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09.03.2012

07:09 Uhr

Gastbeitrag

Auf die Stromnetze kommt es an

VonUdo Paschedag

Das Nadelöhr der Energiewende ist der Transport erneuerbarer Energien vom Erzeugungsort zum Verbrauchsort. Die Technik dafür ist zwar vorhanden, doch den meisten Stromtrassen fehlt es schlicht an Akzeptanz.

Freileitungen verlaufen in der Nähe eines Umspannwerkes bei Schwerin. dpa

Freileitungen verlaufen in der Nähe eines Umspannwerkes bei Schwerin.

Nach der Entscheidung für den Atomausstieg geht es jetzt darum, den Umstieg auf erneuerbare Energien, die Steigerung der Energieeffizienz und der Energieeinsparung unter Wahrung der Versorgungssicherheit und Wettbewerbsfähigkeit zu schaffen. Allein das von der Bundesregierung beschlossene Energiepaket erweist sich bei näherer Prüfung diesen Herausforderungen nicht gewachsen. Denn es bedarf nicht nur einer Fortschreibung des bisherigen Ausbaus der erneuerbaren Energien.

Kraftwerkpark und Netzinfrastruktur müssen auf eine von erneuerbaren Energien dominierte Energieversorgung abgestimmt werden, damit das Gesamtsystem nicht kollabiert und die Versorgungssicherheit weiterhin gewährleistet ist. Die Stromnetze sind dabei die Achillesferse der Energiewende. Vergangenes Jahr schätzte die Deutsche Energieagentur (Dena) den zusätzlichen Bedarf allein im Höchstspannungsnetz auf 3 600 Kilometer zusätzlich bis 2020. Diese werden aber nach Einschätzung namhafter Wissenschaftler in Deutschland nicht als Freileitungen gebaut werden können.

Den meisten neuen Trassen fehlt es schlichtweg an Akzeptanz der Bevölkerung und Politik vor Ort, wie Tausende Einwendungen bei Raumordnungs- und Planfeststellungsverfahren zeigen. Für einen Netzausbau bedarf es deshalb innovativer neuer Wege zum Ausbau des Stromtransports. Zunächst gilt es, die vorhandenen Infrastrukturen zu nutzen. Dazu zählt auch, auf vorhandenen Freileitungstrassen neue technische Systeme zu installieren wie Hochtemperaturleiterseile. Mittlerweile gibt es moderne Stromseile, die mehr als dreimal so heiß werden dürfen und mehr als doppelt so viel Strom führen können wie die uralten Stahlseile.

Wenn ein heißes Seil im Volllastbetrieb kaum weiter durchhängt als ein kaltes Seil, dann benötigt man auch keine neuen Strommasten. Damit entfällt auch ein langwieriges Planfeststellungsverfahren. Die RWTH Aachen hat zudem für einige Szenarien Vollkostenvergleiche berechnet: Darin schneiden die teureren Hochtemperaturleiter oft günstiger ab als der Netzneubau mit herkömmlichen Stromseilen. Darüber hinaus stellen Erdkabel eine Alternative dar, die viel schneller zu realisieren ist als der Freileitungsbau, da sie eine größere Akzeptanz finden.

Nach einer vom Bundesumweltministerium in Auftrag gegebenen Studie können die zunächst höheren Kosten durch die schnellere Realisierung und Verfügbarkeit kompensiert werden. Neue Gleichstromleitungen und Strom-Autobahnen können weitere Entlastung bringen. Nicht zuletzt gehört zu einer neuen Energieinfrastruktur auch ein moderner Kraftwerkpark aus hochflexiblen Kraftwerken. Das sind insbesondere Gaskraftwerke, die mit Kraft-Wärme-Kopplung einen hohen Wirkungsgrad erreichen. Dazu zählen aber auch neue Pumpspeicherkraftwerke, auch auf alten Bergbauhalden und unterirdisch in alten Bergbauschächten, die Nutzung des Erdgasnetzes, in das in Wasserstoff umgewandelter Windstrom eingespeist werden kann, sowie neue Wärmespeicher.

