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12.03.2000

13:39 Uhr

Mary Meeker empfahl Internet-Aktien noch zum Kauf, als den meisten Anlegern bereits mulmig zumute war

Die entthronte Königin des Internets

Die Internet-Analystin der Investmentbank Morgan Stanley Dean Witter, Mary Meeker, war nicht die einzige Expertin, die die Lage falsch beurteilte. Aber sie war eine der mächtigsten. Ihr Haus war eine der großen Emissionsbanken spektakulärer Internet-Börsengänge und verdiente damit sehr viel Geld.

12.3.2001 Wall Street Journal/HB NEW YORK. Ein Jahr ist es her, dass Mary Meeker noch als "Königin des Internets" gefeiert wurde. Die Internet-Analystin der Investmentbank Morgan Stanley Dean Witter lächelte von der Titelseite des Magazins Fortune und war gern gesehener Gast auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos.

Dann aber zerplatzte der Traum von der ununterbrochenen Internet-Hausse und riss den Nasdaq-Markt binnen Jahresfrist um 56 % in die Tiefe. Mary Meeker verschwand von der Bildfläche. Bei ihrem letzten Fernsehauftritt im Oktober hatte sie sich unangenehme Fragen anhören müssen: Ob sie Anlegern die Aktien von Internet-Firmen, die Meekers Arbeitgeber an die Börse gebracht hatte, mit zu großen Versprechungen verkauft habe - auch dann noch, als die Luft aus der Spekulationsblase bei den Internet-Aktien schon entwichen war. Die zornigen Anleger haben sie inzwischen vom Platz eins unter den Internet-Analysten abgewählt.

"Ich hatte ein schlechtes Jahr", sagt die Bankerin in einem Gespräch in der Morgan-Stanley-Zentrale in Manhattan, "und es wäre schlimm, wenn man mich nur auf Grund dieses schlechten Jahres beurteilt." Zwar gibt sie zu, "an einigen Titeln zu lange festgehalten zu haben". Sie betont aber, auch im allgemeinen Dot-Com- Fieber deutliche Warnsignale abgegeben zu haben: Im März 2000 habe sie ihre Kunden gewarnt, dass 90 % der "Netz-Aktien" überbewertet und nur 10 % unterbewertet seien.

Von einigen "besonders enttäuschenden" Unternehmen, die Morgan Stanley an die Börse gebracht hatte, sei auch sie selbst überrascht worden, gibt sie zu. Dies gelte unter anderem für Priceline.com und Drugstore.com. Anleger zahlen für diese Überraschung Lehrgeld: Einige "Enttäuschungen" verloren bis zu 96 % ihres Kurswerts.

Mary Meeker war freilich nicht die einzige Internet-Analystin, die die Lage falsch beurteilte. Wohl aber war sie eine der einflussreichsten - nicht zuletzt, weil ihr Unternehmen eines der gefragtesten Emissionshäuser bei den spektakulären Internet-Börsengängen war. Rund 480 Mill. $ soll Morgan Stanley Dean Witter 1999 und 2000 an Provision für die heißen Web-Börsengänge verdient haben, wie Thomson Financial Securities Data ermittelt hat. Hierzu wollte Meeker sich nicht äußern. Von den Provisionen, die sie oder ihre Bank erhalten haben, habe sie sich aber nie beeinflussen lassen, betont sie.

Dass die Internet-Aktionäre nun so überraschend schnell aus ihrem Investoren-Traum herausgerissen wurden, liegt ihrer Einschätzung nach an Entwicklungen, die niemand habe vorhersehen können: die Abkühlung der US-Konjunktur, Unsicherheit über den Ausgang der Präsidentenwahl und die Zinserhöhungen durch die US-Notenbank. Nicht einzuschätzen sei auch die Wirkung der Warnungen zur schlechten Wirtschaftslage gewesen, mit denen George W. Bush während der Unsicherheit über den Wahlausgang sein Plädoyer für Steuersenkungen untermauerte.

Dazu habe es "einzigartige Kräfte" gegeben, "die wir zu Lebzeiten nie wieder erleben werden", sagte Meeker: das explosionsartig gewachsene Finanzierungsvolumen bei Internet-Unternehmen, das von 4,1 Mrd. $ (1998) auf 47,9 Mrd. $ (1999) gestiegen war und schließlich allein im ersten Quartal 2000 35,2 Mrd. $ erreichte. Im März 2000 sei dann "der Markt gesättigt gewesen".

Mitleid mit Kleinanlegern, die sich von ihrem Optimismus möglicherweise leiten ließen, hält sich bei Meeker in Grenzen: Ihre Klientel seien institutionelle Investoren wie Fondsmanager, betont sie, "jeder ist für seine Investitionen selbst verantwortlich." Sie könne nicht dafür verantwortlich gemacht werden, wenn Privatanleger sich durch jährliche Kursgewinne von 42 % beeindrucken lassen, die zwischen 1995 und 1999 an der Nasdaq zu holen waren. Dies habe viele zu riskanten Investitionen veranlasst.

Trotz der Rückschläge gibt Meeker sich weiter optimistisch für den Online-Sektor. Nach den Kursverlusten gebe es nun Kaufgelegenheiten für einige, gut ausgewählte Marktführer.

Zitate von Mary Meeker:

April 1999: "Ich habe keinen Zweifel, dass der Markt für Internet-Werte insgesamt in drei Jahren deutlich höher bewertet sein wird als heute."

27. Januar 2000: "Priceline.com hat vier Millionen Kunden und einen großartigen Markennamen. ... Wir glauben, dass Priceline.com mit der Erweiterung seiner Produktpalette weitere Kunden gewinnen, Umsatz und Gewinnmargen erhöhen und das Finanzergebnis verbessern wird."

19. April 2000: "Ich hasse es, ins fallende Messer zu greifen. Aber meiner Meinung nach gibt es hier einige Internet-Werte, die jetzt wirklich zum Kauf einladen. Die Talsohle mögen wir vielleicht noch nicht erreicht haben. Aber wenigstens die Marktführern notieren im Moment wohl eher am unteren als am oberen Ende."

24. Januar 2001: "Wir sind begeistert, dass nun alle das Ende der Internet-Investitionen sehen. Denn damit haben wir freie Bahn, uns auf die Firmen zu stürzen, die im kommenden Jahr die großen Ideengeber und Gewinner sein werden."

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