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10.09.2013

19:19 Uhr

Gastbeitrag

Wegducken geht nicht mehr, Thomas Bach!

Durch die Wahl zum IOC-Präsidenten wird Thomas Bach seinen Posten beim Deutschen Olympischen Sportbund aufgeben. Das kann dem deutschen Sport nur gut tun, meint der dreifache Olympiasieger Michael Groß.

Thomas Bach ist zum IOC-Präsidenten gewählt worden. Nun muss er über seinen Schatten springen und Reformen anstreben, meint unser Gastkommentator Michael Groß. dpa

Thomas Bach ist zum IOC-Präsidenten gewählt worden. Nun muss er über seinen Schatten springen und Reformen anstreben, meint unser Gastkommentator Michael Groß.

Nichts ist im Beruf schöner, als seine Lebensvision zu erfüllen. Das ist Thomas Bach gelungen. Er ist Präsident des IOC! Herzlichen Glückwunsch, viel Erfolg an der Spitze des olympischen Sports und alles Gute für die nächsten Jahre. Das Amt hat er seit Jahren, wenn nicht Jahrzehnten angestrebt, insgeheim und erst in den letzten Monaten, als es nicht mehr zu vermeiden war, auch öffentlich und offiziell.

Aber nicht nur er hat Grund zur Freude – auch der deutsche Sport. Und zwar nicht so sehr, weil das wichtigste Amt im Weltsport von einem Landsmann besetzt ist. Thomas Bach wird sein Amt als Präsident des Deutschen Olympischen Sportbunds aufgeben. Und dadurch ergibt sich die Chance, dass sich auch an der Spitze endlich etwas bewegt. Thomas Bach stand für verwalten, nicht gestalten. Geräuschlos und wenig ergebnisreich war sein Wirken. So verstrichen die Jahre seit der Fusion von NOK und DSB im Jahr 2006, ohne die Umsetzung dringend nötiger Reformen, wie neue Organisationsstrukturen im Spitzensport oder die bessere Verzahnung von Sport und Schule. Zuviel ist liegengeblieben.

Ex-Schwimmstar Michael Groß auf einem Foto aus dem Jahr 2003. dpa

Ex-Schwimmstar Michael Groß auf einem Foto aus dem Jahr 2003.

Von 2000 bis 2005 habe ich mit Thomas Bach zusammen im Präsidium des damaligen NOK für Deutschland gearbeitet. Er ist Meister im Taktieren und Mehrheiten finden. In Sitzungen meldete er sich eher selten zu Wort, dafür wurde auf dem Flur ein Thema „eingetütet“. Zu seinem Erfolgsmodell gehört bis heute, möglichst keine Fehler zu machen und persönlich unangreifbar zu sein. Im Zweifel „Ball flach halten“ und nur das nötigste sagen, als ein Risiko eingehen.

So ließ er die chancenlose Olympiabewerbung von Leipzig für das Jahr 2012 im IOC sang- und klanglos bereits in der Vorrunde untergehen. Peinlich für Deutschland, problemlos für ihn. Andererseits schmerzte ihn, dass München für die Winterspiele 2018 trotz seines ungewohnt offenen Einsatzes ebenfalls nicht zum Zuge kam. Das könnte er jetzt für 2022 ändern, wenn sich München wieder bewirbt - 50 Jahre nach den Sommerspielen 1972 an gleicher Stelle. Das wäre eine historische Tat: Keine Stadt war bisher im Sommer und im Winter Gastgeber des Weltsports!

Die Karriere von Thomas Bach

1971

Als Schützling des Tauberbischofsheimer Erfolgstrainers Emil Beck Dritter bei der Junioren-WM im Florett – sein erster großer Erfolg.

1973

Studium der Rechts- und Politikwissenschaften.

1975

Erste Aktivensprecher-Rolle im Deutschen Fechter-Bund.

1976

Olympiasieger in Montreal mit der Mannschaft. Zudem Weltmeister, ebenfalls mit der Mannschaft.

1977

Zum zweiten Mal Weltmeister mit der Mannschaft. Mitgliedschaft in der Athleten-Kommission des Deutschen Sportbundes.

1979

Mit WM-Bronze im Team beendete er seine Athletenkarriere. Vorsitzender der Athleten-Kommission des Deutschen Sportbundes (bis 1981).

1980

Frontmann beim vergeblichen Kampf gegen den bundesdeutschen Olympia-Boykott der Moskau-Spiele 1980.

