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24.09.2014

16:15 Uhr

Gastbeitrag

Brauchen wir auch Bodentruppen im Irak?

VonMarkus Kaim

Luftschläge dürften kaum ausreichen, den Vormarsch des „Islamischen Staates“ im Irak einzudämmen und die humanitären Folgen abzufedern. Drei Probleme, die Zweifel an der Strategie der USA aufkommen lassen.

Markus Kaim forscht an der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) u.a. zu deutscher und internationaler Sicherheitspolitik. Er leitet die Forschungsgruppe Sicherheitspolitik.

Markus Kaim forscht an der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) u.a. zu deutscher und internationaler Sicherheitspolitik. Er leitet die Forschungsgruppe Sicherheitspolitik.

BerlinIn den vergangenen zwei Wochen hat die US-Regierung erhebliche Bemühungen unternommen, um eine internationale Koalition gegen den Islamischen Staat (IS) zusammenzustellen. Sie soll gemeinsame Anstrengungen unternehmen, um den IS-Vormarsch im Irak einzudämmen bzw. zurückzudrängen und die humanitären Folgen abzufedern.

Mittelfristig geht es darum, politische Rahmenbedingungen im Irak herzustellen, die dem IS die Grundlage für seine Operationen entziehen. Diesem Ziel diente im regionalen Kontext die Reise von Außenminister Kerry durch die Region sowie in internationaler Perspektive die »Internationale Konferenz für Frieden und Sicherheit im Irak«, die am 16. September in Paris stattfand. Drei Probleme lassen jedoch Zweifel an der Wirksamkeit dieses Ansatzes aufkommen.

Erstens: Bodentruppen werden ausgeschlossen
Auf nicht absehbare Zeit werden die USA, möglicherweise mit Unterstützung einiger anderer Staaten, mit Luftschlägen auf die Stellungen des IS dessen Vormarsch im Irak einzuhegen suchen. Nach Einschätzungen westlicher Geheimdienste verfügt der IS über ca. 32.000 Kämpfer, die sich zum Teil in dicht besiedelten Ballungszentren wie Mossul befinden. Die Strategie, den IS nur mit Angriffen aus der Luft zu bekämpfen, wird daher mit Blick auf mögliche Opfer unter der irakischen Zivilbevölkerung an Grenzen stoßen und in seiner Wirksamkeit begrenzt bleiben.

Daher ist in Washington und anderenorts bereits die begründete Sorge erkennbar, dass Luftschläge alleine nicht ausreichen könnten. Die jüngsten Äußerungen von Generalstabschef Dempsey im Kongress deuten in diese Richtung. Dempsey zufolge sollen amerikanische Berater die irakischen Soldaten bei Angriffen auf bestimmte IS-Ziele begleiten, sofern dies notwendig erscheine.

Pentagon: USA starten Luftangriffe in Syrien

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Die US-Streitkräfte haben mit der Bombardierung von Stellungen der IS in Syrien begonnen. An der Militäroffensive mit Kampfjets, Bombern und Raketen seien auch „Streitkräfte verbündeter Nationen“ beteiligt.

Dieser Notwendigkeit trägt auch die Tatsache Rechnung, dass die USA und ihre Verbündeten mit einer „Ertüchtigungs“-Strategie drei Akteure als Bodentruppen nutzbar zu machen suchen: Erstens die irakische Armee, zweitens die kurdischen Milizen im Norden des Landes und drittens die Freie Syrische Armee. Diese erhält nunmehr mit US-Unterstützung in Saudi-Arabien Ausbildung und Ausrüstung.

Bei mindestens zwei dieser Gruppen ist die Schlagkraft jedoch weitgehend unklar. Bekanntlich sind große Teile der irakischen Armee während des Vormarsches des IS desertiert bzw. haben ihre Waffen niedergelegt, und auch die Freie Syrische Armee hat erhebliche militärische Rückschläge erlitten. Bei den kurdischen Milizen ist ihre Verpflichtung gegenüber der irakischen Zentralregierung zumindest fraglich.

Zweitens: Die Fokussierung auf den Irak
Westliche Regierungen tun sich nach wie vor schwer damit, den IS als transnationales Phänomen zu begreifen, das (noch) zwei Länder im engsten betrifft, nämlich Syrien und Irak. Seit seinem militärischen Vormarsch im Verlauf dieses Jahres handelt es sich nicht länger um eine terroristische Gruppierung. Mittlerweile hat sich der IS zu einem Quasi-Staat entwickelt, der etwas weniger als ein Drittel des Staatsgebietes des Irak und Syriens kontrolliert. Er hat eine Form der permanenten Regierungsgewalt und Gerichtsbarkeit eingeführt und wird durch eigene Finanzquellen immer unabhängiger von externer Finanzierung.

Kommentare (3)

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Herr C. Falk

24.09.2014, 16:32 Uhr

Weder die Kurden noch die "Freie syrische Armee" noch die Restbestände der irakischen Armee werden in einem Bodenkampf so offensiv sein können, um den IS tatsächlich ensthaft entgegen treten zu können.

Bleiben die Türken. Ob Erdogan sich entschließen sollte ist zweifelhaft aber keineswegs vollständig auszuschließen.
Die Türkei will in der Region zu einer dominierenden Macht aufsteigen.
Als "Ordnungsmacht" hat sie nun die Chance durch einen militärischen Zugriff auf dem Boden an Autorität und Glaubwürdigkeit zu gewinnen.

Herr Manfred Weber

26.09.2014, 18:43 Uhr

Der sogenannte Islamische Staat erhält unterstützende Geldmittel, ihm werden, so kann man annehmen, modernsten Waffen und die entsprechende Munition geliefert. Durch eine koordinierte Überwachung und Blockade solcher Bewegungsvorgänge durch die USA, Nato, Israel und auch Rußland ließe sich ein Austrocknen bewirken. Wer nicht mehr schießen kann, muß aufgeben. Die bisher geplanten militärischen Maßnahmen wirken nur begrenzt und führen voraussichtlich in eine langjährige kriegerische Auseinandersetzung mit vielen menschlichen Opfern.

Herr Axel Puhl

26.09.2014, 19:49 Uhr

Welche Fakten bestätigen dass der IS eine Gefahr darstellt für den "Westen" ? Der Westen, unter der Führung der USA, hat versagt in Afghanistan, im Irak, in Libyen und in Syrien. Diese Versagen hat direkt zur Entstehung der jetzigen Situation geführt.
Welche besondere Strategie soll nun zum Erfolg führen ?
Es wird keine Diplomatie oder Politik betrieben die auch nur den Anschein einer zivilisierten Lösung hat.
Die heutige Hysterie vieler Medien ist, nicht ohne Grund, vergleichbar der Hysterie über die Massenvernichtungswaffen Saddams.
Es sei denn es geht nicht wirklich um den IS sondern um's Öl.

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