Für eine moderne Energieinfrastruktur müsste die Bundesregierung ihre Steuerungsinstrumente zielgerichtet einsetzen. Von der Gesetzgebung im Planungs- und Energierecht, der Änderung des Regulierungsrahmens für die Bundesnetzagentur bis hin zur Auflage ausreichend dimensionierter Investitionsförderprogramme.

Der Autor ist Staatssekretär im Klimaschutzministerium Nordrhein-Westfalen.

Kommentare (15)

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vandale

09.03.2012, 08:15 Uhr

Die eher nüchterne Stromversorgung der Vergangenheit beruhte darauf, dass der Strom möglichst verbrauchernah bedarfsgerecht hergestellt wurde. Braunkohlekraftwerke nahe der Vorkommen westlich Köln, Steinkohle im Ruhrgebiet und umweltfreundliche Kernkraftwerke im Norden und im Süden. Das Netz selber ist als Ringnetz gebaut was zwar aufwändig ist, allerdings zur sehr hohen Zuverlässigkeit beigetragen hat.

Mit der jetzt geplanten Stromerzeugung nach religiösen Kriterien ändert sich dies gänzlich. Windmühlen speisen durchschnittlich 15% der Nennleistung mit Schwankungen zwischen 0 und 100% ein, Solarzellen 8%. Die Windmühlen stehen überwiegend im Norden, die Solarzellen in Süddeutschland. Dies erfordert für Windmühlen eine 6-fache Ueberdimensionierung. Es erfordert lange Transportleitungen.

Das dass Netz nicht regelmässig zusammengebrochen ist, zeigt die Leistungsfähigkeit und die Leistungsreserven dieses Systems.

Man kann hoffen, dass die immer näher kommende finanzielle Ueberforderung Deutschlands wie von den Politikern gedacht, Südeuropa zu alimentieren, dazu beiträgt, dass der Unsinn eine Energieversorgung nach ökoreligiösen Kriterien zu organisieren bald ein Ende findet.

Vandale

Account gelöscht!

09.03.2012, 09:00 Uhr

Ahhh die Vandalen sind wieder unterwegs :-)
Das ist ein sehr netter Post kurz vor dem Jahrestag von Fukushima - wir erinnern uns, was es bedeutet wenn die ein umweltfreundliches Atomkrafwerk, aus Gründen die wir nicht in der Hand haben, explodiert.
Nun musste unsere Bundeskanzlerin und auch ein Großteil der Energiewirtschaft umdenken. Das fällt umso schwerer, weil ja alles so schön lief - bei uns. Vor allem die Gewinne aus den Kernkraftwerken.
Die Welt hat sich geändert und wird sich weiter ändern und wir müssen die anstehenden Herausforderungen annehmen und die Zukunft gestalten.
Zum Thema Energienetze ist noch zu sagen, dass die Erzeugung dezentraler wird und die Schwankungen bei der Erzeugung von Energie aus Wind, Sonne und Biomasse nur mit ausreichend dimensionierten Speichersystemen ausgeglichen werden kann. Auf die Entwicklung dieser Speicher sollte mehr Energie und Geld verwendet werden. Je mehr Speicher es gibt umso weniger Leitungen müssen ausgebaut werden.
Ein paar gute Hintergrundinformationen gibt es hier:
http://energiespeicher.blogspot.com/2012/01/wann-kommt-der-speicherbedarf.html

Mehr Zukunft anstatt Vandalismus !

Account gelöscht!

09.03.2012, 09:07 Uhr

Noch'n - Link zum Thema Energiespeicher, als Beweis dass sich mit dem Thema keine Spinner sondern Wissenschaftler befassen, die erkannt haben wie wichtig das Thema wird (und schon ist).
http://www.dlr.de/dlr/desktopdefault.aspx/tabid-10176/372_read-2888/

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