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13.06.2013

14:07 Uhr

Gastbeitrag

Radikaler Kulturkampf in der Türkei

VonYaşar Aydın

Die Protestaktionen in der Türkei sind eine Aufforderung an den türkischen Premier Erdoğan, die Gesellschaft nicht weiter entlang kultureller Linien zu polarisieren. Yaşar Aydın erläutert die Hintergründe.

Aktivisten am Eingang des Gezi Parks in Istanbul. dpa

Aktivisten am Eingang des Gezi Parks in Istanbul.

Was als Protest gegen die Abholzung von Bäumen im Gezi Park am Istanbuler Taksim-Platz begann, entwickelte sich zu türkeiweiten Protestaktionen gegen Premierminister Recep Tayyip Erdoğan. Denn wenngleich der Protest von sehr unterschiedlichen Gruppierungen mit jeweils eigenen Forderungen getragen wird, so eint die Ablehnung von Erdoğans polarisierendem Politikstil doch einen Großteil der Demonstranten. Erdoğan wird vorgeworfen, zur Benachteiligung säkular orientierter Bevölkerungsgruppen beizutragen. Der seit der Republikgründung andauernde Kulturkampf zwischen traditionell-konservativen und säkular-liberalen Lebensweisen hat sich unter Erdoğans AKP-Regierung radikalisiert.

Die positive Wirtschaftsentwicklung der zurückliegenden zehn Jahre hat einen tiefgreifenden gesellschaftlichen Wandel bewirkt. Dabei kam es zu einer Verschiebung der politischen und wirtschaftlichen Machtverhältnisse zuungunsten von säkular-liberal orientierten Bevölkerungsteilen. Der AKP-Regierung wird vorgeworfen, staatliche Aufträge bevorzugt an eine Unternehmerschicht zu vergeben, deren Wertesystem im Islam verwurzelt ist. Religiös-konservative Menschen werden bei der Besetzung staatlicher Ämter bevorzugt und traditionelle Lebensstile zunehmend in der Öffentlichkeit sichtbar. Gleichzeitig wird die Meinungsfreiheit missachtet, säkular-linksliberale Journalisten werden eingeschüchtert. Bei den städtischen, säkular orientierten Bevölkerungsgruppen erzeugt dies die berechtigte Sorge, weiter ausgegrenzt und abgehängt zu werden. Noch brisanter ist die Situation in Provinzstädten, in denen der konservative Konformitätsdruck auf säkular orientierte Menschen, Nichtmuslime und Aleviten besonders einschüchternd wirkt. Ein Großteil der Protestierenden gehört zu diesen Bevölkerungsgruppen.

Yaşar Aydın ist Mercator-IPC-Fellowan an der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP).

Yaşar Aydın ist Mercator-IPC-Fellowan an der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP).

Für Frust sorgen auch Erdoğans polarisierende Äußerungen der letzten Monate. Beim letzten Wahlkampf machte er Anspielungen auf die alevitische Herkunft von Kemal Kiliçdaroglu, den Vorsitzenden der Republikanischen Volkspartei und rügte Aleviten wegen ihrer liberalen Religionsauffassung. Er unterstellte der beliebten türkischen Fernsehserie Muhtesem Yüzyil (Das prächtige Jahrhundert), den osmanischen Herrscher Süleyman den Prächtigen als lasterhaft zu porträtieren und rief die Staatsanwälte auf, gegen die Sendung vorzugehen. Die Ankündigung, die dritte Bosporus-Brücke nach Yavuz Sultan Selim zu benennen, der für die Verfolgung von Aleviten im 16. Jahrhundert verantwortlich war, war ein weiterer Höhepunkt politischer Unsensibilität und wurde von Aleviten als Kampfansage wahrgenommen.

Eine weitere Quelle des Unmuts ist eine Stadtentwicklungspolitik, die überaus unsensibel mit dem kulturellen Erbe, der historisch gewachsenen urbanen Struktur und dem kulturellen Gedächtnis von Stadtteilen umgeht. Der Abriss des traditionsreichen Kinos Emek Sinemasi in der Nähe des Taksim-Platzes im Mai 2013, mit dem ein Stück Istanbuler Geschichte und ein „Denkmal“ der Populärkultur verloren gegangen ist, ist hierfür exemplarisch. Auch damals ging die Polizei rabiat gegen die protestierenden Künstler und Schauspieler vor.

Kommentare (12)

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ObiwanKenobi

13.06.2013, 14:57 Uhr

"...traditionelle Lebensstile zunehmend in der Öffentlichkeit sichtbar" Und das ist ein Grund zum Protestieren, den Herr Aydin als gerechtfertigt darstellt. Arme Bundesregierung, sie sollte mal Ihre Berater auf ihr Demokratieverständnis hin prüfen.

Account gelöscht!

13.06.2013, 16:23 Uhr

@ ObiwanKenobi

Sie hätten die Sätze davor zitieren sollen:

"Der AKP-Regierung wird vorgeworfen, staatliche Aufträge bevorzugt an eine Unternehmerschicht zu vergeben, deren Wertesystem im Islam verwurzelt ist. Religiös-konservative Menschen werden bei der Besetzung staatlicher Ämter bevorzugt ..."

Diese brisanten Aussagen übergehen Sie und zitieren stattdessen Belangloses. Wollen Sie sich lächerlich machen ?

ObiwanKenobi

13.06.2013, 16:40 Uhr

Lieber Rheingold, ein gewisses Maß an Respekt sollte auch in Kommentaren eingehalten werden, ich will mich nicht lächerlich machen. Aber gerne kläre ich Sie auf: Diese Klientelpolitik, die Sie ansprechen, ist weltweit verbreitet. Das als Folge der Regierung Erdogan hinzustellen, ist lächerlich. In den Vorgängerregierungen in der Türkei hatte genau diese Klientelpolitik derart immense Maße angenommen, dass z.B. Unternehmer anderer politischer Auffassung nicht nur von Staat ausgegrenzt wurden, viele wurden unter fadenscheinigen Begründungen direkt geschlossen.
Für mich ist es ein fundamentales Menschenrecht, so leben zu dürfen, wie ich bin. Da darf keiner daherkommen, und meinen traditionellen Lebenswandel, oder Aussehen zum Grund nehmen, mich abzuwerten. Für Sie mag es keine Rolle spielen, ob Menschenrechte eingehalten werden.

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