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09.09.2014

15:48 Uhr

Frauen und Berufsleben

In Frankreich ist die Glucke die Rabenmutter

VonAndrea Gutmann

Karriere-Beraterin Andrea Gutmann hat mit einer Kollegin erforscht, warum Teilzeitfrauen eher in der Sackgasse landen und die Emanzipation der Frau oft leider dann endet, wenn sie Mutter wird. Ein Gastbeitrag.

Die HR-Expertin Andrea Gutmann beschäftigt sich unter anderem mit ihrer Kollegin Petra Seisl mit der Frage, warum es hierzulande so wenige Frauen und Karriereförderung.

Die HR-Expertin Andrea Gutmann beschäftigt sich unter anderem mit ihrer Kollegin Petra Seisl mit der Frage, warum es hierzulande so wenige Frauen und Karriereförderung.

MünchenDer Gesetzesentwurf zur Frauenquote als Ergebnis des Koalitionsvertrages liegt vor. Die Debatte um die Quote gibt es allerdings schon sehr viel länger und kaum ein Thema wurde in den vergangenen Jahren so kontrovers diskutiert. Es wurden zig Artikel darüber publiziert, noch mehr Reden gehalten und noch viel mehr Pro- und Contra-Listen erstellt. Die Diskussionen sind oft sehr einseitig, beschränken sich nur auf Top-Positionen und sind dem Thema nicht immer dienlich.

Viele Unternehmen haben sich in den letzten Jahren das Thema Förderung von Frauen an ihre Fahnen geheftet, eigene Diversity-Abteilungen oder Genderbeauftragte wurden installiert und eine Vielzahl an Maßnahmen entwickelt und implementiert. Der Erfolg blieb trotzdem oft aus. Aktuelle Zahlen zeigen sogar, dass der Frauenanteil in Führungspositionen teilweise rückläufig ist.

Unter dem Namen ‚womenizing’, der mit einem Augenzwinkern zu sehen ist, starteten wir (Petra Seisl und Andrea Gutmann) eine selbstfinanzierte und somit neutrale Forschungsinitiative, um genau diesem Phänomen auf den Grund zu gehen: Warum gibt es hierzulande so wenige Frauen im Management?

Zehn Dinge, mit denen Frauen ihre Karriere riskieren

Lieber Spaß als Macht

Fragt man eine Frau: Was ist Ihnen an ihrem Job wichtig? Lautet die Antwort nicht, mein Firmenwagen, das üppige Gehalt oder der leistungsabhängige Bonus. Nein! Frauen wollen hauptsächlich Spaß an der Arbeit. Während 49 Prozent der Frauen sich ein freundliches Arbeitsumfeld wünschen und 44 Prozent Wert auf vielfältige Arbeitsaufgaben legen, sind nur 16 Prozent auf Prestige und 9 Prozent auf eine rasche Beförderung aus.

Keine Ellenbogenmentalität

Gerade in größeren Abteilungen müssen sich Mitarbeiter häufig gegen ihre Kollegen durchsetzen, um sich Gehör und Respekt beim Chef zu verschaffen. Doch gerade dieser interne Konkurrenzkampf gefällt vor allem Frauen nicht. Eine Umfrage von TNS Emnid und der Axa-Versicherung zeigt, dass über ein Drittel aller Frauen Angst vor dem Konkurrenzkampf mit Kollegen haben. Nur 15 Prozent ihrer männlichen Mitstreiter sorgen sich darum.

Übersteigerter Teamgeist

Teamfähigkeit gilt als einer der wichtigsten Soft-Skills und gerade Frauen bevorzugen diese Form des Arbeitens. Ein Experiment an der Universität Lyon hat gezeigt, dass Männer vor allem dann Teamarbeit nutzen, wenn sie in dem geprüften Bereich nicht so leistungsfähig sind. Frauen arbeiten generell lieber im Team, unabhängig davon wie stark sie selbst auf dem jeweiligen Gebiet sind. Eine durchaus positive Fähigkeit, solange die eigene Leistung nicht vom Können des Teams überschattet wird.

Falsche Studienwahl

Die karriererelevanten Studienfächer sind nach wie vor Wirtschaftswissenschaften, Jura und Ingenieurswissenschaften. Während bei den Wirtschaftswissenschaften im Wintersemester 2010 immerhin 45 Prozent der deutschen Studierenden weiblich waren und bei Jura sogar über die Hälfte, sieht es im Bereich der Ingenieurswissenschaften weiterhin düster aus. Die Maschinenbaustudiengänge verzeichneten gerade einmal einen Frauenanteil von neun Prozent. Bei Elektrotechnik waren es sogar nur sechs Prozent.

