Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

09.07.2012

13:37 Uhr

Gastbeitrag

„Keine Notfallklinik für den Euro!“

VonKlaus F. Zimmermann

Der Aufruf der deutschen Ökonomen kommt zum richtigen Zeitpunkt. Es ist ein Alarmruf fünf Minuten vor zwölf. Die Politik wäre gut beraten, ihn ernst zu nehmen, statt mit immer neuen Formelkompromissen herum zu lavieren.

Klaus F. Zimmermann, Direktor des Instituts zur Zukunft der Arbeit und Wirtschaftsprofessor der Universität Bonn; Ex-Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW). dapd

Klaus F. Zimmermann, Direktor des Instituts zur Zukunft der Arbeit und Wirtschaftsprofessor der Universität Bonn; Ex-Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW).

Ratschläge sind auch Schläge – so mögen manche in Politik und Wirtschaft den jüngsten kritischen Aufruf von über 190 führenden deutschen Ökonomen zu den Beschlüssen des letzten EU-Gipfels empfunden haben – und schlagen jetzt kräftig verbal zurück. Einige versuchen dabei ihren Schwächeanfall im europäischen Verhandlungsmarathon zu überspielen. Andere können so ihre Begeisterung für einen Durchmarsch in den europäischen Interventionsstaat verstecken.

Richtig ist, die neuen EU - Beschlüsse sind vage und vieldeutig auswertbar. Aber allen Beteiligten ist klar: Wir haben mit diesem Gipfel einen weiteren, möglicherweise entscheidenden Schritt in die europäische Transferunion getan, bei dem letztlich die wirtschaftlichen Risiken vergesellschaftet werden, ohne zunächst die Verantwortung für die insbesondere fiskalischen Entscheidungen anwendungssicher europäisch zu zentralisieren.

Ich jedenfalls habe diesen Aufruf mitunterzeichnet, weil ich immer für den Euro war und noch bin, nur eben als Wachstums- und Stabilitätsgemeinschaft, und nicht als Notfallklinik. Es ist ein politischer Weckruf, keine der feinsinnigen wissenschaftlichen Analysen, die schon seit Jahren in vielfältiger Form vorliegen. Zuletzt hat der Sachverständigenrat in einem Sondergutachten an diesem Freitag seine aktuelle Einschätzung nach dem Gipfel vermittelt, in der ebenfalls davor gewarnt wird zu glauben, die Probleme seien nun gelöst. Und Bundesbankpräsident Weidmann hat in einer bemerkenswert harschen öffentlichen Analyse in dieser Woche die Ergebnisse kritisiert. Zur behaglichen Selbstzufriedenheit besteht nun also wirklich kein Anlass.

Es fällt schwer, Unmut zu unterdrücken, wenn ich bei einer anderen Initiative nachlese ("Europas Bankenkrise: Ein Aufruf zum Handeln"), bei der ich in der Morgendämmerung der großen Wirtschaftskrise Anfang Oktober 2008 gemeinsam mit führenden europäischen Makroökonomen unterschrieb, und die europaweit Aufmerksamkeit fand: "Wir brauchen einen das ganze System umfassenden Ansatz, und in Europa bedeutet dies eine Initiative zur Rekapitalisierung des Bankensektors unter der Federführung der EU.... Es wäre auch wichtig, einen harmonisierten Ansatz für die Einlagensicherung zu vereinbaren. Um künftig Krisen dieser Art zu verhindern, wird auch eine Regulierung der europäischen Finanzmärkte und -institutionen auf europäischer Ebene erforderlich sein."

Bis heute ist wenig geschehen, was diesen Ansprüchen gerecht geworden wäre. Wir haben längst nicht nur eine große Vertrauenskrise des Euros, sondern eine der ganzen europäischen Gemeinschaft. Wir sind dabei, das europäische Vermächtnis unserer Mütter und Väter leichtfertig zu verspielen.

Kommentare (25)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Leopold

09.07.2012, 15:41 Uhr

Wer hat noch eine europäische Idee? Ausser Frau Merkel? Frankreich, Italien und Spanien haben Präsidenten, die ihre eigenen Interessen voranstellen. Europa ist nur noch Geldbeschaffer. Mehr Europa wird es nur geben, wenn mehr Geld fließt. Ansonsten kann man froh sein, wenn man den derzeitigen Status halten kann. Und selbst das kostet wegen der Schuldenkrise viel Geld.

Account gelöscht!

09.07.2012, 16:02 Uhr

Herr Zimmermann:
"Wollen wir nicht einen Zerfall der europäischen Idee riskieren, so brauchen wir als Konsequenz aus der Krise und ihren Ursachen eine Vertiefung der europäischen Integration und das heißt: Eine Abgabe weiterer Souveränitätsrechte an europäische Institutionen gerade in den sensiblen Bereichen der Wirtschafts- und Finanzpolitik – allerdings eingebunden in eine demokratische Kontrolle, voran durch das Europäische Parlament."

Die Südländer inkl. Frankreich werden im neuen Brüsseler Superstaat die strukturelle Mehrheit in allen relevanten Fragen haben.
Wenn sie Souveränitätsrechte an diesen Molloch abgeben wollen, können sie sich jede Stabilität abschminken.

Deutschland wird dann eine Schulden-, Transfer-, Inflation- und Sozialunion (d.h. Renten weg) aufgezwungen und die Deutschen haben dann die gleiche Rente wie die Portugiesen.

Jeder Deutscher wird dann jeden verdienten Euro, wenn möglich an der Steuer vorbei, sofort ausser Landes bringen, wenn er nicht gleich selber flieht. Planen sie die Mauer um die EU dann besser gleich mal mit ein.

Und dies alles um diesen verfluchten Euro am Leben zu erhalten? Was ist so verdammt wichtig, das dafür Wohlstand, Souveränit und Stabilitätskultur der Deutschen geopfert werden soll? Ist es die New World Order?

Account gelöscht!

09.07.2012, 16:35 Uhr

Das europäische Finanzministerium und die Abgabe von Souveränitätsrechten etc. etc. sind alles abstrakte Denkgebilde. Außer einer durchaus großen Gruppe in Deutschland, hängt den Ideen, die alle irgendwie die Vereinigten Staaten von Europa zum Ziel haben, in Europa niemand an. Unnütze Zeitverschwendung darüber zu debattieren.
Das Instrument zur Einhaltung der für den Euro notwendigen Disziplin gibt es seit Maastricht und heißt "No-Bail-Out". Dieses wurde aber beim ersten Gegenwind über Bord geworfen. Wer sollte ernsthaft glauben, dass auch nur einer dieser ganzen Verträge in der Not je eingehalten wird ? Da können sich Heerscharen schlauer Leute mit tollen Reformen befassen. Wenn die Eurozone nicht so flexibel ist, es auszuhalten, dass auch große Mitglieder ausscheiden, wenn sie nicht mehr rein passen, dann ist der Euro am Ende. Ob die Lösung teuer oder billig ist, spielt keine Rolle.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×