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20.11.2013

14:34 Uhr

Gastbeitrag

Die EZB und das übelste aller Szenarien

VonThorsten Polleit

Die EZB will mit ihrer lockeren Geldpolitik Deflation verhindern – und provoziert damit das Gegenteil. Wird sie nicht gestoppt, droht das übelste aller möglichen Szenarien: erst Geldentwertung, dann Wirtschaftseinbruch.

Thorsten Polleit ist bei Degussa Goldhandel als Chefvolkswirt tätig. Er ist zudem Honorarprofessor an der Frankfurt School of Finance & Management. PR

Thorsten Polleit ist bei Degussa Goldhandel als Chefvolkswirt tätig. Er ist zudem Honorarprofessor an der Frankfurt School of Finance & Management.

Die Europäische Zentralbank (EZB) hat am 7. November 2013 die Leitzinsen um 0,25 Prozent auf einen bisherigen Tiefstand von 0,25 Prozent abgesenkt. Diese EZB-Zinssenkung kam nicht aus „heiterem Himmel“ – und auch nicht das Signal aus dem EZB-Turm, dass die Zinsen bald noch weiter, auf de facto null Prozent, abgesenkt werden. Denn während überall in der Welt die Bankensektoren (gemessen als Bilanzvolumen der Zentral- und Geschäftsbanken) weiter anschwellen – weil die Zentralbanken die Zinsen abgesenkt und die Geldschleusen geöffnet haben –, schrumpfen sie nach wie nach wie vor in zwei Währungsräumen: in Großbritannien und im Euro-Raum. Wenn sich das Schrumpfen fortsetzt, schrumpfen bald auch die Kredit- und Geldmengen. Und das wiederum würde eine Deflation nach sich ziehen.

In der Öffentlichkeit löst schon das Wort Deflation meist Furcht aus – und führt geradezu reflexartig zu Forderungen nach einer Geldpolitik, die eine Deflation „bekämpft“ beziehungsweise hilft, die Deflation bereits im Vorfeld ihrer Entstehung zu verhindern. Genau auf diese Furcht setzt die EZB und legitimiert damit ihre jüngste Politik, die nicht nur eine echte Nullzinspolitik, sondern auch „unkonventionelle“ Maßnahmen wie Aufkäufe von Staats- und Bankanleihen sowie Kreditportfolios von Geschäftsbanken nach sich ziehen wird. Wenn also Deflationssorgen durch die EZB-Geldpolitiker und die Interessengruppen, die auf sie einwirken, geschürt werden, sollte mit Skepsis reagiert werden.

Die Folgen der EZB-Niedrigzinspolitik

Schulden steigen

Künstlich niedrig gehaltene Zinsen befördern die Schuldenwirtschaft, insbesondere die der Staaten und der Bankenindustrie.

Spekulationswellen

Künstlich tiefe Zinsen lösen (inflationäre) Spekulationswellen aus, führen zu „Boom-and-Bust“-Zyklen: überhitzte Situationen, in denen, wenn niemand mehr bereit ist, Kredite zu finanzieren, alles in sich zusammenbricht.

Fehlinvestitionen werden künstlich am Leben gehalten

Ein künstlich tief gehaltener Zins befördert, dass unprofitable Investitionsprojekte also Fehlinvestitionen aufrecht gehalten werden.

Verminderter Reformdruck auf Krisenländer

Werden die Zinsen künstlich abgesenkt, so verringert sich der Reformdruck auf Regierungen und Banken, ihre Haushalte beziehungsweise Bilanzen zu verbessern.

Der Begriff „Deflation“ bezeichnet üblicherweise einen fortgesetzten Rückgang aller Preise: Die Preise für zum Beispiel Häuser, Grundstück, Aktien und die Preise der Lebenshaltung sinken im Zeitablauf immer weiter ab. Deflation ist – wie Inflation auch – stets und überall ein monetäres Phänomen. Ein fortgesetzter Rückgang der Preise ist nur möglich, wenn die Geldmenge immer weiter schrumpft, wenn es also zu einer chronischen „Geldknappheit“ kommt.

Das war beispielsweise so in der Zeit 1923 bis 1933, der „Großen Depression“ in den Vereinigten Staaten von Amerika. Auf den durch Kredit- und Geldmengenausweitung angetriebenen „Boom“ der 20iger Jahre folgte der „Bust“: Banken wurden zahlungsunfähig, schlossen die Schalter, und damit ging das bei ihnen gehaltene Geld mit ihnen sprichwörtlich unter. Die US-Geldmenge schrumpfte um mehr als 30 Prozent. Das Schrumpfen der Geldmenge ließ die Preise  verfallen. Unternehmen, die mit immer weiter steigenden Verkaufspreisen kalkuliert und ihre Investitionen mit Krediten finanziert hatten, gingen Pleite. Der Aktienmarkt kollabierte. Die Re-zession-Depression, die notwendige ökonomische Korrektur der vorangegangenen Fehlentwicklungen, führte zu Massenarbeitslosigkeit und Verelendung.

Kommentare (48)

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Chemnitzwolf

20.11.2013, 14:55 Uhr

Die Bundesregierung hat doch erst die EZB mit ihrer laschen und ignoranten Haltung stark gemacht um sich selbst aus der verfassungsgemäßen Verantwortung für Deutschland zu entziehen. Deutschen Fachkräften in der EZB wurde die Unterstützung durch die Bundesregierung verweigert und somit verbrannt. Es ist ja auch für die Bundesregierung und vorallem für den Finanzminister viel einfacher die eigene Hilflosigkeit zu verbergen und die Schuld des versagens auf die EZB abzuwälzen. Deutschland hat sich aufgegeben.

Christian

20.11.2013, 15:07 Uhr

Ein Crash ist unausweichlich, das ändert auch eine Leitzins von 0,25% nicht. Die Kapitalisierung erfolgt ausschließlich über Privatbanken und die nehmen in der Regel einen Zinssatz jenseits der 5% diese 5 Prozent Zins haben über den Zinseszins jedoch zur Folge, dass sich die Geldmenge in etwa alle 10 bis 15 Jahre verdoppeln muss. Ein exponentielles Ansteigen, mit dem die Wirtschaft niemals mithalten kann, in Zeiten sinkender Polpulation, Überalterung und gesättigter Märkte gleich gar nicht. Die Geldmenge M3 liegt in den USA bei geschätzen 20000 Mrd Dollar 2020 bei vermutlich über 40000 Mrd Dollar.(um die Relationen zu verdeutlichen, 1990 lag sie bei 2000 Mrd Dollar) In der Eurozone liegt die Geldmenge 2013 vermutl. bei 10000 Mrd Euro. Das System ist am Ende, der Kapitalismus nähert sich dem Ende und wir werden wohl oder übel einer neuen Zeit entgegen gehen müssen. Die Alternativen Reset und 3. Weltkrieg scheiden aus verständlichen Gründen aus...

DieDeflationsLuege

20.11.2013, 15:21 Uhr

Herr Polleit ist ja nicht der einzige Sehende. Die Frage aber ist, warum die Entscheidungstraeger uns sehend in das Verderben schicken wollen. Und das Gespenst Deflation kennen wir alle. Wir alle kaufen beispielsweise keine Elektronik, weil sie staendig billiger wird und die ganze Elektronik-Industrie liegt deshalb vollkommen am Boden. Apple wird bald nicht mehr eine der teuersten Firmen der Welt sein, etc. Was fuer ein Schwachsinn dieses Deflationsargument.

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