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11.02.2013

16:42 Uhr

Gastbeitrag

„Die Kirche braucht jetzt einen Reformpapst“

VonClaudia Roth

Mit dem Rücktritt von Benedikt XVI. geht ein eher rückwärtsgewandtes Pontifikat zu Ende. Die Katholische Kirche braucht jetzt einen Reformpapst, der Brücken baut - in der eigenen Kirche und in die Gesellschaft hinein.

Claudia Roth ist Vorsitzende der Grünen. Reuters

Claudia Roth ist Vorsitzende der Grünen.

Mit seinem Rücktritt stellt Papst Benedikt XVI. eine falsche und überholte Tradition in Frage, nach der ein Papst nicht zurück treten darf. Im Amt sterben - das war bisher Usus in der katholischen Wahlmonarchie. Für den mutigen Bruch gebührt Benedikt tiefer Respekt. Auch der Papst ist ein Mensch und hat das Recht, über sein Leben selbst zu bestimmen. Ich wünsche Benedikt gesundheitlich alles Gute.

Doch dieser Bruch mit der Tradition ist einer der ganz wenigen nach vorne weisenden Schritte in einem eher rückwärtsgewandten Pontifikat. Schon als Kardinal und Chef der Glaubenskongregation war Josef Ratzinger ein Vertreter der konservativen Kirchenhierarchie und kämpfte gegen fast alle fortschrittlichen Tendenzen in seiner Kirche. Gegen eine pluralere Theologie, gegen die Befreiungstheologie, gegen Reformen bei der katholischen Sexuallehre und für den Zölibat.

Papst Benedikt XVI. war viel unterwegs

September 2012

Papst Benedikt XVI. besucht den Libanon.

März 2012

Eine Reise führt den Papst nach Mexiko und Kuba.

September 2011

Sein Deutschlandbesuch führt Benedikt XVI. nach Berlin, Thüringen und Freiburg.

August 2011

Als Stammgast beim Weltjugendtag ist der Papst dieses Mal in Madrid zu Gast.

November 2010

In Spanien besucht er Santiago de Compostela und Barcelona.

September 2010

Auslandsreise nach Großbritannien.

Mai 2009

Der Papst besucht das Heilige Land.

März 2009

Besuch in Kamerun und Angola.

September 2008

Apostolische Reise nach Frankreich. Anlass ist der 150. Jahrestag der Erscheinungen von Lourdes.

Juli 2008

Weltjugendtag in Sydney in Australien.

April 2008 -

Auslandsreise in die USA und Auftritt bei der UN.

September 2006

Heimatreise nach Bayern.

Juli 2006

Weltfamilientreffen in Valencia in Spanien.

Mai 2006

Papst Benedikt XVI. reist in das Heimatland seines Vorgängers nach Polen.

August 2005

Der Papst auf dem Weltjugendtag in Köln.

In diesem Sinne hat er auch sein Amt als Papst Benedikt geführt - mit Interventionen gegen die gleichgeschlechtliche Ehe, mit einer Annäherung an die reaktionäre Pius-Bruderschaft und der dogmatischen Ablehnung des ökumenischen Abendmahls. Natürlich gab es auch positive Signale vom bayerischen Papst, zum Beispiel seine ökologisch geprägte Rede im Bundestag oder die Öffnung der Inquisitionsarchive.

Aber solche Schritte kamen nur vereinzelt und viel zu zaghaft. Und in den Kirchenhierarchien förderte Benedikt fleißig den Aufstieg gleichgesinnter Vertreter. Es steht zu befürchten, dass er damit die innerkirchliche Wirksamkeit seiner konservativen Positionen auf lange Zeit hinaus zementierte.

Der Papst ist in Bayern verwurzelt

Marktl am Inn

In der Stadt am Inn ist Joseph Ratzinger am 16. April 1927 als Sohn des Gendarmeriemeisters Joseph und seiner Frau Maria geboren worden. Nach seiner Wahl zum Papst kommt großer Rummel in Marktl auf, von der Papst-Torte bis zum Papst-Bier sind dort viele Souvenirs zu kaufen. Bei seinem Bayern-Besuch 2006 stattet Benedikt XVI. seiner Taufkirche St. Oswald einen Besuch ab.

