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15.01.2007

09:17 Uhr

Marsh on Monday

Italienischer Königsweg

VonDavid Marsh (Berater und Banker in London)

Die erfreulichen Meldungen häufen sich zwar, doch Italien noch längst nicht über den Berg. Bereits seit geraumer Zeit machen sich Politiker, Finanzmarktanalysten und Zentralbanker Sorgen über den rasanten Verfall der italienischen Wettbewerbsfähigkeit.

An der fiskalischen Front ist das alte Jahr in Italien relativ schwungvoll ausgeklungen. Erschreckende Prognosen, wonach das Defizit der öffentlichen Hand 2006 auf annähernd fünf Prozent des Bruttoinlandsprodukts klettern könnte, werden nicht zutreffen. Die Steuerquellen haben zur Weihnachtszeit ergiebiger als sonst gesprudelt; die Regierung von Romano Prodi kündigt Maßnahmen an, um die Defizitquote 2007 auf weniger als drei Prozent zu senken. Der Zinsaufschlag, den italienische Staatsschuldner am Euro-Anleihemarkt im Vergleich zu Deutschland und Frankreich entrichten müssen, hat sich auf 20 Basispunkte verringert.

Aber keine Entwarnung! Italien ist längst nicht über den Berg. Bereits seit geraumer Zeit machen sich Politiker, Finanzmarktanalysten und Zentralbanker Sorgen über den rasanten Verfall der italienischen Wettbewerbsfähigkeit. Laut OECD-Statistik haben sich seit dem Beginn der Europäischen Währungsunion die Lohnstückkosten in Italien im Vergleich zu Deutschland um 33 Prozent erhöht. Durch die gemeinsame Währung ist das ehemalige Sicherheitsventil einer Lira-Abwertung verschlossen. Das Inflationsgefälle schlägt sich voll in einer drastischen Verschlechterung der italienischen Wettbewerbslage und einer kontinuierlichen Ausweitung des Handelsbilanzdefizits nieder.

Was kann dagegen getan werden? Hier liefert die OECD eine Antwort. Beruhigend ist sie nicht. Im Vergleich zur allgemeinen EU-Wettbewerbslage war Deutschland Mitte der 90er-Jahre in einer ähnlichen Situation. Die Lohnstückkosten in Deutschland lagen damals 15 Prozent über dem europäischen Durchschnitt – genauso wie heute in Italien. Dies war die Folge der Wiedervereinigung, die eine überdurchschnittliche deutsche Inflationsrate sowie eine deutliche Mark-Aufwertung ausgelöst hatte.

Die Korrektur erwies sich als brutal, aber letzten Endes erfolgreich. Die Lohnstückkosten in Deutschland sind deutlich gesunken. Die radikale Umstrukturierung der deutschen Industrie hat Hunderttausende von Arbeitsplätzen gekostet. Die Reallöhne in Deutschland waren und bleiben unter erheblichem Druck. Für Romano Prodi eine zwiespältige Botschaft. Der Königsweg für Italien ist klar vorgezeichnet. Er ist kein italienischer Weg, sondern ein deutscher.

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