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31.03.2003

08:41 Uhr

Mehrheit im EZB-Schattenrat neigt zu geldpolitischer Lockerung

Zinssenkung könnte früher kommen als der Markt erwartet

VonNorbert Häring

Eine leichte Mehrheit im EZB-Schattenrat glaubt, dass sich die verdüsternden Konjunkturperspektiven des Euroraums bald eine Leitzinssenkung erforderlich machen. Viele Mitglieder rechnen auch für den Fall, dass der Krieg nicht mehr allzu lange dauert und in einen klaren Sieg der Alliierten mündet, mehrheitlich nicht mit einem kräftigen Wirtschaftsaufschwung.

FRANKFURT/M. Während der Markt ausweislich der Geldmarktsätze eine Zinssenkung erst im Juli erwartet, deutet die Diskussion im Schattenrat darauf hin, dass sich eine Mehrheit im EZB-Rat für einen solchen Schritt schon früher bilden könnte.

Eine deutliche Mehrheit von 14 der 18 EZB-Schattenräte ist zwar dagegen, dass die Europäische Zentralbank (EZB) bereits am Donnerstag die Leitzinsen senkt. Die zehn Mitglieder mit Zinssenkungsneigung sprachen sich allerdings für einige "Wochen" - nicht Monate - des Abwartens aus, soweit sie nicht eine sofortige Zinssenkung forderten.

Der EZB-Schattenrat ist ein internationales Gremium von 18 prominenten geldpolitischen Experten aus Finanzinstituten, Hochschulen und Forschungsinstituten. Seit seiner ersten Sitzung Ende November waren die Mehrheitsverhältnisse in dem Gremium jeweils eng kompatibel mit den folgenden Zinsentscheidungen des ebenfalls 18-köpfigen EZB-Rats.

"Die Inflationsprognosen rechtfertigen derzeit keine weitere Zinssenkung", argumentierte Joachim Fels, Europa-Chefvolkswirt von Morgan Stanley, der zu den acht "neutralen" Mitgliedern ohne klare Zinssenkungsneigung gehört. Er empfiehlt der EZB, vor allem auf die Reaktion der Aktienmärkte und den Ölpreis zu achten, um zu entscheiden, ob der Irak-Krieg eine Zinssenkung notwendig macht. Nur wenn sich neue schwere Vertrauensschäden oder Belastungen der Konjunktur zeigen sollten, halten Fels und die anderen Mitglieder der neutralen Fraktion eine Zinssenkung für angemessen.

Im Durchschnitt erwarten die Schattenratsmitglieder, dass die Inflation im Euroraum bis Jahresende auf 1,5 Prozent zurückgeht und auf diesem Niveau verharrt.

Während sich die mittelfristigen Inflationsprognosen zum Vormonat kaum veränderten, trübte sich der Konjunkturausblick weiter ein.

Insgesamt unterscheiden sich die neuen Jahresdurchschnittsprognosen des Schattenrats für 2003 und 2004 sowohl für die Inflation (1,9 und 1,5 Prozent) als auch für das Wirtschaftswachstum (1,0 und 2,1 Prozent) nicht nennenswert von den aktuellen internen Prognosen der EZB, wie sie von Nachrichtenagenturen verbreitet wurden.

Zinssenkungsbefürworter John Llewellyn, Chefvolkswirt von Lehman Brothers, sieht die Inflationsrate bis Jahresende sogar auf 1,0 Prozent fallen und dort verharren. Zudem ist er sehr skeptisch für den Kriegsverlauf: "Der Krieg hat das Wirtschaftsvertrauen schon seit langem stark beeinträchtigt und mit jedem Tag kann man deutlicher sehen, dass er nicht gut verläuft und länger dauern wird."

David Walton, Europa-Chefvolkswirt von Goldman Sachs erwartet zwar, dass sich die Inflation nur bis auf rund 1,5 Prozent abschwächt. Er verweist aber darauf, dass eine Mehrheit im Schattenrat zwei Prozent für eine angemessene Ziel-Inflationsrate hält. 1,5 Prozent liege mithin unterhalb des Zielwertes. Waltons Kollege Julian Callow von Credit Suisse First Boston betonte allerdings, dass die Wachstums- und Inflationsprognosen zumeist unter der Annahme einer weiteren Senkung des EZB-Leitzinses erstellt worden seien. Sollte diese nicht kommen, sei noch geringeres Wachstum und niedrigere Inflation zu erwarten.

Angel Ubide, für das Europa-Research des Hedgefunds Tudor Investment in Washington zuständig, bezweifelte, dass sinnvolle Prognosen derzeit möglich sind. Deswegen ist er im Moment gegen eine Leitzinsänderung. "Es ist fast unmöglich, vorherzusagen, wie die Wirtschaftslage in der zweiten Jahreshälfte sein wird", sagte Ubide. Die bisherigen Marktreaktionen auf den Krieg hätten gezeigt, dass die Einschätzungen der Kriegsfolgen für die Wirtschaft sich innerhalb von Tagen dramatisch ändern könnten.

Für Patrick Artus, den Chefvolkswirt der französischen Investmentbank CDC-Ixis, ist eine kräftige Zinssenkung dagegen unabhängig vom Kriegsverlauf dringend geboten - unter anderem, weil er in Teilen des Euroraum eine Kreditklemme diagnostiziert.

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