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22.03.2003

21:15 Uhr

Mehr Widerstand als erwartet

Bagdad ist nun Tag und Nacht unter Beschuss

Mit massiven Angriffen auch am Tag haben die USA am Samstag ihre "Angst und Schrecken"-Luftoffensive im Irak-Krieg fortgesetzt. Am Abend erschütterten neue Angriffswellen die irakische Hauptstadt Bagdad. Dabei waren Dutzende Einschläge von Raketen und Marschflugkörpern zu hören. Der Himmel über Bagdad wurde von Lichtblitzen erleuchtet.

HB/dpa BAGDAD/WASHINGTON/LONDON. Während der Angriffe ertönte das "Allahu Akbar" (Gott ist groß) von den Minaretten der Moscheen. Irakische Kämpfer zündeten Öl in Gräben rund um Bagdad an. Die schwarzen Rauchwolken sollen Raketen und Flugzeuge fehlleiten.

Erstmals war Bagdad am Samstag auch am Tag angegriffen worden. Bei den schweren Luftschlägen kamen nach unbestätigten Angaben des Gesundheitsministeriums in der Hauptstadt drei Menschen ums Leben, mehr als 250 wurden verletzt.

Nach den Angriffswellen auf Bagdad haben US-Streitkräfte am Samstagabend auch die südirakische Stadt Basra mit Raketen beschossen. Das meldete der arabische Fernsehsender El Dschasira. Der Sender zeigte Bilder von getöteten und schwer verletzten Irakern. Bei den Luftangriffen sollen bislang 50 Einwohner von Basra getötet worden sein, darunter ein zweijähriges Kind. In beiden Städten sei die Stromversorgung getroffen worden. Im Osten des Irak bombardierte die US- Luftwaffe ein Lager der Ansar el Islam- (Helfer des Islam -) Miliz. Ihr werden von den USA Verbindungen zum Terrornetzwerk El Kaida nachgesagt.

Saddam Hussein im irakischen Fernsehen

Ungeachtet der heftigen Angriffe präsentiert sich Iraks Machthaber Saddam Hussein weiter in bester Stimmung. Das staatliche irakische Fernsehen zeigte am Samstagabend Bilder von einem Treffen Saddams mit dem engsten Führungszirkel. Saddam lachte aus vollem Herzen, und auch die anderen Anwesenden strahlten über das ganze Gesicht. Wann die Bilder aufgenommen wurden, war allerdings unklar.

Basra noch nicht eingenommen

Amerikanische und britische Streitkräfte sind nach einem Bericht der BBC mittlerweile bis auf 320 Kilometer vor Bagdad vorgerückt. Im Südirak hätten die alliierten Verbände nun auch den Flughafen der Stadt Basra besetzt. Dabei seien sie zunächst auf Widerstand gestoßen, hätten den nördlich der Stadt gelegenen Flughafen dann aber unter ihre Kontrolle bringen können. Drei amerikanische Marineinfanteristen seien verletzt worden.

Ein Korrespondent des arabischen Fernsehsenders El Dschasira sagte, dass Basra entgegen anders lautenden Meldungen noch nicht eingenommen worden sei. Ein britischer Militärsprecher wurde zudem mit den Worten zitiert, die Truppen seien nicht ins Zentrum von Basra vorgestoßen. Sie wollten Straßenkämpfe wie zuvor in Umm Kasr vermeiden. In Umm Kasr komme es immer noch vereinzelt zu Kämpfen mit irakischen Soldaten. "Es gibt mehr Widerstand, als wir erwartet haben", sagte ein US-Offizier der BBC. "Es gibt da so ein paar Fanatiker."

Die Ölfelder im Südirak einschließlich derjenigen um Basra würden inzwischen von den Alliierten kontrolliert. Auch Nasirija mit der strategisch wichtigen Euphrat-Brücke soll in der Hand amerikanischer und britischer Truppen sein. Hunderte irakischer Soldaten hätten sich ergeben. Dies wurde zunächst von keiner Seite offiziell bestätigt.

Verwirrung um Einsatz türkischer Truppen

Für Aufsehen in Berlin und Washington sorgten Medienberichte, wonach rund 1000 türkische Soldaten ins nordirakische Grenzgebiet vorgerückt sein sollen. Der türkische Generalstab dementierte die Angaben. Die türkischen Streitkräfte seien aber bereit, "wenn es die Lage und die Bedingungen erfordern". Nach Darstellung Ankaras sollen damit irakische Flüchtlinge abgefangen und das Eindringen kurdischer Rebellen verhindert werden. Auch will die Türkei offenbar die Gründung eines Kurdenstaates im Nordirak unterbinden.

Die Bundesregierung will bei einem Eingreifen der Türkei in den Irak-Krieg die deutschen Soldaten aus den AWACS-Aufklärungsflugzeugen der NATO abziehen. Das kündigte Außenminister Joschka Fischer nach einer Sitzung des Sicherheitskabinetts an.

Angeblich hat sich irakische Division ergeben

Bei schweren Bombardements waren in der Nacht zum Samstag Regierungsgebäude im Zentrum Bagdads, Paläste von Präsident Saddam Hussein und Ziele im Umland zerstört worden, wie dpa-Korrespondenten aus der Hauptstadt berichteten. Luftangriffe gab es auch in den nordirakischen Städten Mosul und Kirkuk. Nach Angaben des Pentagon ergab sich im Südirak die 51. irakische Infanteriedivision. Dies wurde von Bagdad bestritten.

Nach britischen Militärangaben flogen die Luftwaffen der Alliierten 3000 Einsätze. Weitere 8000 britische Elite-Soldaten marschierten laut BBC in den Irak ein, um die Ölfelder im Südirak abzusichern.

"Sea King"-Hubschrauber abgestürzt

Bei der Kollision von zwei britischen "Sea King"-Hubschraubern über dem Persischen Golf kamen sechs Briten und ein Amerikaner ums Leben. Wie der US-Nachrichtensender CNN berichtete, wurden außerdem vier US-Soldaten in einem Hinterhalt getötet. Damit haben die Alliierten bislang offiziell 25 Soldaten verloren.

Bei einem Selbstmordanschlag im Nordosten des Irak wurde ein australischer Kameramann getötet. Auch drei kurdische "Peschmerga"- Kämpfer kamen ums Leben, als sich ein Taxifahrer an einem Kontrollposten mit seinem Wagen in die Luft sprengte. Ein zweiter Journalist wurde verwundet.

Erneut demonstrierten am Samstag weltweit hunderttausende Menschen gegen den Krieg im Irak. Papst Johannes Paul II. sprach von einer "Bedrohung für das Schicksal der Menschheit".

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