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15.02.2012

14:21 Uhr

Gastbeitrag

Warum Unternehmensgründer Krisenprofiteure sind

VonAlexander Kritikos

ExklusivDie Selbständigkeit boomt in Deutschland – trotz Krise. Mit staatlicher Hilfe hat das aber wenig zu tun, meint DIW-Ökonom Kritikos. Eher damit, dass Firmen-Neugründer gegenüber Angestellten entscheidende Vorteile haben.

Mit der "Ich-AG" wurden einst Arbeitslose vom Staat gefördert, wenn sie sich selbständig machen wollten. Heute gibt es nur noch Gründungszuschüsse. dpa

Mit der "Ich-AG" wurden einst Arbeitslose vom Staat gefördert, wenn sie sich selbständig machen wollten. Heute gibt es nur noch Gründungszuschüsse.

Ein Blick auf die Entwicklung der unternehmerischen Selbständigkeit in den letzten 20 Jahren offenbart im Vergleich zu anderen etablierten ‚westlichen’ Volkswirtschaften einen einmaligen Trend in Deutschland: Laut amtlicher Statistik des Mikrozensus hat sich die Zahl der Selbständigen zwischen 1991 und 2010 um 40 Prozent von 3 Millionen auf 4,3 Millionen nahezu kontinuierlich erhöht. Auch in den beiden Krisenjahren, also im Jahr 2001, als die Internetblase platzte, und im Jahr 2008, dem Jahr der Finanzkrise, verharrte die Zahl der Selbständigen immerhin jeweils auf dem Vorjahresniveau.

Erstaunlich ist, dass sich dieser in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommene Trend von vielen Entwicklungen abgekoppelt hat: Nicht nur von der Konjunktur, wie der kontinuierliche Anstieg veranschaulicht, sondern auch von der Entwicklung der Beschäftigten. Denn ein erheblicher Anstieg bei den Selbständigen war zum Beispiel vor knapp 10 Jahren zu beobachten, als die Zahl der abhängig Beschäftigten empfindlich zurück ging; der positive Trend hielt aber auch zuletzt an, als die Angestelltenzahl boomartig zunahm.

Wie erklärt sich die Zunahme der unternehmerischen Selbständigkeit in Deutschland, wenn sie weder mit der Konjunktur noch mit dem Geschehen auf den Arbeitsmärkten in einem offensichtlichen Zusammenhang steht? Ein erster Grund für die Zunahme ist die Entwicklung in Ostdeutschland. Bereits 15 Jahre nach dem Zusammenbruch des Sozialismus - also im Jahr 2004 - sind die neuen Bundesländer bei der Selbständigenquote an den westdeutschen Ländern vorbeigezogen, insbesondere weil die Gründungsneigung in Ostdeutschland – entgegen immer wieder geäußerten Vorurteilen - seit dem Jahr 1997 höher ist als im Westen.

In der Folge war im Jahr 2010 die Zahl der Selbständigen in Ostdeutschland mit 880.000 doppelt so hoch wie im Jahr 1991, dem Ausgangsjahr der Erhebung im Mikrozensus. Zumindest im Bereich der unternehmerischen Selbständigkeit scheinen die häufig zitierten ‚Nachholprozesse’ in Ostdeutschland abgeschlossen zu sein. Aber diese Entwicklung erklärt ganz offensichtlich nicht den zu beobachtenden Anstieg in ganz Deutschland.

Als zweiter Grund ist der Strukturwandel in Richtung Dienstleistung zu nennen. Dieser Wandel wirkt sich auch bei den Selbständigen aus: jeder zweite ist heute in diesem Bereich tätig. Gab es im Jahr 1991 nur etwas über 1 Million Menschen, die als Selbständige Dienstleistungen anboten, so zählen wir im Jahr 2010 weit mehr als 2 Millionen. Diese so genannte „Tertiarisierung“ hoch entwickelter Volkswirtschaften hat also auch vor Deutschland nicht halt gemacht. Da viele Bereiche des Dienstleistungssektors durch niedrige Eintrittsbarrieren und geringe Unternehmensgrößen gekennzeichnet sind, ist die Gründung in diesem Bereich im Vergleich zu anderen Branchen auch erheblich einfacher.

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