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29.01.2003

07:00 Uhr

Medien

Training für die Front

VonAndreas Hoffbauer, Handelsblatt

Entführungen, Straßensperren, Hinterhalte - im Süden Englands simulieren Journalisten aus aller Welt ihren Einsatz als Kriegsberichterstatter im Irak. Auch deutsche Reporter sind vor Ort. Die Kurse bei der Bundeswehr reichen ihnen nicht mehr aus.

Runter, runter! Mach die Scheibe runter!" Hart knallt der Holzknüppel an die Jeeptür. Charlie sitzt hinter dem Steuer des Geländewagens und hebt etwas hilflos die Hände. Der CBS-Reporter schüttelt unwillig den Kopf. Schließlich versucht es der braun gebrannte Amerikaner mit einem Lächeln durch die Scheibe. Keine Chance. "Los, runter, Scheibe runter. Schnell!" brüllt der Straßenposten erneut. Wieder fährt ein Hieb auf den weißen Jeep. Holz splittert. Dann reißt der bewaffnete Mann im grünen Parka wütend die Autotür auf. Charlie, ein sonst eher cooler Fitnessstudio-Typ, zuckt zurück. Ein paar Schrecksekunden braucht der Reporter, bevor er mit aller Gewalt die Autotür wieder zu schließen versucht. Schon hat der Posten den Holzknüppel dazwischen. "Raus!" schreit er aus vollem Hals. "You out, go out!"

Die Wintersonne steht schon tief, und die Kälte kriecht überall in die Kleidung. "Okay, okay, das reicht erst mal", fährt Mal Geer dazwischen. Der Ausbilder hat die Szene mit der kleinen Gruppe von Journalisten beobachtet. Die Situation war nicht nur realistisch, sagt Trainer Geer zu der Gruppe, die auf dem Übungsgelände frierend von einem Fuß auf den anderen tritt. "Sie hat auch gezeigt, wie eine Situation plötzlich eskalieren kann, wenn man den Anweisungen nicht folgt."

Der Trupp aus Journalisten der BBC und der amerikanischen Sender NBC und CBS ist schon seit vier Tagen im Ausbildungslager der britischen Firma Pilgrims Specialist Training im südenglischen Longmoor. Während drüben im abgesperrten Teil des Militärgebiets die Panzer der britischen Armee über das Gelände donnern, trainieren seit Monaten Journalisten aus aller Welt für einen Einsatz im möglichen Irak-Krieg. Erste Hilfe, Fahren im Konvoi, Verhalten bei Geiselnahme - die Kurse sind momentan ausgebucht, Front-Training statt Front-Running.

Nach Afghanistan und vor dem drohenden Irak-Krieg: Nie zuvor haben Medienkonzerne ihre Teams so systematisch auf einen Einsatz im Kriegsgebiet vorbereitet wie derzeit. "Die Zeiten, als man zwischen den Frontlinien eine weiße Fahne schwenken und ,Ich bin Journalist? rufen konnte, sind längst vorbei", sagt ein älterer Kameramann, der gerade in Afghanistan war.

Auch deutsche Sender wie das ZDF oder RTL haben schon einige Teams nach Longmoor geschickt. Der Grund: Die bislang gebuchten Bundeswehrschulungen reichen kaum aus. "In Deutschland gibt es einfach keine vergleichbaren Kurse", sagt RTL-Sprecher Matthias Bollhöfer.

Anders in Großbritannien: Dort haben sich bereits etliche kleine Trainingsfirmen etabliert. Und der Ruf der meist von Ex-Elitesoldaten geführten Kurse ist bestens. Einer der Ersten war Paul Rees, der seine Firma Centurion Risk Assessment Ltd. noch als Soldat einer britischen Spezialeinheit gründete. Nachdem ein Journalist in Bosnien ums Leben gekommen war, habe ihn 1995 ein Sender angerufen und um Rat gefragt, erzählt der Engländer. Das brachte ihn auf die Idee, solche Kurse anzubieten. Fünf Tage bei Centurion kosten 1 500 Pfund. Bislang hat das Unternehmen 10 000 Journalisten ausgebildet, dazu 2 000 Geschäftsleute und noch einmal so viele Mitarbeiter von Hilfsorganisationen wie Amnesty International. Aber auch Ölkonzerne oder Banken, die Mitarbeiter in Krisenregionen haben, zeigen zunehmend Interesse. "Inzwischen klopfen sogar selbst mal Privatreisende an", sagt Rees.

