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26.07.2013

15:35 Uhr

Gastbeitrag

Von Krise zu Krise

VonThorsten Polleit

Der Kurs der Euro-Retter ist fragwürdig. Sie bekämpfen die Krise mit Mitteln, die das Chaos erst verursacht haben und hebeln damit die Marktwirtschaft aus. Dabei gibt es eine bessere Möglichkeit, die Probleme zu lösen.

Einige Jahre hält die Eur-Krise nun schon an - und könnte sich jederzeit wieder neu zuspitzen. dpa

Einige Jahre hält die Eur-Krise nun schon an - und könnte sich jederzeit wieder neu zuspitzen.

Sechs Jahre hält die internationale Finanz- und Wirtschaftskrise nun schon an. Wenn von „Besserung der Lage“ gesprochen wird, kann allenfalls eine „Scheinbesserung“ gemeint sein. Denn nur durch staatliche Winkelzüge, die als „Rettungspolitiken“ deklariert werden – hierzu zählen vor allem Zinssenkungen und Basisgeldmengenausweitungen der staatlichen Zentralbanken –, werden Staaten und Banken vor der Zahlungsunfähigkeit bewahrt und der Finanzsystemkollaps abgewendet. Das schon als Erfolg zu bezeichnen, ist zumindest fragwürdig. Die Rettungspolitiken hebeln nämlich das, was von der Marktwirtschaft noch übrig geblieben ist, immer stärker aus. Individuelle und unternehmerische Freiheiten, die Quelle der Prosperität, bleiben auf der Strecke.

Der eingeschlagene Politikkurs der „Euro-Retter“ – ob nun das Errichten des „EFSF“, „ESM“ oder der Bankenunion – führt zu einer weiter voranschreitenden Zentralisierung und Bürokratisierung des Wirtschafts- und Gesellschaftslebens. Die Staaten und nicht die Märkte werden zusehends die Geschicke der Volkswirtschaften bestimmen. Eigentlich müsste das in der breiten Öffentlichkeit heftigen Protest auslösen. Schließlich sollte die Erfahrung mit den osteuropäischen Regimen gelehrt haben, wohin das Verstaatlichen von Wirtschaft und Gesellschaft führt: zu wirtschaftlichem und kulturellem Niedergang. Wie also ist zu erklären, dass die „Alternativlosigkeit“ der „Euro-Rettungspolitiken“ von der Bevölkerung ganz offensichtlich mehrheitlich akzeptiert wird? Die Antwort ist in den politökonomischen Folgen zu finden, die aus dem „Fiat“-Geldsystem erwachsen.

Thorsten Polleit ist bei Degussa Goldhandel als Chefvolkswirt tätig. Er ist zudem Honorarprofessor an der Frankfurt School of Finance & Management. PR

Thorsten Polleit ist bei Degussa Goldhandel als Chefvolkswirt tätig. Er ist zudem Honorarprofessor an der Frankfurt School of Finance & Management.

Ob US-Dollar, Euro, japanischer Yen, chinesischer Renminbi, britisches Pfund oder Schweizer Franken: Allesamt sind sie Fiat-Geld (fiat vom lateinischen „so sei es“), und zwar seit Beginn der 70er Jahre des vergangenen Jahrhunderts, nachdem ihnen die Regierungen die Golddeckung entzogen haben. Fiatgeld zeichnet sich durch drei Eigenschaften aus. Erstens: Fiat-Geld ist staatliches Monopolgeld. Es wird von staatlichen Zentralbanken produziert, die das Geldangebotsmonopol innehaben. Zweitens: Fiat-Geld wird durch Bankkreditvergabe produziert, durch Kredite, die nicht durch „echte Ersparnis“ gedeckt sind; Fiat-Geld wird „ex nihilo“ geschaffen. Und drittens: Fiat-Geld ist per se wertlos, es hat die Form von mit Tinte bedruckten Papierzetteln und Einträgen auf Computerfestplatten („Bits and Bytes“).