Traunstein

Hier besucht er das Studienseminar St. Michael. Die Familie hat im nahen Hufnagel ein Haus bezogen. Später wird Ratzinger Traunstein als seine Heimatstadt bezeichnen, da die Eltern zuvor oft umgezogen sind. Im Zweiten Weltkrieg wird Ratzinger als Flakhelfer eingezogen und gerät kurzzeitig in US-Gefangenschaft, bleibt aber unverletzt. Nach dem Krieg legt er in Traunstein sein Abitur ab.

Freising

In der geschichtsträchtigen Domstadt beginnt Ratzinger 1946 ein Theologiestudium. Sein Ziel ist es, Priester zu werden. Schon als Student gilt er als außergewöhnlich begabt. 1951 wird er zusammen mit seinem Bruder Georg zum Priester geweiht. In seiner Promotion geht es um den Kirchenlehrer Augustinus. An der philosophisch-theologischen Hochschule Freising lehrt er von 1957 an Dogmatik, ehe er an die Uni Bonn wechselt.

Regensburg

1969 erhält Ratzinger einen Ruf nach Regensburg. An der jungen Universität lehrt er Dogmatik und Dogmengeschichte. Im Vorort Pentling hat lässt er sich ein Haus bauen. Seine Eltern und seine Schwester Maria sind auf dem Pentlinger Friedhof begraben. Sein Bruder Georg, einst Leiter der Regensburger Domspatzen, lebt in Regensburg.

München

Joseph Ratzinger verbringt einen Teil seines Theologiestudiums in München, später arbeitet er als Kaplan in zwei Pfarreien der Landeshauptstadt. 1977 muss der mittlerweile renommierte Professor den Hörsaal verlassen und auf einem Bischofsstuhl Platz nehmen: Er wird zum Erzbischof von München-Freising ernannt. Fünf Jahre später folgt der Ruf nach Rom, Kardinal Ratzinger wird Präfekt der Glaubenskongregation.

Dies könnte im Weiteren für die Außenwirkung der Katholischen Kirche und für den innerkirchlichen Zusammenhalt verhängnisvoll sein. Denn die Ausgrenzung der Basiskirche durch konservative Vertreter der Amtskirche hat die Kirche selbst tief gespalten. Wir haben es heute faktisch mit zwei katholischen Welten zu tun, mit einer Gemeindekirche, deren Mitglieder unendlich viel für den sozialen Zusammenhalt leisten. Und konservativen Vertretern in den Hierarchien, die mit Fehlentscheidungen und bornierten Positionen eine Austrittswelle nach der anderen lostreten. Und ich weiß, dass diese Einschätzung nicht nur die Außensicht einer Vertreterin ist, die mit konservativen Klerikern so manchen Strauß ausgefochten hat, sondern dass auch viele liberal denkende Katholiken, auch solche in führenden Positionen, das genauso sehen.

Der Bruch mit der Tradition, den der Rücktritt von Papst Benedikt darstellt, könnte für die Kirche ein Anlass sein, um über eine viel weiter gehende Öffnung und Modernisierung nachzudenken, eine Erneuerung jener Reformbewegung, die vom 2. Vatikanischen Konzil ausging. In diesem Sinne sollte sich die Kirchenbasis bei der nun anstehenden Papstwahl einbringen.

Kommentare (62)

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11.02.2013, 17:00 Uhr

Klar, Frau Roth. Am besten einen Türken oder Araber.
Wissen wir !!

jjus38

11.02.2013, 17:09 Uhr

Deswegen diskutiert der Vatikan ja auch, wer als nächstes kommt: Die Claudia hat sich ja jetzt schon gut positioniert. Sie weiss ja am besten was humanistisch ist. Habemus Mamam. Gott bewahre!

Republikaner

11.02.2013, 17:12 Uhr

Die EU braucht einen Reformator, aber nicht die kath. Kirche.

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