionäre in Deutschland um 13 Prozent zurückgegangen. Gleichzeitig hat der Dax mit einem Anstieg von 22 Prozent die höchste Wertsteigerung seit sechs Jahren verzeichnet.

Zur Zeit einer Baisse bestehen die Deutschen immer darauf, sich reichlich mit Aktien einzudecken. Während einer Börsenhochkonjunktur trennen sie sich mit achselzuckender Borniertheit von ihren Beständen. Je mehr Ausländer deutsche Wertpapiere begehren, desto höher die Ablehnung der Inländer.

Ähnlich geht es am Immobilienmarkt zu, wo ausländische Käufer seit drei Jahren in Deutschland die einst Not leidenden Preise nach oben treiben. Mit erbarmungsloser Präzision treffen sich Angebot und Nachfrage, Ver- und Zukauf, Zaudern und Zockern.

Der Grund dafür? Scheinbar naiv trauen die Ausländer den Deutschen mehr zu, als die Deutschen sich selbst. Die Zuströme ausländischen Kapitals nach Deutschland erreichen atemberaubende Dimensionen. So erwerben Investoren aus Großbritannien der Bundesbank zufolge seit 2003 im Jahresdurchschnitt deutsche Wertpapiere in Höhe von netto 250 bis 300 Mrd. Euro. Haben die In- oder Ausländer Recht? Wer erweist sich als der bessere Spekulant?

Die Antwort hängt auch vom moralisch-ethischen Standpunkt des Betrachters ab. Auch wenn sie durch zu schnelles Verkaufen rein objektiv Verluste einfahren: Die Deutschen gewähren ausländischen Anlegern eine effiziente Plattform für reibungsloses Marktfunktionieren. Damit leisten sie einen wesentlichen Beitrag zur Erfüllung des seit Jahrhunderten bestehenden deutschen Auftrags zur stetigen Weltverbesserung.

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