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27.03.2012

21:16 Uhr

Gastbeitrag

Schulden sind nur für Bildung gerechtfertigt

Der Schuldenberg wird nicht abgetragen, sondern in die Zukunft geschoben. Die Leidtragende sind unsere Enkel. Gerecht wäre das nur, wenn wir Geld in die Bildung stecken würden. ein Investment tätigt, das sich auszahlt.

Denis Snower, Präsident des Instituts für Weltwirtschaft (IfW), bei der Verleihung des Weltwirtschaftlichen Preises 2010. dpa

Denis Snower, Präsident des Instituts für Weltwirtschaft (IfW), bei der Verleihung des Weltwirtschaftlichen Preises 2010.

Warum sollte die europäische Schuldenkrise uns zu einer grundlegenden Reform der Bildungssysteme in Deutschland und anderen europäischen Ländern bewegen? Ganz einfach. Staatsschulden und Bildung sollten miteinander verbunden sein. Dafür gibt es zwei Gründe: Generationengerechtigkeit und fiskalpolitische Verantwortung.

Zuerst zur Generationengerechtigkeit: Die immer neuen milliardenschweren Rettungspakete, die die Politik seit Beginn der Finanzkrise 2008 auf den Weg gebracht hat, werden über zusätzliche Staatsschulden finanziert. Diese Schulden müssen in der Zukunft bedient werden. Zahlen müssen also Menschen, die heute vielleicht noch nicht Wähler sind: unsere Kinder und Enkel.

Ist dies gerecht? Die Handlungsfähigkeit künftiger Generationen wird durch den Schuldenberg, den wir ihnen hinterlassen, massiv eingeschränkt. Sie werden gezwungen, Geld für Zins und Tilgung bereitzustellen – und können nicht entscheiden, stattdessen etwa eine Straße oder Schule zu bauen und das Geld so in ihrem Sinne auszugeben. Wie können wir für Gerechtigkeit zwischen unserer Generation und der nächsten sorgen? Indem wir die nächste Generation für den Schuldenberg entschädigen. Dies geschieht, wenn wir gewährleisten, dass das geborgte Geld zukünftig zu Renditen führt.

Für eine Wirtschaft ist eine der potenziell ertragreichsten Möglichkeiten die Bildung. In einer Schule, die heute gebaut wird, lernen die Kinder von morgen. In einer Universität, Ausbildungs- oder Forschungseinrichtung, die heute unterstützt wird, entstehen die Fähigkeiten unserer zukünftigen Arbeitskräfte. Durch diese Fähigkeiten generiert die nächste Generation das zusätzliche Einkommen, mit dem unsere Schulden zurückgezahlt werden können.

Bildung dient auch der fiskalpolitischen Verantwortung. Es gibt zwei Arten von Staatsschulden: temporäre und dauerhafte. Temporäre Schulden sind diejenigen, die Investitionen finanzieren. Wenn die Investitionen genügend profitabel sind, dann können die dadurch verursachten Schulden zurückgezahlt werden. Solche Schulden sind unbedenklich. Dauerhafte Schulden, im Gegensatz, finanzieren sich nie. Sie entstehen, wenn wir Geld borgen, um jetzigen Konsum zu finanzieren. Sobald wir konsumiert haben, ist das Geld weg. Dies sind hauptsächlich die Schulden, die Griechenland in den letzten zehn Jahren akkumuliert hat. Sie führen zu keinem zukünftigen Wachstum. Sie sind gefährlich.

Kommentare (27)

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Dr.NorbertLeineweber

27.03.2012, 21:43 Uhr

Was Snower schreibt ist ausführlich in meiner Dissertation nachzulesen (Das säkulare Wachtum der Staatsausgaben, Vandenhoek und Rupprecht, 1988). Man differnziert nach wachtumsnotwendigen und wachtumsbedingtem Ausgaben und dem Rest, der nicht investiv, sondern für Sozialprogramme ausgegeben wird. An rentierlichen Investitionen, auch solchen in die Bildung ist der Staat nicht interessiert, weil er damit die Unterschicht nicht mobilisieren kann. Gewählt wird, wer auf Pump ein free luch präsentiert um die Wählerstimmen zu maximieren. Nach 40 Jahren dieser Politik haben wir 2,1 Billionen Schulden und ein Land das bildungspolitisch alles andere als ein Spitzereiter ist. Bis heute haben die Minister im Kabinett nicht gelernt, dass ein Bildungseuro mehr Wertschöpfung und mehr Wachstum und mehr Steuereeinnahmen nach sich zieht. Wird dieser eine Euro für die soziale Hängematte verfrühstückt, hängen natürlich alle auch bildungspolitisch durch. Und weil der Wähler immer nur auf die nächste Wahl schaut, ist man eben sozial und grün, aber eben alles andere als nachhaltig und bildungshungrig. Bildungsresistent würde da schon besser passen. Die impliziten Schulden von 5 Billionen lasse ich hier `mal weg. Dazu meine posts in der FAZ.

Mitbuerger

27.03.2012, 21:57 Uhr

Auch für die Bildung sind meiner Meinung nach Schulden nicht gerechtfertigt. Die Rendite von Bildung wird meines Erachtens überschätzt. Ich habe auch Abitur und ein gutes Uni-Diplom, mache aber jetzt eine bodenständige Berufsausbildung, welche man formal auch mit einem Hauptschulabschluss erhalten könnte, da der Arbeitsmarkt, wie ich entgegen der Versprechen aus Rundfunk und Politik feststellen musste, gar nicht nach so vielen Akademikern verlangt.

Dr.NorbertLeineweber

27.03.2012, 22:03 Uhr

Bei mehr bildungsinduziertem Wachstum hätten Sie wahrscheinlich auch den normalen Job, es sei denn Sie haben ein nicht gefragtes Magister-Studium. Von einer Ausnahme, kann man nicht auf die Gesamtheit schließen. Tendenziell hat Snower trotzdem Recht.

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