Auch Centurion hat sich in einer der grünen englischen Grafschaften eingenistet. Zwar ist der Charme des Gebäudes von Hatfield Place schon etwas verblasst, sind die Sessel im zartrosa-braun gehaltenen Aufenthaltsraum eher altmodisch und durchgesessen. Doch nebenan im Raum "Levefre" ist an diesem Morgen High-Tech angesagt. Im Kurs "Chemical and Biological Warfare Awarness Training" geht es um brandaktuelle Themen.

Nach den jüngsten Rizin-Funden in England ist dieses neue Centurion-Angebot besonders gefragt. Noch sind nicht alle Teilnehmer überzeugt. "Ich brauche doch keinen Tag, um zu lernen, wie man eine Gasmaske aufsetzt", muffelt ein deutscher Teilnehmer. John dagegen, ein NBC-Techniker aus Paris, hat dieser Kurs besonders gefallen. Er sei froh, nun eine maßgeschneiderte Gasmaske zu bekommen. "Wenn ich nach Bagdad muss, kann ich die brauchen", sagt er. Und wenn nicht: Paris oder London sind aus seiner Sicht die ers-ten Ziele für einen ABC-Waffen-Anschlag. Ex-Soldat Rees zieht bei solchen Sätzen die Augenbrauen hoch. Das Problem bei biologischen Waffen sei: "Wenn man es bemerkt, ist es zu spät."

Ob Pilgrims oder Centurion - die Ausbilder verstehen die Kurse weder als militärische Schulung noch als Überlebenstraining. Wichtiger sei, die Journalisten in den Kursen darauf vorzubereiten, was auf sie zukommen kann. Erste- Hilfe-Wissen sei dabei ganz wichtig. "Es sterben jedes Jahr mehr Journalisten durch Autounfälle hinter der Front als durch eine Kugel", weiß Rees.

Die Nachfrage nach derartigem Wissen ist derzeit so groß, dass die Branche kräftig expandiert. Alle britischen Anbieter haben inzwischen neue Ausbildungsstandorte in den USA eröffnet, wo es - ähnlich wie in Deutschland - kaum derartige Kurse gibt.

Pilgrims-Ausbilder Mal Geer kümmert dies auf dem sandigen Übungsplatz von Longmoor nicht. Draußen ist es inzwischen dunkel geworden. Morgen geht der fünftägige Kurs mit einer großen Abschlussübung zu Ende. Was die CBS-Journalisten Charlie und Richard noch nicht wissen: Dabei werden sie als Geiseln genommen.

"Wenn man einen Sack über den Kopf hat und mit lauten Schreien durchs Gelände getrieben wird, das ist schon unheimlich", sagt eine BBC-Redakteurin, die den Kurs bereits absolviert hat. Schrammen und ein ausgekugelter Arm sind da keine Seltenheit. Schließlich soll alles "so realistisch wie möglich" sein, sagt Geer.

Gerade dies mache die Kurse für die Reporter so hilfreich, sagen die Teilnehmer immer wieder. Auch ARD-Reporter Armin Stauth war bei Centurion. "Ich habe in fünf Tagen noch nie so viel gelernt", hat er im Gästebuch hinterlassen. Und CBS-Reporter Charlie, der schon einige Male in Bagdad war, schlürft an diesem Abend nachdenklich seinen Kaffee: "Ich weiß erst jetzt, dass ich bisher manchmal ganz schön viel Glück gehabt habe."

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