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06.06.2012

17:34 Uhr

David Marsh

Scheitert Spanien, dann auch der Euro

VonDavid Marsh

In den kommenden Monaten könnte der Euro-Raum bröckeln. Auch in der möglichen Abwicklungsphase muss die EZB glaubwürdig sein. Die Entwicklung der Zentralbank durchlebte viele Phasen und mündete in Schuldzuweisungen.

Viel mehr als von Griechenland oder Deutschland hängt die weitere Entwicklung von Spanien ab. dpa

Viel mehr als von Griechenland oder Deutschland hängt die weitere Entwicklung von Spanien ab.

EZB-Präsident Mario Draghi betont stets die Grenzen der Hilfsmöglichkeiten der Notenbank. Doch wenn der Euro-Raum in den kommenden Monaten zerbröckelt, wird der EZB die wichtige Rolle als Garantin der europäischen Zahlungssysteme zugeordnet, auch als Koordinatorin der Geld- und Währungspolitiken der nationalen Zentralbanken. Und schließlich als moralische Instanz, um vergangene Missgeschicke und Fehlkalkulationen aufzuzeigen und neue Wege zu weisen.

Welches sind die bisherigen Zeitabschnitte der EZB-Entwicklung? Die Aufbauphase 1998-2003 fiel mit der Ära des ersten Präsidenten Wim Duisenberg zusammen. Die neue Währung geriet gegenüber der Macht des Dollars und der Skepsis der Finanzmärkte in eine Zerreißprobe. Die zweite Etappe, die Bestätigungsphase, haben wir ab November 2003 mit dem Amtseintritt Jean-Claude Trichets erlebt, als sich die EZB den Versuchen der Regierungen, fiskalpolitische Regeln auszuhebeln, mit Biss entgegenstellte.

Im Zuge einer Legendenbildung wird jetzt von den Notenbankern das Fehlverhalten der französischen und deutschen Regierung in den Jahren 2003-04 übertrieben. Paris und Berlin verzeichneten in dieser Zeit durchschnittliche Haushaltsdefizite in Höhe von 3,4 Prozent des BSP. Kein Kapitalverbrechen gegen die Wirtschaftsorthodoxie.

Hilfen der EZB

Staatsanleihekäufe

Die Europäische Zentralbank (EZB) hat seit Mai 2010 auf dem Sekundärmarkt - also von der Finanzbranche - Staatsanleihen oder Peripherieländer Griechenland, Irland, Portugal, Spanien und Italien im Wert von 214 Milliarden Euro gekauft und damit die Risikoprämien für Bonds dieser Länder gesenkt.

Dreijahrestender

Im Dezember und Februar haben die Frankfurter Währungshüter den Bankensektor mit mehr als einer Billion Euro geflutet. Der Zins auf die Kredite beträgt ein Prozent bei einer Laufzeit von drei Jahren. Die Banken investierten die Gelder teilweise in höher verzinste Anleihen.

Sicherheiten

Die Anforderungen an die Sicherheiten, die von Banken für EZB-Kredite von der Notenbank zu hinterlegen sind, wurden im Verlauf der Krise sukzessive gesenkt und erhöhten so die Liquidität der Banken im Euro-Raum.

Phase drei war eine Trotzphase, als sich der Euro festigte und Trichet den Status der EZB gegenüber der Politik überbetonte - so mit der überzogenen Selbstdarstellung, er sei „Mr Euro“. Diese Etappe wurde von einer verantwortungslosen Sorglosigkeit der EZB hinsichtlich der wachsenden Euro-Raum-Zahlungsbilanzungleichgewichte begleitet. Wie der frühere Präsident der EU-Kommission, Jacques Delors, jüngst sagte, hätte der EZB-Rat während der Ruhe vor dem Euro-Sturm auf mögliche Finanzierungsprobleme hinweisen sollen.

Die vierte Phase ab 2007 kann man als Periode des Triumphs beschreiben, als die EZB die ersten Auswüchse der Finanzkrise erfolgreich bekämpfte und Trichet im Juni 2008 Euro-Kritiker des Kleinmuts bezichtigte. Mit der Offenlegung der Misere des griechischen Fehlverhaltens trat Ende 2009 die fünfte Phase ein, die Krisenperiode, die in die Phase der gegenseitigen Schuldzuweisungen mündet.

Und künftig? Viel mehr als von Griechenland oder Deutschland hängt die weitere Entwicklung von Spanien ab. Scheitert Spanien, dann auch der Euro. Dann erleben wir die siebte Phase, die Etappe der Euro-Abwicklung. Der Höhepunkt der Karriere von Draghi steht wohl noch bevor.

Der Autor ist Co-Chairman von OMFIF.

Kommentare (27)

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Michel

06.06.2012, 18:15 Uhr

Dann bitte ich, die siebte Phase zu beginnen.

norbert

06.06.2012, 18:44 Uhr

Bei allem Respekt, Herr Marsh - JEDES Haushaltsdefizit ist ein Verbrechen gegenüber dem Steuerzahler ! Wir können gerne über das "wann", aber nicht über das "ob" eines Zusammenbruches spekulieren, wenn ein Staat Jahr für Jahr Defizite mit Neuverschuldung "bekämpft" ( schon das Wort "bekämpfen" löst bei mir Heiterkeit aus )

flok

06.06.2012, 19:06 Uhr

"Jedes Haushaltsdefizit ist ein Verbrechen gegen den Steuerzahler"? Wie sollen dann denn historische Investitionen bezahlt werden? Wenn beispielsweise eine große Autobahn oder jetzt die Erneuerung der Leitungsnetze für die Energiewende über Kredite finanziert werden (und es ergo in einem solchen Jahr ein Haushaltsdefizit gibt), ist dass dann ein "Verbrechen"? Schauen Sie mal in den Aufbau der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung. Wenn sie die Verschuldung des Staates reduzieren wollen, müssen sie gleichzeitig die Vermögen der privaten Haushalte reduzieren oder die Verschuldung der Unternehmen erhöhen oder die Forderungen gegen das Ausland erhöhen (schlechteste Lösung, siehe GR-Anleihen oder US-subprime Engagement deutscher Banken). Das ist eine mathematische Notwendigkeit. Volkswirtschaftlich betrachtet sind Schulden nunmal nicht per se negativ oder positiv.

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