Zu wenig Selbstbewusstsein

Frauen verkaufen sich häufig unter Wert und trauen sich selbst viel zu wenig zu. Eine Studie des Beratungsunternehmens Accenture zeigt, dass Frauen sich selbst beschuldigen, wenn es um die Gründe für ihre schlechten Aufstiegschancen geht. 28 Prozent der befragten Damen sagen, ihnen fehlten die nötigen Fertigkeiten für den nächsten Schritt auf der Karriereleiter.  

Chefinnen unerwünscht

Nicht nur Männer wollen keine Frauen als Chef, sogar die weiblichen Arbeitnehmer sind von Frauen in Führungspositionen wenig überzeugt. Nur drei Prozent wollen eine Chefin. Neunmal so viele finden es besser einen Mann als Chef zu haben. Das ergab eine repräsentative Umfrage der Meinungsforscher von Forsa.    

Rivalität unter Frauen

Damit in Zusammenhang könnte das Phänomen der Stutenbissigkeit stehen. Eine Studie der Universität Amsterdam belegt, dass Frauen zwar gut kooperieren können, aber nur so lange sie mit männlichen Kollegen zu tun haben. Sobald sie mit Frauen zusammenarbeiten sollen, ist es um den Teamgeist schlechter bestellt. Ein internationales Forscher Team setzte kürzlich sogar noch einen obendrauf. Sie fanden heraus, dass die Damen besonders schlecht miteinander können, wenn die jeweils andere bei den männlichen Kollegen gut ankommt. 

Über Geld spricht man nicht

Selbst Frauen in Führungspositionen verdienen immer noch deutlich weniger als ihre männlichen Kollegen. Eine Umfrage der Hans-Böckler-Stiftung unter 12.000 Akademikern zeigt die Unterschiede. Ein männlicher Abteilungsleiter verdient etwa 5000 Euro monatlich, sein weibliches Pendant gerademal 3800 Euro. Das hat unter anderem damit zu tun, dass Frauen bei Gehaltsverhandlungen mit weniger zufrieden sind und andere Faktoren wichtiger finden.

Familie oder Beruf? Familie!

Zugegeben, es ist nicht einfach Familie und Karriere miteinander in Einklang zu bringen. 72 Prozent der Mütter von minderjährigen Kindern halten dieses Unterfangen für schwierig. Und die Mütter sind es letztendlich auch, die in Sachen Karriere den Kürzeren ziehen. Dafür verantwortlich sind die traditionellen Vorstellungen von Familie, die sowohl Männer als auch Frauen immer noch mit sich herumtragen. Während 2010 nur etwa 5 Prozent der Väter mit minderjährigen Kindern in Teilzeit arbeiteten, waren es über 68 Prozent der Mütter.  

Der fehlende Wille

Zu all diesen Karrierehemmnissen kommt ein zentraler Punkt hinzu. Viele Frauen wollen überhaupt nicht aufsteigen. Das Beratungsunternehmen Accenture fand heraus, dass nur jede fünfte Frau ihre Karriere überhaupt vorantreiben will. Ganze 70 Prozent sind mit ihrer aktuellen Position im Unternehmen zufrieden.

Innerhalb eines Jahres führten wir rund 60 Experteninterviews mit Personalvorständen, Personalleitern, Gender- und Diversitybeauftragten und Führungskräften aus Unternehmen unterschiedlicher Größe und unterschiedlicher Branchen durch. Das Ergebnis sind 16 Thesen, sprich Antworten auf unsere Ausgangsfrage, und daraus abgeleitete Handlungsempfehlungen für Unternehmen und für Frauen.

Vermeintlich frauenfreundliche Maßnahmen wie zum Beispiel Teilzeit für Mütter haben wir unter die Lupe genommen und sind zu dem Ergebnis gekommen, dass diese häufig kontraproduktiv sind und sich allzu oft als Karrierekiller erweisen. Denn Angebot schafft Nachfrage. Trotzdem gilt Teilzeit hierzulande immer noch als der Königsweg für den Wiedereinstieg von Müttern.

Teilzeitfrauen in Deutschland bilden mit einer Arbeitszeit von durchschnittlich 18,5 Stunden das Schlusslicht in Europa. Mangelnde Sichtbarkeit und nicht zu erfüllende Anforderungen an Managementpositionen führen dazu, dass Teilzeitfrauen in einer Sackgasse landen. Laut unseren Studienteilnehmern ist Teilzeit neben fehlendem Nachwuchs das Haupthemmnis bei der Förderung und Frauen.

