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09.01.2002

19:00 Uhr

Mehr konjunkturpolitische Flexibilität

Hongkong stellt Bindung an den Dollar in Frage

VonOliver Müller

Die Argentinien-Krise stellt einen langjährigen Stützpfeiler der Hongkonger Wirtschaftspolitik in Frage: Die Stadt ist die letzte bedeutende Volkswirtschaft der Welt, die ihre Währung ebenso rigide an den US-Dollar koppelt wie bis vor kurzem Buenos Aires. Dafür zahlt sie einen hohen Preis.

HONGKONG. Unmittelbar dürfte sich an der Bindung des Hongkong-Dollars an den US-Greenback nichts ändern. Allerdings sehen Volkswirte die Zeit kommen, da auch der Kurs des Hongkong-Dollars frei gegeben wird. Denn hoch ist der Preis, den die Stadt für Währungsstabilität berappen muss: Wie Argentinien leidet Hongkong unter Deflation und Rezession und ist in eine Spirale von wegbrechenden Ausfuhren, steigender Arbeitslosigkeit, fallenden Löhnen und wachsenden Haushaltsdefiziten geraten.

Zwar geht ein guter Teil der Probleme auf die weltweite Konjunkturflaute zurück; eine Rolle spielt auch der tiefgreifende Strukturwandel, den die Integration mit China der Ex-Kolonie abnötigt. Aber die Wechselkursbindung verschärft die ohnehin angespannte Wirtschaftssituation. Seit der Asienkrise ist die Handelsmetropole eine Insel der Währungsstabilität in Asien.

Alle Nachbarwährungen außer der Chinas haben um mehr als ein Drittel an Wert eingebüßt. Um wettbewerbsfähig zu bleiben, muss Hongkong seine Preise nach unten korrigieren; sie fallen seit drei Jahren ununterbrochen. Deflation untergräbt nicht nur den Konsum und die Unternehmensgewinne; der Einbruch der Immobilienpreise um 60% hat ein Loch in den Staatshaushalt gerissen. Dieses Jahr klafft im Budget ein noch nie da gewesenes Minus von 7,7 Mrd. $, rund 4% des Bruttoinlandsprodukts.

Allerdings steht Hongkong wirtschaftlich auf einem ungleich solideren Fundament als Argentinien. Angesichts von 110 Mrd. $ Reserven, einem gesunden Bankwesen und dem Fehlen von Auslandschulden gilt eine Währungskrise als ausgeschlossen. Der Termin-Kurs des Hongkong-Dollars schlug in den vergangenen Wochen kaum aus - ein Beweis für das Vertrauen der Märkte in die Kursstabilität. Auch die politische Führung schwört Stein und Bein, dass ein Ende des 18 Jahre alten Währungsregimes nicht zur Debatte steht. Doch Volkswirte sehen die Zeit gekommen, sich nach Alternativen umzusehen: "Langfristig ist die Währungsbindung nicht haltbar", meint Frank Gong von der Bank of America. Vor allem eine andauernde Dollarstärke würde der Stadt das Leben schwer machen. Für Jun Ma von der Deutschen Bank leidet Hongkong zwar stärker unter dem weltweiten Konjunktureinbruch als unter einer überbewerteten Währung. Doch auch er prophezeit: "Um die Deflation zu brechen und Freiraum bei der Geldpolitik zu bekommen, wird die Regierung den Hongkong-Dollar irgendwann freigeben müssen."

Dass es Finanzminister Anthony Leung vor zwei Monaten wagte, den so genannten "Peg" in Frage zu stellen, bewerten Beobachter als Indiz dafür, dass innerhalb der Führung über die Zukunft der Währung debattiert wird. Leung hatte den Peg als "Wachstumshindernis" bezeichnet und hinzugefügt, ein Ende würde die wirtschaftspolitische Flexibilität erhöhen. Kurzfristig würde solch eine Maßnahme jedoch mehr schaden als nutzen: "Hongkong ist extrem auf Importe angewiesen", erklärt China-Volkswirt Jun Ma. "Rasch anziehende Inflation würde einen Großteil der durch Abwertung gewonnenen Wettbewerbsfähigkeit zunichte machen." Außerdem verkauft die Stadt Stabilität als Standortvorteil für Auslandsinvestoren auf dem Sprung in die Volksrepublik; dazu zählen feste Wechselkurse mit den wichtigsten Handelspartnern, den USA und China.

Hongkongs Ausfuhren würde eine Abwertung kaum helfen, denn bei 90% davon handelt es sich um Re-Exporte aus der Volksrepublik. Doch ewig dürfte sich die Stadt den Peg nicht leisten können: Sonst können ihre immensen Währungsreserven nie für Konjunkturprogramme oder Steuersenkungen produktiv gemacht werden, sie bliebe Geisel eines starken US-Dollars. Außerdem will China den Renminbi schrittweise voll konvertierbar machen. Mit einer Ausweitung der Schwankungsbreite wird bald gerechnet. "Das wird ein zusätzlicher Anreiz, den Hongkong-Dollar frei zu geben", meint Jun Ma.

Er ist überzeugt davon, dass ein Anziehen der Weltkonjunktur Hongkong im Laufe dieses Jahres aus der Krise zieht. In zwei, drei Jahren rechnet er mit besseren wirtschaftliche Rahmenbedingungen für eine Freigabe der Währung. Diese Chance solle die Regierung nutzen. "In guten Zeiten hat Hongkong davon zwar keine unmittelbaren Vorteile" meint Jun Ma, "aber langfristig würde es sich besser für die nächste Rezession rüsten."

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