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17.10.2013

09:13 Uhr

Gastbeitrag Ulrich Kater

Horroreffekte wollten einfach nicht zünden

VonUlrich Kater

Haushaltsbeschluss und Schuldengrenze fallen zusammen – welch Voraussetzung für ein großes Drama. Und doch gab es kaum Reaktionen des undankbaren Publikums. Im Gegenteil: Es war am Ende sogar genervt von der Aufführung.

Geisterstunde in Washington: Kurz vor knapp haben sich Demokraten und Republikaner noch geeinigt. dpa

Geisterstunde in Washington: Kurz vor knapp haben sich Demokraten und Republikaner noch geeinigt.

In Marktpreisen drücken sich Meinungen aus. Die Finanzmärkte zeigten sich von der Neuinszenierung des Fundamentalstreits über die US-Finanz- und Sozialpolitik in den vergangenen Wochen vollkommen unbeeindruckt, obwohl sich die Beteiligten alle Mühe gaben, realistische Drohkulissen auf die Bühne zu schieben. Bis auf die kurzfristigen Geldmarktsätze sowie einer leichten Dollarschwäche gab es allerdings keine Reaktionen des undankbaren Publikums. Dabei waren mit dem Zusammenfallen von Haushaltsbeschluss und Schuldengrenze ganz besondere Voraussetzungen für ein großes Drama bereitet. Aber am Schluss waren Markteilnehmer, Öffentlichkeit und anscheinend sogar einige Republikaner trotz aller Spannung ein wenig genervt gewesen von der Aufführung. Die Horroreffekte wollten einfach nicht zünden.

Verlierer sind eindeutig die Regisseure aus dem republikanischen Lager. Denn die Markterwartung, dass die US-Politik die Reputation der größten weltweiten Reservewährung – die der US-Volkswirtschaft und jeder US-Regierung ungeheure Vorteile verschafft – nicht aufs Spiel setzen würde, wurde wieder einmal voll erfüllt. Diese Erfahrung macht im nächsten Akt, der ja wohl im Dezember und in den ersten beiden Monaten des kommenden Jahres spielen wird, die Drohung mit dem Staatsbankrott noch stumpfer. Das heißt aber auch, dass die Verwendung des Instruments „Staatsverschuldung“ anscheinend nicht durch die Politik gestoppt werden kann. Es sind dann nur die Märkte, die an den Grenzen der Verschuldungsfähigkeit die Politik zu Korrekturen verpflichten können.

Ulrich Kater: Chefvolkswirt bei der Deka Bank. PR

Ulrich Kater: Chefvolkswirt bei der Deka Bank.

Eindrucksvoll ist, welche Privilegien diese Funktion der US-Währung erzeugt: Ein AAA-Schuldner, der mit dem Gedanken spielt, Anleihen, und sei es auch nur vorübergehend, nicht zu bedienen – und nichts geschieht. Stattdessen üben sich Marktteilnehmer und Kommentatoren in Beschwichtigungen. Ein Default sei ausgeschlossen – allenfalls technisch denkbar, nicht ökonomisch. Dann könne man einzelne Zinszahlungen auch ausfallen lassen und beim nächsten Zinstermin doppelt zahlen. Ein cross-default wäre aufgrund der Anleihebedingungen sowieso ausgeschlossen. Den Geldmarkt würde die Fed stützen und sowieso seien Geldmarktfonds besser vorbereitet als beim letzten Mal, ein Run könne ausgeschlossen werden. Dies alles sind Kennzeichen des grenzenlosen Vertrauens in die anscheinend einzig verbliebene risikolose Anlageform auf diesem Planeten, den US-Treasuries. Nein, hier muss man schon dickere Berthas auffahren, um das Vertrauen zu erschüttern.

Man sollte allerdings nicht vergessen, dass die US-Amerikaner sich dieses Privileg in einem langen Prozess erarbeitet haben. Eine Reservewährung setzt nicht nur eine hohe ökonomische Leistungskraft der hinter ihr stehenden Volkswirtschaft voraus. Sondern auch Institutionen, die als glaubwürdig angesehen werden: ein funktionierendes konstitutionielles Zusammenspiel der Gebietskörperschaften, die den Währungsraum bilden, ebenso wie funktionierende Währungsinstitutionen, angefangen von der Zentralbank über eine Regulierung, die aus Fehlern zu lernen versucht, bis hin zur Bankenunion mit glaubwürdigen Abwicklungsmechanismen. Ein Aufbau, für den die USA viele Jahrzehnte teilweise schmerzhafter Erfahrungen benötigt haben. Dies mag verdeutlichen, welche Vorteile mit der Bildung eines derart mächtigen Wahrungsraums verbunden sind. Die Schwierigkeiten, die der Euro-Raum hat, als solches stabiles Gebilde wahrgenommen zu werden, zeigt aber auch, wie schwierig und lang der Weg dahin ist. Aber es lohnt sich, wenn die Währung funktioniert.

Nur eines fehlt dem US-Dollar noch: die endgültige Abschaffung der Schuldengrenze. Aber bis dahin können wir wenigstens noch auf eine weitere Staffel im epischen Schuldenstreit hoffen, die mit neuen Special Effects vielleicht für etwas mehr Unterhaltung sorgt.

Kommentare (5)

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17.10.2013, 09:38 Uhr


Mr. Kater`s Haus rechnet i n t e r n sehr wohl mit einem durchaus denkbaren weltweiten Finanzcrash, oder etwa nicht ? So viel Plätze hat die Intensivstation aber nicht.
Passt gut auf eure Anleihen auf...

Account gelöscht!

17.10.2013, 09:46 Uhr

Jeder weiss, dass das System nur noch durch die NBs am Leben gehalten wird. In keiner Menschheitsepochen konnte selbst dumme Menschen an der Börse so leicht, ohne Risiko Gewinne verbuchen. Achtet nur bei den Gewinnmitnahmen auf das Investment in den richtigen Sachwert! Denn bald wachen die wirklich Dummen auf!! ;)

Account gelöscht!

17.10.2013, 09:57 Uhr

Kater liegt erfahrungsgemäß zu 95% daneben. Darauf kann man sich zumindest verlassen.

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