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26.05.2012

09:33 Uhr

Essay Jürgen Fitschen

Die Sünden der Finanzwirtschaft

VonJürgen Fitschen

Die Finanzbranche hat massiv an Ansehen verloren. Ohne sie würde unser Wirtschaftssystem aber zusammenbrechen, sagt Jürgen Fitschen. Ein Essay des designierten Co-Chefs der Deutschen Bank über die Zukunft der Branche.

Jürgen Fitschen übernimmt am 1. Juni gemeinsam mit Anshu Jain den Vorsitz der Deutschen Bank von Josef Ackermann. Reuters

Jürgen Fitschen übernimmt am 1. Juni gemeinsam mit Anshu Jain den Vorsitz der Deutschen Bank von Josef Ackermann.

Wertewandel - dieses Thema als Banker aufzugreifen mag vermessen anmuten in Zeiten, in denen das Ansehen der Banken auf einem Tiefpunkt angelangt ist. Die Kritik, die uns seit der Finanzkrise 2008 beschäftigt, zwingt die Finanzbranche aber, sich der Frage nach ihrer Wertorientierung zu stellen.

Man kann die Rolle der Banken in unserem marktwirtschaftlichen System als die eines Generators wirtschaftlicher Werte beschreiben. Dann wird deutlich, dass der Vorwurf, die Finanzindustrie sei nicht produktiv und wertschöpfend tätig, ins Leere geht. Banken arbeiten als Generatoren der industriellen Produktionsprozesse und der weltweiten Vermarktung und Distribution von deren Erzeugnissen. Der weltweiten Wirtschaftskreisläufe also, die in ihrer modernen Gestalt für viele Menschen immense Wohlstandsgewinne gebracht haben.

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Banken arbeiten unsichtbar und lautlos - wie die Generatoren, die den für die Industrieproduktion erforderlichen Strom bereitstellen. Eine funktionierende Finanzindustrie ist Voraussetzung für industrielle Wertschöpfung - ihr vorzuwerfen, sie sei an diesen Prozessen nicht konstruktiv beteiligt, wäre ebenso wenig zutreffend, wie dies von den Energieversorgern zu behaupten. Und dass solche Dienstleister auch Geld verdienen wollen, ist nicht nur legitim, sondern für das Funktionieren des marktwirtschaftlichen Systems unverzichtbar.

Grundsätzlich gilt: Zielgerichtetes unternehmerisches Handeln ist per se ethisch relevant. Gewinnorientierung - auch bei Banken - steht nicht im Widerspruch zu dem, was wir gemeinhin als moralischen Wert fassen. Denn dauerhafter Erfolg ist für ein Unternehmen nur möglich, wenn eigener Vorteil, Kundennutzen und gesellschaftliche Akzeptanz Hand in Hand gehen. Ökonomische Werte zu schaffen ist wertvoll: Dem sollte jeder zustimmen, der sich nicht radikaler Kritik am Kapitalismus und unserem marktwirtschaftlichen System verschrieben hat.

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Für Banken heißt das: Einen grundlegenden Wandel hin zu anderen, neuen oder alten Werten müssen sie nicht vollziehen, sondern ihre Reflexions- und Kommunikationsaufgaben erledigen. Intern den Wertschöpfungsauftrag im oben skizzierten Sinne als Richtschnur verankern und zum Prüfstein für Prozesse und Instrumente machen. Und extern ihren Beitrag verdeutlichen gegenüber Kunden, der Politik und einer Gesellschaft, die die Banken und ihre Vertreter zunehmend als nur mit der eigenen Bereicherung befasstes System verstehen.

Hier hat die Branche möglicherweise am meisten gesündigt. Wer nur über eigene Profite und Renditen spricht, ohne den Wertschöpfungsbeitrag der Banken deutlich zu machen, kann nicht erwarten, dass die wirtschaftliche und gesellschaftliche Rolle der Banken verstanden wird.

Kommentare (43)

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Globale_Zinsknechte

26.05.2012, 09:44 Uhr

Lieber Herr Fitschen,
eine Frage!
Warum nimmt ihre Bank dann für einen Dispokredit über 10% Zinsen, während die Deutsche Bank das Geld zu 1% Zins von der EZB bekommt?
Der Zins und Zinseszins ist das Problem in unserem Wirtschaftssystem!
Sie wissen, was ich meine > Exponentialfunktion nach etwa 70-80 Jahren Zinslaufzeit.
Man muß immer wieder Schuldner finden, welche sich für den Zins Geld leihen, ansonsten ist das System am Ende.
Ebenso am Ende wäre dieses Finanzssystem, wenn alle ihre Spareinlagen bei den Banken auflösen würden, die von Ihrem Klientel so gefürchteten „bankruns“.
Erst als Christen Katholiken wurden, nahmen Sie von ihrem Mitmenschen wieder Zinsen, die Juden verlangten schon immer den Zins.


Bundesbuerge

26.05.2012, 09:45 Uhr

"Die Finanzbranche hat massiv an Ansehen verloren. Ohne sie würde unser Wirtschaftssystem aber zusammenbrechen, sagt Jürgen Fitschen."

Mit der derzeitigen Finanzbranche bricht unser Wirtschaftssystem auch gerade zusammen. Wo ist der Unterschied?

Account gelöscht!

26.05.2012, 10:19 Uhr

Weil die "Kunden" ihre Konten überziehen, ganz einfach. Und dann noch über den Dispo hinaus, damit es noch teurer wird. Das ist die Vorstufe zum langfristigen Kredit, so hat man schon mal die Bonität getestet.
Wird der Kunde dann arbeitslos, hat er den Salat, es wird noch viel teurer. Genau das ist mit den jetzigen Schuldenstaaten passiert. Nur das Deutschland gerade so gut wie keine Zinsen mehr für die Staatsschulden zahlen muß, Spanien aber zur Zeit mehr als 6%.
Die Banken haben sich gegenseitig die Dispos zugeschustert, nun sollen sie auch sehen wie sie die Verluste verkraften. Diesen Willen sehe ich zur Zeit überhaupt nicht auf dem Finanzmarkt, das beste Beispiel ist Facebook. Sie rennen Profileuren hinterher wie die Schafe ihrem Leithengst, und machen das der Politik selbst zum Vorwurf. Die Politik, die jetzt nicht nur die Zinsen per Steuern zahlen soll, sondern auch noch die Kredite selbst. Der Steuerzahler kann nur arbeiten, wenn man ihn läßt, auch für weniger Lohn. Die Finanzwelt hat aber die Möglichkeiten der Geldsteuerung, und in dieser Verantwortung sollten sie sich langsam mal bewegen. Aber plötzlich ziehen sie die Karte Arbeitsplätze wenn es um eine Transaktionssteuer geht. Von sozialer Intelligenz keine Spur, nur von Gier und guten Boni.

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