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12.06.2013

15:45 Uhr

Gastbeitrag

„Blankoscheck für die EZB“

VonThorsten Polleit

Bei der Euro-Verhandlung in Karlsruhe dürfte die Entscheidung längst gefallen sein – zugunsten der EZB. Das ist fatal. Damit wird ihre zerstörerische Macht, den Euro entwerten zu können, höchstrichterlich zementiert.

Thorsten Polleit ist bei Degussa Goldhandel als Chefvolkswirt tätig. Er ist zudem Honorarprofessor an der Frankfurt School of Finance & Management. PR

Thorsten Polleit ist bei Degussa Goldhandel als Chefvolkswirt tätig. Er ist zudem Honorarprofessor an der Frankfurt School of Finance & Management.

Jahrzehntelang funktionierte sie geradezu problemlos: die Dauerschuldnerei. Dank der laxen Politik der Zentralbanken haben sich vor allem Staaten und Banken immer weiter verschuldet. Fällige Kredite wurden nicht zurückgezahlt, sondern durch immer neue Kredite zu immer tieferen Zinsen ersetzt. Der Ausbruch der Finanz- und Wirtschaftskrise hat dem jedoch jetzt ein Ende gesetzt. Viele Staaten und Banken im Euroraum sind mittlerweile so hoch verschuldet, dass Investoren an ihrer Rückzahlungsfähigkeit zweifeln und sich weigern, neue Kredite zu gewähren, oder wenn, dann nur zu deutlich höheren Zinsen. Die Schuldner sind weder in der Lage noch willens, ihre Verbindlichkeiten abzutragen und erhöhte Zinskosten zu tragen. Es wäre längst zu einem Schuldenkollaps gekommen, wenn die Zentralbanken nicht eingegriffen hätten.

Der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB) Mario Draghi verkündete Anfang September 2012, die EZB werde, wenn sie es für nötig halte, Anleihen strauchelnder Schuldner in unbegrenztem Umfang kaufen, um deren Zahlungsunfähigkeit abzuwenden. Der Euro solle mit allen Mitteln „verteidigt“ werden. Darüber wird heute auch beim Verfassungsgericht in verhandelt. Die Debatte darüber, ob das Vorgehen der Zentralbank gegen das deutsche Grundgesetz und den EU-Vertrag verstößt, hatte gestern begonnen.

2. Tag in Karlsruhe: Verfassungsgericht entlässt EZB in die Ungewissheit

2. Tag in Karlsruhe

Verfassungsgericht entlässt EZB in die Ungewissheit

Die Karlsruher Anhörung zum EZB-Krisenkurs bietet ein Schaulaufen der Extraklasse: Sinn warnt vor Billionen-Risiken, Asmussen kontert, Weidmann kritisiert. Nun ziehen sich die Richter zurück. Die Anhörung im Überblick.

Mögliche Anleihekäufe durch die EZB sind an Bedingungen geknüpft: Der Staat, dessen Anleihen gekauft werden sollen, muss sich auf Reformen verpflichtet haben, erst dann kauft die EZB die Anleihen. Eine ernst zu nehmende Disziplinierung des Schuldners ist das natürlich nicht: Hat die EZB erst einmal seine Anleihen gekauft, wird sie zum Gläubiger, sitzt quasi mit dem Schuldner im gleichen Boot und wird ihn flüssig halten müssen, um Verluste in der eigenen Bilanz abzuwenden.

Auf den Finanzmärkten ist die Botschaft der Zentralbank sehr wohl verstanden worden. Schon die Ankündigung, Anleihen aufzukaufen, hat ausgereicht, um die Kreditausfallsorgen der Investoren zu zerstreuen. Im Vertrauen darauf, dass die EZB keinen Staat zahlungsunfähig werden lässt, kaufen sie wieder beherzt die Anleihen der schlechten Schuldner. Die steigende Nachfrage nach den Anleihen lässt deren Kurse steigen und Renditen absinken. Die Schuldner haben wieder Zugang zu Kredit.

Mit Blick auf sinkende Renditen und Risikoaufschläge könnte man leicht den Eindruck gewinnen, die Krise sei entschärft, das Schlimmste überwunden. Doch das wäre sicher vorschnell geurteilt. Die sinkenden Renditen sind das Ergebnis eines manipulierten Zinsmarktes: In den Renditen kommen vor allem politische Willkür, weniger aber die wahre Kreditqualität des Schuldners zum Ausdruck.

Kommentare (26)

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Observer

12.06.2013, 15:59 Uhr

Mal sehen, ob das HB vom Pressebuero der DDR auch die Genehmigung bekommt, darueber zu berichten:

Mittwoch, 12. Juni 2013, 01:29 Uhr
Die Eurokrise erreicht Finnland

Deshalb hier schon mal ein paar Informationen:
http://www.wallstreetjournal.de/article/SB10001424127887324634304578539951304289858.html

Rechner

12.06.2013, 16:31 Uhr

Staatsanleihenbestand der EZB geht weiter zurück
=====================================

Wie die EZB mitteilt, ist letzte Woche aufgrund von Fälligkeiten ihr Bestand an Staatsanleihen die im Rahmen des SMP Programms erworben wurden von ursprünglich 219,5 Mrd € auf 195 Mrd € zurückgegangen.

----------------------
As no SMP transactions were settled last week and a volume of EUR 1,985 million matured, the rounded settled amount - and the intended amount for absorption accordingly - is at EUR 195 billion.
----------------------

http://www.ecb.int/mopo/implement/omo/html/index.en.html

...

Diese Papiere wurden alle unter pari erworben - aus den Zinsen und der Rückzahlung zu pari kann die EZB aus dem SMP Programm Gewinne verbuchen.

....

Per 7. Juni 2013 verfügte die EZB über Kapital und Rücklagen in Höhe von 90 Mrd € und Bewertungsgewinne in Höhe von 407 Mrd €.

OnkelKurt

12.06.2013, 16:39 Uhr

Herr Polleit benennt die Gefahren der derzeitigen Euro-"Rettungspolitik". Gestern wurde in irgendeiner Gazette gemeldet, dass Deutschland durch die niedrigen Zinsen über mehrere Jahre 100 Milliarden einsparen würde. Ich frage mich, ob die Helden, die solche Berechnungen veröffentlichen, auch ausrechnen, welche Mehrkosten auf Deutschland zukommen, wenn die Zinsen wieder steigen und für eine deutlich erhöhte Schuldenlast gezahlt werden müssen. Ist es eigentlich Gott gegeben, dass "die Märkte" gegen Staaten oder Währungen Wetten abschließen können. Die EU hat jeden Mist geregelt einschließlich der Krümmung von Gurken und Bananen. Vielleicht sollte sich sich mal einer ernsthaften Regulierung der Finanzmärkte zuwenden, um zu verhindern, dass die Politik von "den Märkten" weiter wie ein Pfingstochse am Nasenring durch die Manege geführt wird. Fakten und Infos zur Finanzkrise: http://www.visionfuer.de

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