Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

06.05.2014

14:08 Uhr

Gastbeitrag

„Meint sie es wirklich ernst mit ihrer Karriere?“

VonUrsula Soritsch-Renier

Darauf warten, entdeckt zu werden? Kein Erfolgsrezept, findet Ursula Soritsch-Renier. Die IT-Chefin von Sulzer weiß: Man ist immer nur so erfolgreich wie die Resultate, die man geliefert hat – egal ob Frau oder Mann.

Ursula Soritsch-Renier: Sulzer, Leiterin der IT. Ihr Posten ist eine Ebene unterhalb des Vorstands angesiedelt. Die Österreicherin hat sich in zwei Männerdomänen durchgesetzt: in der IT und im Maschinenbau.

Ursula Soritsch-Renier: Sulzer, Leiterin der IT. Ihr Posten ist eine Ebene unterhalb des Vorstands angesiedelt. Die Österreicherin hat sich in zwei Männerdomänen durchgesetzt: in der IT und im Maschinenbau.

WinterthurIch sitze abends bei einer Veranstaltung für IT-Chefs, um die allerneuesten Informationstechnologien präsentiert zu bekommen. Es gibt vier Tische mit je acht Personen: 31 Männer und eine Frau - mich. Eine Ausnahme? Absolut nicht! Zwar tauchen hin und wieder andere Kolleginnen auf, in der Regel ist man aber doch oft allein in Diskussionen mit der obersten Führungsebene oder Gleichgesinnten in der IT-Branche.

An diesem Abend hätte ich eigentlich gerne ab und zu mal mein Smartphone gecheckt oder wenigstens für einen kurzen Moment die Augen geschlossen. Nur: Als Frau fällt man in einer solchen Runde total auf und zu jedem Zeitpunkt heftet sich mindestens ein Blick auf mich. Die Männer denken: „Was tut sie hier?“, oder: „Was macht sie, um hier mitmischen zu dürfen?“ Frau wird beobachtet. Ein kurzes Nickerchen, das sich manche männliche Kollegen in Besprechungen kurz mal erlauben, gibt es bei mir nicht. Ist das aber nun ein Nachteil? Nein. Denn durch mein „Herausstechen“ erhalte ich genau die Aufmerksamkeit, die notwendig ist, um gehört, wiedererkannt und integriert zu werden.

Zehn Dinge, mit denen Frauen ihre Karriere riskieren

Lieber Spaß als Macht

Fragt man eine Frau: Was ist Ihnen an ihrem Job wichtig? Lautet die Antwort nicht, mein Firmenwagen, das üppige Gehalt oder der leistungsabhängige Bonus. Nein! Frauen wollen hauptsächlich Spaß an der Arbeit. Während 49 Prozent der Frauen sich ein freundliches Arbeitsumfeld wünschen und 44 Prozent Wert auf vielfältige Arbeitsaufgaben legen, sind nur 16 Prozent auf Prestige und 9 Prozent auf eine rasche Beförderung aus.

Keine Ellenbogenmentalität

Gerade in größeren Abteilungen müssen sich Mitarbeiter häufig gegen ihre Kollegen durchsetzen, um sich Gehör und Respekt beim Chef zu verschaffen. Doch gerade dieser interne Konkurrenzkampf gefällt vor allem Frauen nicht. Eine Umfrage von TNS Emnid und der Axa-Versicherung zeigt, dass über ein Drittel aller Frauen Angst vor dem Konkurrenzkampf mit Kollegen haben. Nur 15 Prozent ihrer männlichen Mitstreiter sorgen sich darum.

Übersteigerter Teamgeist

Teamfähigkeit gilt als einer der wichtigsten Soft-Skills und gerade Frauen bevorzugen diese Form des Arbeitens. Ein Experiment an der Universität Lyon hat gezeigt, dass Männer vor allem dann Teamarbeit nutzen, wenn sie in dem geprüften Bereich nicht so leistungsfähig sind. Frauen arbeiten generell lieber im Team, unabhängig davon wie stark sie selbst auf dem jeweiligen Gebiet sind. Eine durchaus positive Fähigkeit, solange die eigene Leistung nicht vom Können des Teams überschattet wird.

Falsche Studienwahl

Die karriererelevanten Studienfächer sind nach wie vor Wirtschaftswissenschaften, Jura und Ingenieurswissenschaften. Während bei den Wirtschaftswissenschaften im Wintersemester 2010 immerhin 45 Prozent der deutschen Studierenden weiblich waren und bei Jura sogar über die Hälfte, sieht es im Bereich der Ingenieurswissenschaften weiterhin düster aus. Die Maschinenbaustudiengänge verzeichneten gerade einmal einen Frauenanteil von neun Prozent. Bei Elektrotechnik waren es sogar nur sechs Prozent.

