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12.08.2012

17:04 Uhr

Gastbeitrag

Amerika muss seine Interessen wahren

VonHenry Kissinger

Nach dem „arabischen Frühling“ muss die USA ihre Rolle in der Welt neu definieren. Dafür muss die Regierung einen Mittelweg zwischen ihren strategischen Interessen und ihren moralischen Zielen finden.

Henry Kissinger fordert von Amerika eine klare Vision für eigene und globale Interessen. ap

Henry Kissinger fordert von Amerika eine klare Vision für eigene und globale Interessen.

Der Arabische Frühling wird oft dafür gefeiert, dass er Autokraten aus dem Amt gejagt hat. Aber Revolutionen werden daran gemessen, was sie errichten, nicht daran, was sie niederreißen. In dieser Hinsicht ist das anfängliche Hochgefühl nach einem Jahr Revolution in sein Gegenteil gekippt.

Amerika hatte den Demonstranten auf dem Tahrir-Platz in Kairo Beifall gespendet. Es hatte eingesehen, dass es einen undemokratischen Führer allzu lang unterstützt hatte, und folgerichtig Hosni Mubarak zum Amtsverzicht aufgefordert. Aber die frohlockenden Demonstranten von damals haben sich nicht als die Erben Mubaraks erwiesen.

Stattdessen wurden Islamisten in das Präsidentenamt gewählt, die keine demokratische Bilanz vorweisen können und dem Westen eher feindlich gesinnt sind. Das Militär, das das frühere Regime gestützt hatte, steht ihnen feindlich gegenüber. Ägyptens säkulare Ordnung ist marginalisiert worden. Was folgt daraus?

Im Gegensatz zur landläufigen Meinung war es nie in Amerikas Interesse, über die internen Strukturen Ägyptens zu entscheiden. Seit Jahrtausenden haben sich Monarchen und Militärautokraten dort abgewechselt. 1970 beendete Anwar el Sadat die Allianz mit der Sowjetunion, die 20 Jahre zuvor vom Militärregime Abdel Gamal Nassers geschmiedet worden war. Sadat schloss Frieden mit Israel, Amerika wirkte als Mediator. Diese Ereignisse trugen dazu bei, den Kalten Krieg zu beenden. Sie spiegelten eine nüchterne Analyse der Machtverhältnisse nach dem arabisch-israelischen Krieg von 1973 wider. Sadat wurde 1981 von islamischen Extremisten ermordet. Ihren fortgesetzten Terrorismus nutzte sein Nachfolger, Hosni Mubarak, als Rechtfertigung für Machtbefugnisse im Ausnahmezustand.

Ägypten war ein Faktum der internationalen Politik. US-Regierungen, die sich mit drohenden Konflikten in der Region konfrontiert sahen, erachteten es als entscheidend, mit einem großen arabischen Staat zu kooperieren, der bereit war, Risiken für den regionalen Frieden auf sich zu nehmen. Wie US-Außenministerin Hillary Clinton unlängst in Kairo sagte: „Wir arbeiten mit den Regierungen zusammen, die an der Macht sind.“

Zu welchem Zeitpunkt hatte Amerika, das sich zunächst mit der sowjetischen Abenteuerlust und dann mit dem Zerfall der Sowjetunion beschäftigen musste, tatsächlich eine Chance, in die Innenpolitik der Region einzugreifen? Von Nixon bis Clinton betrachteten die amerikanischen Präsidenten damit einhergehende Risiken als schwerwiegender als die Vorteile. Die Regierung von George W. Bush drängte Mubarak zu Wahlen und kritisierte Mubaraks Unterdrückung Andersdenkender. Präsident Clinton schlug einen ähnlichen Kurs ein. Die US-Außenpolitik ist weder die Ursache, noch bietet sie eine Lösung für die Unzulänglichkeiten in der Regierungsführung anderer Staaten, vor allem im Mittleren Osten.

In Ägypten ist die Revolution längst nicht zu Ende. Eine Verfassung muss noch geschrieben werden, die Moslembrüder und das Militär streiten sich um die Schlüsselämter. Die Wähler sind tief gespalten. Die US-Politik ist zwischen widerstreitenden Normen hin- und hergerissen.

Die Moslembrüder sind aus einem Wahlprozess siegreich hervorgegangen, den Demokraten gefordert hatten, das Militär stimmte indes eher mit Amerikas Vorstellungen von internationaler Sicherheit überein. Wenn Amerika im kalten Krieg falsch gelegen hat, weil es die Sicherheit zu stark betonte, so läuft es nun Gefahr, konfessionellen Populismus mit Demokratie zu verwechseln.

Inmitten dieser Erschütterungen entzündet sich eine Debatte über die Eckpfeiler der US-Außenpolitik. Realisten beurteilen die Ereignisse aus dem Blickwinkel der Sicherheitsstrategie; Idealisten betrachten sie als Gelegenheit für mehr Demokratie.

Kommentare (17)

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Account gelöscht!

12.08.2012, 17:34 Uhr

Ach, was soll das Gemauschel - zettelt doch schon den Dritten Weltkrieg an, dann ist die Frage der globalen Dominanz wenigstens geklärt und die paar, die vielleicht übrig bleiben, haben was zum Aufbauen.

btw

12.08.2012, 17:39 Uhr

bei allem Respekt Mr Kissinger:

"...Syrien könnte sehr wohl in ethnische und sektiererische Minderheiten zerfallen und dadurch das Risiko erhöhen, dass sich der Kampf auf verbündete Gruppen in den Nachbarstaaten ausweitet..."
_____________________________________________________

Könnte?

Und was geschieht gerade in der Region?
Etwa Kämpfe um Wasser um türkische Staudämme, die von der EU finanziert wurden?

Das ist so einfach, den elder statesman abgeben zu wollen.

Und: natürlich geht es nicht um Wasser.

Wir lernen: es geht ja um ÖL.

Erinnern wir uns eines denkwürdigen Ausspruchs eines Vorstandsmitliedes der Nestlè AG:
Die Menschen müssen sich daran gewöhnen, dass Wasser kein allgemein verfügbares Gut ist.

Erste Konsequenzen: just (k)now.

easyway

12.08.2012, 17:44 Uhr

Kaum möglich, darin einen Sinn zu erkennen. Kissinger deliriert. Ich würde ihn einweisen.



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