Die Ausgabe von Fiat-Geld durch Bankkreditvergabe schafft zunächst einen künstlichen Aufschwung („Boom“). Die Ausweitung der Bankkredite drückt den Marktzins künstlich nach unten – und zwar unter das Niveau, das bestehen würde, wenn die Bankkreditvergabe nicht künstlich ausgeweitet worden wäre. Das setzt Investitionen in Gang, die nur dann rentabel sind, wenn der Zins immer weiter abgesenkt wird. Die im Zuge eines Fiat-Geld-Booms errichtete Produktions- und Beschäftigungsstruktur muss jedoch notwendigerweise früher oder später in sich zusammenbrechen, in einer Rezession-Depression enden, die umso schwerer ausfällt, je länger der Fiat-Geld-Boom angedauert hat.

Kommentare (8)

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rdlenkewitz

26.07.2013, 15:58 Uhr

Wer die Beiträge von Herrn Polleit liest wird viel von Ihm Bekanntes in dem Artikel wiedergefunden haben. Wie die Forderung des marktwirtschaftlichen Währungswettbewerb in einer digital-elektronischen Welt, praktisch umgesetzt werden soll, wird in dem Artikel nicht dargelegt. Die Marktwirtschaft ist ja nicht nur ausgehebelt wegen der staatlichen Eingriffe und grenzenlosen Geldschöpfung, sondern wurde ursprünglich ausgehebelt durch die Entkopplung von realen Werten und dem Gewinnmaximierungs-Boom in einer virtuellen Umgebung der digitalen Geldvermehrung. Ich schätze die Beiträge sehr aber es fehlt der Ausbruch, bzw. das Hinzuziehen anderer Sachverhalte damit die Forderungen von Herrn Polleit eine Chance zur Umsetzung erhalten.

321GleichReich

26.07.2013, 16:08 Uhr

Ich habe selten einen so gut geschrieben Artikel gesehen, der so klar eine "neue" Idee präsentiert. Klasse!

Die Frage für mich ist lediglich,ob es ohne einen großen Knall politisch realisierbar ist, einen Währungswettbewerb einzuleiten oder ob Politiker nicht lieber am bestehenden System lieber festhalten wollen.

Robert_Peel

26.07.2013, 16:37 Uhr

Ein erschreckend schwacher Beitrag.

Herr Polleit sollte sich doch einmal ein Buch zur Geldgeschichte kaufen. Den Ursprung des Fiat-Geldes in die 70er Jahre des letzten Jahrhunderts zu verlegen ist geradezu lächerlich.

Fiat-Geld hat es in Form von Wechseln und Zahlungsversprechen schon immer gegeben. Wirtschafts- und Handelskrisen hat es auch schon vor Einführung der Banknoten und des Papiergeldes gegeben.

Der Staat war ebenfalls schon immer ein tragender Faktor des Wirtschaftslebens. Die reine Marktwirtschaft gab es noch nie und dort wo sie so gerne herbeirealisiert wird, kommt es häufig zum gefürchteten Marktversagen.

Die Forderung nach einem Wettbewerb der Währungen ist vor dem Hintergrund der Münzvielfalt und des Banknotenwirrwars im 19. Jhr. völlig abwegig.

Mit dem Euro wurde das Gute gemeint. Die Fehlentwicklungen waren vorhersehbar. Nun muß sich die Realisierbarkeit zeigen. Über 65 Jahre Frieden in West-Europa sind keine Selbstverständlichkeit. Die Eurokrise darf nicht dazu herhalten, daß jeder sein publizistisches Steckenpferd totreitet.

Die Geldfrage ist zu wichtig, um als Spielwiese der Chefvolkswirte zu dienen. Die Wirtschaftskatastrophe 2006-2008 war auch eine Katastrophe der Chefvolkswirte.

Ein zersplitterter Währungsraum würde Europas Probleme auch nicht lösen. Das hat die Zeit der frei konvertiblen Währungen gezeigt.

Es wäre schon viel gewonnen, wenn die Regierungen endlich erkennen würden, daß Geldpolitik große Probleme verursachen - aber niemals im Alleingang lösen kann. Eine Vereinfachung, Beschränkung und Angleichung der Steuersysteme in Europa würde Wunder bewirken.

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