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12.05.2014

14:51 Uhr

Gastbeitrag

Arktis ist umkämpft – und kann doch befrieden

VonVolker Perthes

Der Hohe Norden eignet sich zur partiellen Zusammenarbeit zwischen Russland und den Westmächten, meint Volker Perthes. Diese würde helfen, ein Mindestmaß an sicherheitspolitischer Verbundenheit zu erhalten.

Der Klimawandel verändert die Geographie der Arktis und macht die bislang weitgehend unüberwindbare Nähe allmählich greifbarer. ap

Der Klimawandel verändert die Geographie der Arktis und macht die bislang weitgehend unüberwindbare Nähe allmählich greifbarer.

Die Krise um die Ukraine wird, wie immer sie ausgeht, grundlegende und auch sehr praktische Fragen zu den Beziehungen zwischen Russland und seinen westlichen Nachbarn aufwerfen. Wird das Verhältnis auf lange Sicht und in den unterschiedlichsten geographischen Räumen und Politikfeldern von einer Nullsummenlogik geprägt sein? Oder gelingt Moskau und westlichen Hauptstädten ein Delinkage, eine themenspezifische Entkoppelung, die weiterhin partielle Kooperation ermöglicht, wo diese gemeinsamen und möglicherweise globalen Interessen entspricht? Und lässt sich trotz oder gerade wegen des gestiegenen Misstrauens dort „Vertrauensbildung“ neu einüben? Die Fragen werden sich nicht nur mit Blick auf Iran, den Nahen Osten oder mögliche Krisen um Nordkorea stellen, sondern auch im gemeinsamen Hohen Norden, der Arktis.

Nichts zeigt uns die Nähe zwischen Nord- und Westeuropa, Russland, Nordamerika und Ostasien so deutlich wie eine auf den Nordpol zentrierte Landkarte. Der Klimawandel und der damit zusammenhängende Rückgang des Meereises verändert mittlerweile die Geographie der Arktis selbst und macht die bislang weitgehend unüberwindbare Nähe allmählich greifbarer. Er öffnet den Hohen Norden im Wortsinn für eine verstärkte wirtschaftliche Nutzung. Dazu gehören die Förderung von Öl, Gas und mineralischen Rohstoffen, die Fischereiwirtschaft, der Tourismus und nicht zuletzt das maritime Transportwesen.

Unter Entscheidungsträgern und Kommentatoren in den interessierten Staaten entwickeln sich derzeit zwei unterschiedliche Narrative mit Blick auf die Zukunft der internationalen Beziehungen in der Arktis. Die einen sehen den Hohen Norden als ein Gebiet zwischenstaatlicher Konkurrenz und zunehmender Konflikte; andere betrachten die Arktis als Zone der Zusammenarbeit staatlicher wie nichtstaatlicher Akteure.

Dem ersten Narrativ zufolge wird der Rückgang des Meereises eher früher als später einen Wettlauf um die energetischen und mineralischen Ressourcen der Arktis und damit auch Streitigkeiten um Gebiete befördern. Die geostrategische Bedeutung der Region wird zunehmen, ebenso die militärischen Aktivitäten verschiedener Akteure. Konflikte zwischen Russland und Nato-Staaten, aber auch zwischen Russland und China, vielleicht sogar zwischen China und Nato- oder EU-Staaten könnten im arktischen Raum ausgetragen werden.

Volker Perthes ist Direktor der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP). PR

Volker Perthes ist Direktor der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP).

Dies lässt sich nicht grundsätzlich ausschließen. Allerdings dürfte das Risiko von Ressourcenkonflikten geringer sein als gemeinhin gemutmaßt wird. Tatsächlich befinden sich, wie Christian Le Miére und Jeffrey Mazo, zwei Forscher des Internationalen Instituts für Strategische Studien, in einem Bericht festgestellt haben, 95 Prozent der bekannten Öl- und Gasvorkommen im Arktischen Ozean in bereits delimitierten Exklusiven Wirtschaftszonen (EEZs) der Anrainerstaaten.

Für einen Wettlauf gibt es also keinen Grund. Es trifft zu, dass die militärische Präsenz in der Arktis zunimmt. Allerdings liegt sie noch deutlich unter dem Niveau des Kalten Krieges. Und die Anrainerstaaten der Arktis haben sich darauf verständigt, konkurrierende Gebietsansprüche friedlich und auf der Grundlage der Internationalen Seerechtskonvention (UNCLOS) zu klären. Nicht nur aus diesen Gründen scheint vieles eher für das zweite Narrativ zu sprechen.

Diesem zufolge bildet die Arktis trotz teilweise umstrittener Gebietsansprüche einen weitgehend unregierten Raum. Die leichte Zugänglichkeit birgt Risiken wie Havarien auf hoher See, ökologische Schäden durch Ölverschmutzungen, aber auch sicherheitspolitische Risiken wie Schmuggel, illegaler Fischfang, Piraterie oder gar Terrorismus. Diese Risiken können von keinem Anrainerstaat allein bewältigt werden, sondern erfordern Kooperation.

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