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15.01.2002

18:45 Uhr

Medikamentenhersteller versuchen, Kostensenkung im Gesundheitswesen zu unterlaufen

Pharmakonzerne behindern günstige Grau-Importe

VonSiegfried Hofmann

Die Sparmaßnahmen der Krankenkassen bescheren den Pharma-Reimporteuren einen ungeahnten Boom. Die Konzerne versuchen jetzt, die Liefermengen in Niedrigpreis-Länder einzuschränken.

FRANKFURT/M. Auf dem deutschen Pharmamarkt gewinnen reimportierte Arzneimittel stark an Boden. Mehrere große Hersteller wollen jetzt gegen die Reimporteure vorgehen. Allein 2001 hat die Produktgruppe beim Umsatz um 50 % auf annähernd 800 Mill. Euro zugelegt. Der Marktanteil der Reimporte hat sich damit innerhalb von zwei Jahren auf 4,6 (2,2) % verdoppelt und dürfte weiter zulegen. Denn in einem Vertrag mit den Krankenkassen mussten sich die deutschen Apotheken verpflichten, ab April 5,5 % und ab dem kommenden Jahr sogar 7 % ihrer Umsätze mit reimportierten Präparaten zu bestreiten. Hintergrund sind die stark steigenden Arzneimittelausgaben, die 2001 laut Schätzungen um 10 % auf 21 Mrd. Euro hochgeschnellt sind.

Lukrativ wird der Medikamentenhandel durch Preisdifferenzen bei identischen Medikamenten innerhalb Europas. Währungsverschiebungen, staatliche Preisbeschränkungen, unterschiedliche Steuersysteme und auch freiwillige Vereinbarungen zwischen Herstellern und nationalen Krankenkassen sorgen hier zu Lande für Unterschiede von zum Teil einem Drittel und mehr. Diese wiederum nutzen spezialisierte Importeure: So kostet das Antibiotikum Ciprobay vom Importeur Kohlpharma in deutschen Apotheken 84,91 Euro, das Original von Bayer aber 94,44 Euro.

Die großen Hersteller greifen jetzt zu Gegenmaßnahmen. Zunächst machen sie politisch Front gegen die Preisrestriktionen in südeuropäischen Ländern. Gleichzeitig suchen sie nach Möglichkeiten, den Reimport zu behindern. "Vor allem Glaxo-Smithkline zieht die Schrauben an", sagt der Geschäftsführer eines europaweit tätigen Pharmahändlers. Der britische Pharmariese hatte im Dezember über ein neues Liefersystem informiert, das aus Sicht des Handels darauf hinausläuft, nur noch diejenigen Mengen in die nationalen Märkte zu liefern, die dort tatsächlich benötigt werden. Auch der US-Konzern Merck & Co. hat laut EU-Kommission ähnliche Pläne angemeldet. Andere Konzerne setzen auf spezielle Packungsgrößen, die die Reimporteure vor logistische Probleme stellen.

Ob diese Initiativen den Reimport tatsächlich eindämmen, ist aber fraglich. Mehrere Importeure haben inzwischen Beschwerden eingelegt - unter anderem gegen Glaxo-Smithkline, Merck und Pfizer. Bereits im Mai hatte die EU-Kommission den Versuch von Glaxo abgeschmettert, dem spanischen Großhandel höhere Preise für Produkte zu diktieren, die exportiert werden.

Umstritten ist jedoch auch, wie groß der Spareffekt durch Reimporte für die Krankenkassen wirklich ist. Die Bundesvereinigung deutscher Apothekerverbände (ABDA) schätzt, dass die Importquoten die Kassen theoretisch um bis zu 250 Mill. Euro entlasten. Jedoch sei mit erheblichen Preissteigerungen zu rechnen, denn die gesetzliche Absatzgarantie gebe den Importeuren großen Spielraum.

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