Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

18.09.2012

10:51 Uhr

Gastbeitrag Brüderle

„Der heimliche Liberale in der CDU“

VonRainer Brüderle

In einem Gastbeitrag gratuliert Rainer Brüderle Wolfgang Schäuble zum 70. Geburtstag. Neben einem Kontrahenten sieht der FDP-Mann nicht nur einen verlässlichen Partner, sondern auch einen Liberalen im Finanzminister.

Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU, l) und Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP). dpa

Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU, l) und Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP).

Wolfgang Schäuble hat es uns Liberalen nie leicht gemacht. Für die FDP war er immer Reizfigur und verlässlicher Partner zugleich, ein im besten Sinne des Wortes Wertkonservativer. Ein harter, aber fairer Verhandlungspartner, der konservative Prinzipientreue mit politischem Pragmatismus aufs Vortrefflichste verbindet. Auf manchen Feldern scheint er weit entfernt von Vorstellungen der FDP, etwa bei der inneren Sicherheit oder Steuern.

Ist Wolfgang Schäuble deshalb aber ein Anti-Liberaler? Nein, ganz und gar nicht, ich sehe ihn sogar als heimlichen Liberalen. Und zwar nicht nur, weil er bei anderen Sachthemen wie Haushaltskonsolidierung oder der europäischen Frage uns Liberalen sehr nahesteht. Er hat einen urliberalen Geist, der vielen Politikern aus dem Südwesten eigen ist. Der deutsche Südwesten war und ist mittelständisch geprägt. Das Sein wird höher geschätzt als der Schein, und die Einsicht ist weit verbreitet, dass vor dem Verteilen das Erwirtschaften kommt.

Wohlstand und Aufstieg sind das Ergebnis harter Arbeit und eigener Leistung. Wer das verinnerlicht hat, der lässt sich nicht gern bevormunden, der setzt auf Eigenverantwortung. Wer aus der Provinz kommt, gilt in Berlin schnell als provinziell. Niemand würde Wolfgang Schäuble so etikettieren, auch wenn man ihm seine badische Herkunft auf so angenehme Weise anhört.

Vielleicht wissen die Berliner auch, was sie ihm zu verdanken haben. Die Bundestagsdebatte 1991 über den Regierungsumzug nach Berlin gehört zu den Sternstunden der bundesdeutschen Parlamentsgeschichte. Als rheinland-pfälzischer Landesminister war ich damals für den Verbleib im nahen Bonn. Mit seiner nachdenklichen, historisch fundierten und zugleich zukunftsausgerichteten und packenden Rede gab Wolfgang Schäuble als Innenminister der Debatte die entscheidende Wende.

Heute wissen wir alle, dass er richtig lag. Die Bonner Republik war zu Ende. Das geeinte Deutschland mit mehr Verantwortung mitten in einem freien Europa kann nur von Berlin aus regiert werden. Wolfgang Schäuble zeichnet eine Haltung aus, wie sie beispiellos ist in der aktuellen deutschen Politik. Wie er sein persönliches Schicksal meistert und damit anderen Mut macht, bewundere ich. Wie er immer wieder Loyalität über persönliches Interesse stellt, imponiert mir. Wie er in unruhiger Zeit gefestigt seinem Kompass folgt, schätze ich sehr.

Was Sie noch nicht über Wolfgang Schäuble wussten

Rolle des Vaters

Thomas Schäuble beschreibt den Vater als gütigen, weichen Menschen. Nicht mit Druck, sondern mit Argumenten hat der Vater den Söhnen die CDU nahe gebracht. Besonders Sohn Wolfgang sprang darauf an: Schon mit zehn, zwölf Jahren begleitete er den Vater auf seine Veranstaltungen als Landtagsabgeordneter.

Rolle der Mutter

Seine Mutter war stets eine sehr gewissenhafte Frau. So soll sie einmal keine 20 Pfennig für eine Parkuhr gehabt haben und deshalb am nächsten Tag hingefahren sein, um nachzuzahlen.

Kriegstage

Für Wolfgang Schäuble wäre der Krieg fast tödlich ausgegangen. Die alliierten Flieger warfen Brandbomben ab und trafen durch Zufall das Haus, in dem sich die Familie Schäuble versteckte. Das Haus ging in Flammen auf, die Familie flüchtete – alle, bis auf Wolfgang Schäuble. Gerettet wurde der damals Zweieinhalbjährige von seinem Bruder Frieder, der ihn unter brennenden Decken fand – grün und blau angelaufen wegen Atemnot.

Schüler

Thomas Schäuble beschreibt seinen Bruder als „mathematisches Genie“. Wolfgang hatte in der Schule von der Sexta bis zur Oberprima – entspräche heute der fünften bis 13. Klasse – eine Eins in Mathe. Er dachte sogar an ein Mathematikstudium, entschied sich aber dann doch für Jura.

Jura-Studium

Zu Jura kam Wolfgang Schäuble dann wieder durch seinen Vater. Für den wäre eine solches Studium ein Lebenstraum gewesen. Durch juristische Diskussionen hat er diesen Lebenswunsch dann auf seine Kinder übertragen – alle drei studierten später Jura.

Rolle in der Familie

Wenn Gertrud Schäuble in der Kur war, nahm Wolfgang die Rolle der Hausfrau und strengen Mutter ein: Er konnte kochen wie eine erstklassige Hausfrau, besonders Linsen und Spätzle.