1981

Von NOK-Präsident Willi Daume nominierter Sprecher der Athleten beim 11. Olympischen Kongress in Baden-Baden. Bis 1988 Mitglied der dort gegründeten Athleten-Kommission des Internationalen Olympischen Komitees.

1982

Persönliches Mitglied des deutschen NOK (bis 1991).

1983

Promotion (summa cum laude). Im selben Jahr Gründung einer eigenen Rechtsanwaltskanzlei.

1985

Zweijährige Tätigkeit beim Sportartikel-Hersteller Adidas als Direktor für Promotion.

1988

Vorsitzender des mittelständischem Beraterkreises des Bundeswirtschaftsministeriums.

1991

Auf Vorschlag des aus dem IOC zurückgetretenen Daume Aufnahme in das IOC als persönliches Mitglied und bis 1995 bereits Mitglied in fünf Kommissionen.

1994

Vorsitzender der Berufungskammer des Internationalen Sportgerichtshofes CAS.

1996

Erste Wahl in das Exekutivkomitee des IOC.

1998

Erstes Aufsichtsrats-Mandat mit Vorsitz bei der Michael Weining AG, dem bis 2009 fünf weitere Mandate in Aufsichtsräten, Beiräten und Verwaltungsräten folgen.

2000

Weitere vier Jahre Mitgliedschaft in der IOC-Exekutive als Vizepräsident.

2001

Vorsitz der juristischen Kommission im IOC sowie Sport und Recht.

2002

Vorsitz der Evaluierungskommission für die Winterspiele 2002. Vorsitzender der Disziplinarkommission bei Olympia.

2004

Vorsitz der Evaluierungskommission für die Sommerspiele 2004. Chefverkäufer für europäische TV- und Medienrechte.

2006

Zweite Vizepräsidentschaft im IOC. Gründungspräsident des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) als Fusion aus DSB und NOK. Von 2006 an Präsident der deutsch-arabischen Industrie- und Handelskammer Ghorfa.

2010

Dritte Vizepräsidentschaft. Damit gehört Bach der IOC-Regierung mehr als 15 Jahre an, mit verantwortlicher Arbeit in insgesamt neun Kommissionen.

Auf jeden Fall gilt: Wegducken geht jetzt nicht mehr, zumindest nicht immer. Ein Beispiel ist der Kampf gegen Doping im Sport. Mit Händen und Füßen wehrte er sich dagegen, in Deutschland das Doping in das Strafgesetzbuch aufzunehmen, obwohl der Sport allein offensichtlich überfordert ist, das Problem zu lösen. Nun ist er als Weltführer gefordert, seinen Laden sauber zu halten (übrigens nicht nur von Doping, auch von Korruption und Vetternwirtschaft). Es gibt viel zu tun. Nur markante Formeln, wie „Betrüger haben kein Platz bei Olympia“, reichen nicht. Erst wenn er es schaffen würde, Dopingsünder für immer von Olympia auszuschließen, hätte er, 1976 selbst Fechtolympiasieger, als IOC-Chef einen ersten wirksamen Treffer gelandet. Die vielen ehrlichen Sportler würden es ihm für immer danken.

Jeder Mensch kann sich ändern – jetzt hat Thomas Bach dazu die Chance. Durch seine Worte und vor allem Taten. Eigentlich könnte er, befreit vom jahrelangen Taktieren für die eigene Person, nun die vielen dringenden Themen im IOC und Weltsport voranbringen – letztlich im Interesse des Sports und der Sportler: Das ist eine Vision, hoffentlich auch seine.

Michael Groß (49), dreifacher Olympiasieger im Schwimmen, ist heute Unternehmensberater für Change Management und Talent Management sowie Autor, jüngst erschien sein Fachbuch „Selbstcoaching“.

Kommentare (10)

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el_magnifico

10.09.2013, 19:27 Uhr

el presidente.

Der_Korrupte

10.09.2013, 20:13 Uhr

Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich.

Account gelöscht!

10.09.2013, 20:31 Uhr

Wunderbar. Ein großartiger Tag für Deutschland und für den Sport im allgemeinen.

Wenn einer diesen verantwortungsvollen Posten verdient hat, dann der Thomas. Ein Kämpfer und Gentleman vom Scheitel bis zur Sohle, der das IOC in noch größere und finanziell erfolgreiche Dimensionen führen wird. So einfach ist das !

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