Unterstützt wird dies auch durch ein antiquiertes Verständnis der Rolle der Frau und Mutter. Die Rolle der Frau ist in unserer Gesellschaft stärker an der Mutterschaft ausgerichtet als anderswo. Diese Mutterschaft wiederum unterliegt höheren Anforderungen als anderswo.

Die Emanzipation der Frau findet oft ihre Grenzen sobald sie Mutter wird. Auch der Druck vom Umfeld ist enorm. Arbeitende Frauen werden hierzulande oft als Rabenmütter abgestempelt. Hier kann ein interessanter Vergleich mit Frankreich gezogen werden. Die ‚mère poule’, gleichzusetzen mit der ‚Glucke’, ist dort ähnlich negativ behaftet wie bei uns die Rabenmutter.

Ein Umdenken ist also notwendig. Vielleicht ist es sinnvoller, einen Gedanken mehr an die Flexibilisierung der Anforderungen an Managementpositionen zu verschwenden, jenseits eines ’anytime-anywhere-Performance Modells’ als an eine weitere Flexibilisierung der Teilzeitangebote. Es sollten Arbeitsmodelle zusammen mit den Mitarbeiterinnen entwickelt werden, die es ermöglichen, auch mit Familien quasi-Vollzeit zu arbeiten.

Und Unternehmen müssen verstehen lernen, was Frauen brauchen und vor allem müssen sie lernen, mit ihnen in einen Dialog zu treten. Frauen müssen lernen, Ihre Bedürfnisse klar zu artikulieren. Jetzt ist die Zeit dafür! Und Frauen – unterschiedlichsten Alters und in unterschiedlichen Lebensphasen – könnten viel stärker gegenseitig und voneinander profitieren, wenn Raum für einen Diskurs geschaffen wird beispielsweise zwischen älteren Frauen, die bereits Kinder haben und jenen, die in den Nachwuchsprogrammen sind und sich noch Gedanken über ihre eigene Zukunft machen.

Kommentare (7)

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Herr Theo Gantenbein

09.09.2014, 16:16 Uhr

So ist das halt im Sozialismus/Kommunismus/Faschismus:

Frauen haben Kinder zu gebären und sie möglichst früh dem Staat zur Indoktrination zu übergeben.

Herr Ralph Fischer

09.09.2014, 17:07 Uhr

Der Vergleich mit Frankreich zeigt schon das Dilemma.

Ich bin ziemlich sicher, das die Kindertagsstätten in Frankreich NICHT um 16 Uhr schliessen...

Herr Thomas Lischke

09.09.2014, 18:08 Uhr

Ich finde es ein schade, daß das Thema nur unter dem Gesichtspunkt der Erwerbsarbeit gesehen wird.

Angeblich beneiden die Französinnen Ihre deutschen Geschlechtsgenossinnen um deren Freiheit, arbeiten zu gehen oder nicht, bzw. Voll-oder Teilzeit zu arbeiten. Hierzulande wird mittlerweile jeder Frau eingeredet, es gäbe nichts Schöneres oder Erstrebenswerteres, als einer Erwerbsarbeit nachzugehen.

Angesichts der steuerlichen Ausbeutung scheint mir daran ein Fragezeichen angebracht. Was nutzt auch das zusätzliche Einkommen, wenn ein großer Teil davon wieder für die Kinderbetreuung ausgegeben werden muß ? Klar, es werden eigene Rentenansprüche erworben, aber wer bezahlt die später und in welcher Höhe ?

Gleichzeitig bleibt zwangsläufig zu hause eine Menge Arbeit liegen, die dann entweder in der knapperen Freizeit von einem/beiden erledigt werden muß - oder man bezahlt wieder für eine Dienstleistung.

Letztlich wurde also nur Zeit gegen Geld getauscht. Wer immer ein gutes Auskommen hat , wird es sich dann besonders gut verlegen, ob er/sie sich den Streß einer zusätzlichen Arbeit antun muß.

Also bleibt immer noch die Frage: Wem nützt es (..am meisten..) ? Meine Ansicht: Dem Finanzminister über die Steuern !

Wer immer Spaß an seiner/Ihrer Arbeit hat sollte diese Arbeit unbedingt tun und dabei so weit kommen wie möglich - aber ich finde es übertrieben allen anderen ein schlechtes Gewissen einzureden.

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