Ehrgeiz

Unter den Brüdern zeigte Wolfgang Schäuble den größten Ehrgeiz. Er habe stets der Beste sein wollen, berichtet Thomas Schäuble. Anderen zuzusehen und zuzuhören, die nicht so gut waren, sei seinem Bruder stets schwer gefallen.

Führungsstärke

Schon beim Doppel mit seinem Bruder wollte Wolfgang Schäuble stets die Führungsrolle übernehmen – obwohl Thomas der bessere Spieler war. Auf dem Platz haben sie sich ständig angemacht: „Was macht du denn jetzt schon wieder?“ Danach vermieden die Brüder, miteinander Doppel zu spielen.

Folgen des Attentats

Thomas Schäuble bezeichnet seinen Bruder seit dem Attentat „zugänglicher“ als früher. Das liege daran, dass er sich unheimlich darüber gefreut habe, dass seine große Familie zu ihm stand, als er das Leben im Rollstuhl lernen musste. Andere wiederum sagen, er sei härter geworden.

Verhältnis zur Politik

Wolfgang Schäuble ist fasziniert von der Politik. Sein Bruder bezeichnet ihn gar als „politikbesessen“.

Verhältnis zu IWF-Chefin Christine Lagarde

In seinem politischen Wirken schätzt Wolfgang Schäuble besonders IWF-Chefin Christine Lagarde. Vor ihr sei er unglaublich beeindruckt, sagt sein Bruder. Zudem sei sie die einzige Frau, die ihn im Rollstuhl schieben darf – außer seiner Ehefrau.

Verhältnis zu Helmut Kohl

Bekannt ist, dass Wolfgang Schäuble ein loyaler Begleiter Helmut Kohls war – bis zur Spendenaffäre. Doch schon davor hat der heutige Finanzminister dem damaligen Kanzler die Meinung gesagt. Als 1998 klar wurde, dass es für Kohl nicht zu einer fünften Amtszeit reichen würde, war es Schäuble, der zu ihm sagte: „Helmut, du schaffst es nicht mehr.“ Diese Offenheit hat Kohl ihm allerdings übel genommen.

Kapitalismuskritik

Der Finanzminister hat seine Sicht auf den Kapitalismus verändert. „Je älter ich werde, und je mehr ich als Finanzminister sehe, desto größer wird meine Skepsis gegenüber dem Kapitalismus“, hat Wolfgang Schäuble einmal zu seinem Bruder gesagt. Er sehe den Kapitalismus wesentlich skeptischer als früher.

Wolfgang Schäuble ist ein Stabilitätsfaktor für dieses Land und für die christlich-liberale Koalition. In vielem fühle ich mich ihm verbunden. Wer in der unmittelbaren Nachkriegszeit in der Grenzregion zu Frankreich aufgewachsen ist, für den ist die europäische Einigung nicht nur eine Frage der Vernunft, sondern ein Anliegen des Herzens. Wolfgang Schäuble ist in Baden groß geworden, ich in der Südpfalz. Der deutsche Südwesten hat durch seine zentrale Lage in Europa unter den Kriegen der vergangenen Jahrhunderte besonders gelitten.

Frieden, Stabilität, Wohlstand und offene Grenzen sind in solchen Regionen auch über Generationen hin keine Selbstverständlichkeit. Und die Nachkriegsgeneration ist geprägt vom totalen Vermögensverlust, den viele deutsche Familien im vergangenen Jahrhundert zweimal erleiden mussten: durch die Hyperinflation in den zwanziger Jahren und durch den Zweiten Weltkrieg.

Aus diesen Erfahrungen ergeben sich für mich zwei Leitlinien liberaler Politik: Deutschland darf sich nie wieder isolieren. Und die Stabilität unseres Geldes muss dauerhaft gesichert werden. Darin weiß ich mich mit Wolfgang Schäuble einig. Wolfgang Schäuble ist einer der angesehensten und beliebtesten Politiker in Deutschland. Gerade in unsicheren Zeiten sehnen sich die Menschen nach Stabilität.

Biografie: Was Sie über Schäuble noch nicht wussten

Biografie

Was Sie über Schäuble noch nicht wussten

Bald feiert Wolfgang Schäuble seinen 70. Geburtstag. Dazu hat ein Wegbegleiter eine bemerkenswerte Biografie über den Politiker geschrieben. Mit Neuigkeiten über Kohl, Merkel und das Attentat, das alles veränderte.

Deutschland steht gut da. Wir haben Rekordbeschäftigung. Die Neuverschuldung sinkt. Das Wachstum ist stabil. Dennoch sorgen sich die Menschen um ihr Geld und um ihre Altersversorgung. Sie schätzen nachdenkliche, erfahrene und lebenskluge Entscheidungsträger, die nicht täglich neue und nassforsche Forderungen oder Lösungen präsentieren, sondern Politik in langen Linien denken und die verlässlich sind.

Auf Wolfgang Schäuble ist Verlass. Die christlich-liberale Koalition hat sich in dieser Legislaturperiode in der Steuer- und Haushaltspolitik auf das Entlasten und Konsolidieren konzentriert. In der nächsten Runde müssen wir ambitionierter beim Vereinfachen werden. Auch die FDP hat es Wolfgang Schäuble nicht immer leicht gemacht. Und ich kann ihm nicht versprechen, dass sich das ändern wird.

Kommentare (1)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

bjarki

18.09.2012, 19:37 Uhr

Werter Herr Brüderle, würden Sie mir zustimmen, das jemand der Schäuble einen Liberalen nennt, dringend seinen Krankenschein zücken sollte, um Alterdemenz entschlossen zu bekämpfen ?

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×