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08.10.2012

13:00 Uhr

Buch-Auszug

Europäisches Mosaik statt amerikanischer Schmelztiegel

VonHans-Werner Sinn

Wie weit soll, wie weit muss europäische Integration gehen? Die Bankenregulierung schreit regelrecht nach mehr Konformität auf dem Kontinent. Doch die Chancen für Einigkeit waren selten schlechter als heute.

Der Präsident des Ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung, Hans-Werner Sinn. dapd

Der Präsident des Ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung, Hans-Werner Sinn.

Das Motto der Vereinigten Staaten von Amerika lautet "De pluribus unum": "Aus vielen das Eine". Das Motto Europas ist "In varietate concordia": "In Vielfalt geeint". Deutlicher könnte man die Unterschiede zwischen dem amerikanischen Modell und dem europäischen nicht ausdrücken. Amerika ist der Schmelztiegel. Europa ist hingegen das über lange Zeiträume historisch gewachsene Mosaik aus unterschiedlichen Völkern und Kulturen.

Angesichts dieser Unterschiede stellt sich die Frage, ob es sinnvoll ist, die Vereinigten Staaten von Europa überhaupt anzustreben. Viele lehnen die Vorstellung ab, weil es ihrer Meinung nach keine einheitliche europäische Identität geben könne. Ein gemeinsames Staatswesen wie in den USA setze eine gemeinsame Sprache und eine gemeinsame Nationalität voraus.

Vielleicht lässt sich die Idee der Vereinigten Staaten von Europa, von der wir Nachkriegskinder geträumt haben, nicht realisieren. Ich bin mir aber nicht sicher, denn für die Vertiefung der europäischen Integration und die Schaffung eines gemeinsamen Staates sprechen auch handfeste praktische Vorteile, die keineswegs eine gemeinsame Identität oder eine gemeinsame Sprache voraussetzen. Dazu gehören das Recht, sich frei über die Grenzen zu bewegen, die Freiheit des Waren- und Dienstleistungsverkehrs, die Rechtssicherheit für grenzüberschreitende wirtschaftliche Aktivitäten, eine Infrastruktur, die nicht an den Grenzen haltmacht, und nicht zuletzt gemeinsame Sicherheitsinteressen.

Der Bereich der Bankenregulierung ist das aktuellste Beispiel für kollektives Handeln. Wenn die Ge- und Verbote, die die Banken bei ihrem Geschäft beachten müssen, auf nationaler Ebene festgelegt werden, das Bankgeschäft aber international mobil ist, hat die nationale Regulierungsbehörde stets einen Anreiz, lasche Standards zu setzen, um das Geschäft nicht in andere Länder zu vertreiben, sondern von dort anzulocken. Der Regulierungswettbewerb degeneriert zu einem Laschheitswettbewerb, weil sich die Vorteile der laschen Regulierung in Profiten zu Hause niederschlagen, während die Verluste bei den weltweit verteilten Gläubigern der Banken liegen.

Es gibt noch viele ähnliche Beispiele aus dem Bereich der Normen, der Wettbewerbspolitik oder der Besteuerung, die man hier ebenso anführen könnte. Insofern sprechen viele grundsätzliche Erwägungen für eine weitere Vertiefung des europäischen Integrationsprozesses bis hin zur Schaffung eines gemeinsamen europäischen Staats.

Kommentare (4)

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PubliusAeliusHadrianusGraeculus

17.10.2012, 08:38 Uhr

Nichts Neues. Ein Völkerverbund, mit all den Religionen, Kulturen und Ethnien geeint in der griechischen Sprache und liberalen hellenistischen Weltanschauung war schon im Reich Alexander des Großen Realität und wurde auch unter dem Hellenen Hadrian zur Zeit des unchristlichen Roms fortgesetzt. Allein die Gier nach Macht und Reichtum und der aufkommende christliche Absolutismus machten alldem ein Ende.
Man müsste sich wohl heute von allen abrahmitischen Religionen trennen, um der Renaissance des 15. und 16. Jahrhunderts bzw. besser der attischen Philosophie und Aufklärung nach 2500 Jahren überhaupt eine reale Chance zu geben.
Wie formulierte es J.W.v.Goethe - ein Hellene sondergleichen: «Unter allen Völkerschaften haben die Griechen den Traum des Lebens am schönsten geträumt.» Nur sind der antike alle abrahamitischen Religion erspart geblieben.

Account gelöscht!

19.10.2012, 11:14 Uhr

"Angesichts dieser Unterschiede stellt sich die Frage, ob es sinnvoll ist, die Vereinigten Staaten von Europa überhaupt anzustreben."

Davon ist doch eigentlich nie die Rede gewesen.
Welche Popanze muß ein Sinn noch aufbauen, um seine TV-Affinitäten immer wieder auszuleben?

Wozu steht denn sonst im Artikel 23 des GG noch etwas von Subsidiarität? Damit alle mit den Deutschen "verschmelzen"? Ich glaube guten Gewissens behaupten zu können, das wollen die anderen nicht :), und gottseidank!

Machiavelli

24.10.2012, 16:29 Uhr

Auf die Frage: "Wie weit soll, wie weit muss europäische Integration gehen?" gibt es eine Antwort: soweit wie nur möglich. Soweit der Zeitgeist es erlaubt.
Ein Stillstand, wie von vielen deutsch-nationale gewünscht und angestrebt und propagiert, ist unmöglich und auch nicht wünschenswert und nur für Deutschland kurzfristig vom Vorteil.
Was Deutschland möchte ist to "eat the cake and keep it too"
Deutschland, Sinn und Konsorten möchten von den Vorteile einer reservierten Exportzone profitieren ohne die notwendige Opfer dafür zu bringen.
Trotzdem und unabhängig von den Hirngespenst von Herr Sinn, Henkel, Sarrazin, etc., etc. icvh wage nicht voraus zu sagen ob langfristig eine totale Integration der europäische Staaten die Menschen in Europa (nicht nur in Deutschland) glücklich machen wird.
Man kann mit Sicherheit behaupten dass ohne die von Bismarck gewollte deutsche Zollunion und die darauf folgende Gründung des deutschen Reiches beide Weltkriege nicht statt gefunden hätten.
Das selbe kann auch durch eine totale europäische Integration passieren wenn für manche Mächte Europa zu stark werden sollte.

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