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24.06.2013

10:54 Uhr

Gastbeitrag

„Erdogan schießt mit Kanonen auf Spatzen“

VonThilo Sarrazin

Für unkonventionelle Aussagen ist er bekannt. Jetzt analysiert Berlins Ex-Finanzsenator die Türkei - und kommt zu einem Ergebnis, bei dem weder die Demonstranten noch der Regierungschef gut wegkommen. Ein Gastbeitrag.

Thilo Sarrazin, Buchautor und politischer Kommentator, war früher Finanzsenator in Berlin und Bundesbankvorstand in Frankfurt. picture alliance / dpaFrank Rumpenhorst dpa

Thilo Sarrazin, Buchautor und politischer Kommentator, war früher Finanzsenator in Berlin und Bundesbankvorstand in Frankfurt.

Aufgrund eigener Erfahrungen habe ich gelernt, vielen Nachrichten und den bunten Bildern, die mit ihnen kommen, zu misstrauen. Nicht weil ich sie für gefälscht hielte, sondern weil wir in Zeiten einer immer schnelleren Kommunikation mit einer immer mächtigeren Bilderflut leicht in vorschnelle Urteile getrieben werden, die durch die bildhafte Anschauung nur scheinbar gedeckt sind.

So ist uns das Janusgesicht der „Arabellion“ in der allgemeinen Begeisterung über den Wandel in Nordafrika lange Zeit offenbar entgangen. Sicherlich wurden dort korrupte Diktaturen hinweggefegt. Aber jetzt beobachten wir eine wachsende Christenverfolgung, den Vormarsch des politischen Islams, einen Rückgang der Säkularisierung und weit und breit keine Entwicklung zu einer Demokratie nach westlichem Muster.

Mit ähnlichem Misstrauen stehe ich jetzt auch den Bildern und Berichten aus der Türkei gegenüber. Den Ministerpräsidenten Erdogan, seinen Nationalismus und die von ihm betriebene islamistische Entsäkularisierung der Türkei habe ich zwar noch nie gemocht. Seine maßlosen Äußerungen, sein ungeschicktes Verhalten und die von ihm offenbar gebilligten polizeilichen Übergriffe bei den Vorgängen rund um den Taksim-Platz in Istanbul haben ihn jetzt ein Stück weit entlarvt und entzaubert. Das finde ich gut. Aber wo bitte ist auf der Seite der Protestierenden der prinzipielle Unterschied zu früheren Vorgängen in Deutschland um die Hafenstraße in Hamburg oder bei vielen AKW-Demonstrationen?

Die internationale Medien-Hype stellt sich stets gerne an die Seite der aufbegehrenden Jugend und gegen die jeweilige Staatsmacht und schaut im Übrigen nicht so genau hin. 1979 stand sie auf der Seite der Schah-Gegner, wo hat das geendet? 2011 stand sie bei der „Arabellion“ auf der Seite der Mubarak-Gegner, wo wird das enden?

Bei den jetzigen Vorgängen in der Türkei bin ich unsicher, ob sich hier wirklich eine Modernisierung der politischen Kultur des Landes ankündigt, die am Ende auch den Nationalismus und Islamismus der AKP überwinden wird, oder ob es sich hier nicht lediglich um eine Neuauflage des alten Konflikts zwischen säkularen Kemalisten und Islamisten handelt.

Kommentare (27)

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ObiwanKenobi

24.06.2013, 11:17 Uhr

Ich bin Türke, und mag Sarazzin nicht, weil er polarisiert, nicht Gemeinsamkeiten sucht sondern die Unterschide herauspickt und weil er eine krankhafte Paranoia gegen den Islam hat.
Nichts desto trotz, es heist im Türkischen "Gib dem Helden sein Recht, auch wenn du ihn tötest". So halte ich es auch. In seiner Analyse hat er recht. Es sind die ewig gestrigen Eliten der Türkei, die derzeit versuchen einen Volksauftstand (mit tatkräftiger Unterstützung der westlichen Presse) anzuzetteln, um Macht zu erhalten. Sie waren nie in der Mehrzahl, sondern haben mit Gewalt und dem Millitär das Land beherrscht und ausgeraubt. Die Reformen der AKP haben Sie ihrer Macht beraubt und haben den Grundstein für einen Rechtsstaat gelegt.

Fasungslos

24.06.2013, 11:37 Uhr

Hoffe Herr Stock, das Sie den User der hier die Kommentare unter verschiedenen Namen eingebracht hat Sperren. Derartige Verunglimpfungen gegen Bürger unseres Landes brauchen wir uns wohl nicht gefallen zu lassen, auch wenn wir eine Meinungsfeiheit haben kommt es auf den Stil und Inhalt an...

brqin

24.06.2013, 11:39 Uhr

Leider analysiert Herr Sarrazin die Situation falsch. Es handelt sich eben nicht um einen Konflikt von Kemalisten und Islamisten. Die Die Demonstranten in der Türkei fühlen sich weder der CHP (Kemalisten) zugehörig noch der AKP (Islamisten). Sie verurteilen beide. Es ist eine Bewegung aus überwiegend Jugendlichen Akademikern, Künstlern, Schauspielern und diese treten für westliche Werte ein: Freiheit, Recht, Demokratie. Diese Jugendlichen haben nie den Konflikt Kemalisten / Islamisten mitbekommen. Diese einfach als Kemalisten darzustellen ist mal wieder typisch Sarrazin.

Bemerkenswert finde ich auch die Spaltung in Deutschland. Die Türken in Deutschland sind zurzeit untereinander genauso gespalten wie die Türkei. PRO und GEGEN Erdogan.

Meist sind die gebildeten, säkularen aber auch nationalistischen gegen Erdogan.
Die Türken in Deutschland mit religiösen Ansichten stehen hinter Erdogan komme was wolle.

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