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12.06.2012

10:23 Uhr

Energiewende

Europa braucht das richtige Geschäftsmodell

VonGert G. Wagner und Karsten Neuhof

Europa braucht keine Wachstumsrhetorik, sondern Leiplanten in Sachen Energieeffizienz, an die sich die Wirtschaft halten kann. Besonders gefährlich ist derzeit die Abhängigkeit von Gas und Öl.

Hochspannungsleitungen in der Nähe von Bornheim. dpa

Hochspannungsleitungen in der Nähe von Bornheim.

Wer eine Firma gründen und einen Kredit erhalten möchte, somit also zu Wachstum beitragen will, braucht vor allem das richtige Geschäftsmodell. Angela Merkel und François Hollande haben deswegen das Thema Wachstum auf die Agenda der europäischen Politik gesetzt: Wenn die europäische Wirtschaftspolitik bei Investoren und Kapitalgebern nachhaltig Vertrauenskredit erhalten will, dann sind ein neues Geschäftsmodell und eine neue Wachstumsstrategie gefragt.

Dazu muss Europa zunächst wissen, wo es steht. Der Blick auf ökonomische Fundamentaldaten wie Haushaltsdefizit und Erwerbslosigkeit ist deshalb unerlässlich. Eine entscheidende Größe wird dabei indes vernachlässigt: Europas gefährliche Abhängigkeit von importierten Rohstoffen, allen voran Öl und Gas.

Gert G. Wagner (Bild) ist Vorstandsvorsitzender des DIW Berlin. Karsten Neuhoff leitet die Abteilung Klimapolitik des DIW. Reuters

Gert G. Wagner (Bild) ist Vorstandsvorsitzender des DIW Berlin. Karsten Neuhoff leitet die Abteilung Klimapolitik des DIW.

Welches sind die von der europäischen Wirtschaftskrise am härtesten betroffenen Staaten? Italien, Spanien, Portugal und Griechenland. Und welche Staaten gehören zu den EU-Mitgliedern, die ihr Bruttoinlandsprodukt mit einem besonders hohen Anteil importierter Energie erzeugen? Richtig: Italien, Spanien, Portugal und Griechenland.

Allein seit Anfang 2009 hat sich die Rohstoff-Importrechnung der EU praktisch verdoppelt. Insgesamt gaben die 27 EU-Staaten zuletzt mehr als 400 Milliarden Euro für den Import nicht-nachwachsender Rohstoffe aus. Der Löwenanteil entfällt auf Öl. Allein dieser jährlich anfallende Kostenblock würde ausreichen, um Griechenlands Staatsschulden auf einen Schlag zurückzuzahlen.

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Wie sehr diese Abhängigkeit zum Mühlstein ganzer Volkswirtschaften wird, zeigt das Beispiel Italien. Parallel zur Verschärfung der Schuldenkrise stieg Italiens Rechnung für importierte fossile Energieträger zwischen 2009 und 2011 um mehr als die Hälfte, von 47 auf 73 Milliarden Euro. Wie wenig nachhaltig dies ist, verdeutlicht ein Blick auf das Leistungsbilanzdefizit von 58 Milliarden im gleichen Zeitraum.

Es ist richtig: Zahlreiche europäische Länder haben über ihre Verhältnisse gelebt - ökonomisch, aber eben auch ökologisch. Sie haben ihren Output mit teuren Importen fossiler Energie teuer, zu teuer erkauft. Ein wirklich tragfähiges Geschäftsmodell für die europäische Wirtschaft muss genau hier ansetzen: mehr Output bei weniger Input, mehr Effizienz und Innovation statt einer stetig steigenden Importrechnung für Öl und Gas.

Kommentare (4)

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Nichtdoch

12.06.2012, 11:00 Uhr

Hmm, warum sollen privatwirtschaftlich und gewinnorientierten Unternehmen Rahmenbedingunge zur Effizienzsteigerung auferlegt werden?
Ist nicht das eigentliche Problem mit den Energieimporten, was ich daraus mache? Konsumiere ich diese Importe nur. ist es etwas ganz anderes, als wenn ich damit z.B. Exportgüter produziere, die mir dann die Ölexporteure aus der Hand reißen. Unter dem Deckmantel Effizienz soll mal wieder die CO2-Schimäre geritten und neue Regulierungen eingeführt werden. Und das ist garantiert falsch und wirtschaftsfeindlich. Wenn es billiger ist, Maßnahmen zur Energieeinsparung zu treffen, als diese weiter im gewohnten Maß einzukaufen, dann werden diese Maßnahmen in der Wirtschaft auch ergriffen werden.

SteuerKlasseEins

12.06.2012, 11:12 Uhr

Wir machen uns Sorgen um die Abhängigkeit von Gas und Öl, deshalb schalten wir alle unsere Atomkraftwerke ab, die uns jahrzehntelang zuverlässig soviel Energie wie viele Milliarden Liter Heizöl und Milliarden Kubikmeter Gas geliefert haben. Das ist unsere "Energiepolitik".

matze_dr_matin_boehmer

12.06.2012, 14:50 Uhr

der arktikel spricht neben der schludrigen "süd-verwaltung" das zentrale volkswirtschaftliche problem der eu und eurozone an - oder anders gesagt, die nordsee ist leergepumpt und uk wankt so. zur zeit gehen die deutschen exporterlöse für die energie bzw. ölrechnung der eurozone drauf und reichen nicht mal (traget höher als exporterlöse auserhalb der eu). nur der aufbau einer gigantischen infrastruktur mit einer halbwertzeit für viele jahrhunderte kann dieses problem lösen und der europäischen volkswirtschaft eine dauerhafte perspektive und noch viel mehr (ziele bzw. ideale, motivation, überzeugungskraft und gemeinsinn für die europäer usw.) geben. kurzfristig bedarf es realistätssinn für die südländer und mittel- und langfristig das ziel einer effizienten europäischen energieinfrastruktur mit einem so hoch als möglichen anteil an erneuerbaren energien. warum sollte europa nach dem vergangenen jahrhunder nicht mal seine kraft für seine eigene dauerhafte entwicklung nutzen als sie zu seiner eigenen zerstörung einzusetzen? hierbei werden und müssen russland und die osteuropäischen länder konstruktive und mit viel verständnis für ihre interessen einbezogen werden. dies ist für mich ein neues europäisches rapallo.
die derzeitigen währungsturbulenzen lassen sich mit zwei "agressiven" schritten einfach lösen:
1. es wird sich wieder an die verträge (no bail out) gehalten. nationale selbstverantwortung tragen wie im subsidaritätsprinzip vorgesehn. den schmerzvollen prozess im süden durch besagte investitionen lindern. diese selbstverantwortung gilt natürlich auch für die nationalen und internationalen banken. es werden scho banken überbleiben. sowohl in europa als auch in den usa wurden und werden ja scho ab 2008 laufend neue banken gegründet.
2. sofortige verhandlungen mit den osteuropäischen ländern, russland und skandinavien aufnehmen, um die währungspolitischen "assoziation" in europa vorranzu bringen.

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