Zu wenig Selbstbewusstsein

Frauen verkaufen sich häufig unter Wert und trauen sich selbst viel zu wenig zu. Eine Studie des Beratungsunternehmens Accenture zeigt, dass Frauen sich selbst beschuldigen, wenn es um die Gründe für ihre schlechten Aufstiegschancen geht. 28 Prozent der befragten Damen sagen, ihnen fehlten die nötigen Fertigkeiten für den nächsten Schritt auf der Karriereleiter.  

Chefinnen unerwünscht

Nicht nur Männer wollen keine Frauen als Chef, sogar die weiblichen Arbeitnehmer sind von Frauen in Führungspositionen wenig überzeugt. Nur drei Prozent wollen eine Chefin. Neunmal so viele finden es besser einen Mann als Chef zu haben. Das ergab eine repräsentative Umfrage der Meinungsforscher von Forsa.    

Rivalität unter Frauen

Damit in Zusammenhang könnte das Phänomen der Stutenbissigkeit stehen. Eine Studie der Universität Amsterdam belegt, dass Frauen zwar gut kooperieren können, aber nur so lange sie mit männlichen Kollegen zu tun haben. Sobald sie mit Frauen zusammenarbeiten sollen, ist es um den Teamgeist schlechter bestellt. Ein internationales Forscher Team setzte kürzlich sogar noch einen obendrauf. Sie fanden heraus, dass die Damen besonders schlecht miteinander können, wenn die jeweils andere bei den männlichen Kollegen gut ankommt. 

Über Geld spricht man nicht

Selbst Frauen in Führungspositionen verdienen immer noch deutlich weniger als ihre männlichen Kollegen. Eine Umfrage der Hans-Böckler-Stiftung unter 12.000 Akademikern zeigt die Unterschiede. Ein männlicher Abteilungsleiter verdient etwa 5000 Euro monatlich, sein weibliches Pendant gerademal 3800 Euro. Das hat unter anderem damit zu tun, dass Frauen bei Gehaltsverhandlungen mit weniger zufrieden sind und andere Faktoren wichtiger finden.

Familie oder Beruf? Familie!

Zugegeben, es ist nicht einfach Familie und Karriere miteinander in Einklang zu bringen. 72 Prozent der Mütter von minderjährigen Kindern halten dieses Unterfangen für schwierig. Und die Mütter sind es letztendlich auch, die in Sachen Karriere den Kürzeren ziehen. Dafür verantwortlich sind die traditionellen Vorstellungen von Familie, die sowohl Männer als auch Frauen immer noch mit sich herumtragen. Während 2010 nur etwa 5 Prozent der Väter mit minderjährigen Kindern in Teilzeit arbeiteten, waren es über 68 Prozent der Mütter.  

Der fehlende Wille

Zu all diesen Karrierehemmnissen kommt ein zentraler Punkt hinzu. Viele Frauen wollen überhaupt nicht aufsteigen. Das Beratungsunternehmen Accenture fand heraus, dass nur jede fünfte Frau ihre Karriere überhaupt vorantreiben will. Ganze 70 Prozent sind mit ihrer aktuellen Position im Unternehmen zufrieden.

Die Frage, die ich hier beantworten möchte, ist, ob es als Frau in Männerdomänen schwieriger oder leichter ist, weiterzukommen. Lassen Sie mich dafür ein paar Beispiele aus meiner Vergangenheit erzählen. Meine erster Job nach dem Studium war bei einem multinationalen Elektronikkonzern. Ein fantastisches Arbeitsumfeld. Ich war jung, Akademikerin, arbeitete in der IT und hatte die Aufgabe, in der Produktion die Produktionskontrollsysteme neu aufzusetzen. Da beinahe die gesamte IT-Abteilung ausgelagert war, bekam ich die Chance, mich diesem Projekt zu widmen. Eine Mammutaufgabe.

Einsatzgebiet: die Produktion. Dort wurde in vier Schichten rund um die Uhr gearbeitet – eine eingeschworene Männerszene. An meiner Seite: der Qualitätsmanager der Abteilung. Wir hatten schnell gegenseitigen Respekt für die Fachkenntnisse und Erfahrungen des anderen und haben gemeinsam die beste Lösung erarbeitet. Wir schafften es, am Wochenende vor Projektende arbeitete ich 40 Stunden durch, mit vier Stunden Schlaf. Es war unglaublich, unser Projekt ein Riesenerfolg.

Damals – Ende der 90er-Jahre – gab es allerdings eine Besonderheit, die mit meinem Geschlecht zu tun hatte. War ich zwischen 22 und 6 Uhr in der Werkshalle unterwegs, wurde ich stets von einem Mann eskortiert. Der Grund: das damalige Nachtarbeitsverbot für Frauen. Eine bizarre Situation...

Kommentare (1)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Account gelöscht!

06.05.2014, 17:26 Uhr

WEr sein Leben der karriere opfert, ist ein armer Tropf und zu bedauern. Schlimmer kann man sein Leben nicht verschwenden.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×