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24.07.2014

14:39 Uhr

Gastbeitrag

„Welch eine Schande für Deutschland!“

VonStephan Kramer

Stephan Kramer ist entsetzt über „Judenhassfeste“ in Deutschland. Das sei keine Folge des Nahostkonflikts, ist der Antisemitismusexperte des American Jewish Committee überzeugt. Deswegen müssten die Demokraten umdenken.

Stephan Kramer ist Antisemitismusbeauftragte des American Jewish Committee. picture-alliance - dpa

Stephan Kramer ist Antisemitismusbeauftragte des American Jewish Committee.

Schon lange hat es in Deutschland nicht mehr so viel Spaß gemacht, Antisemit zu sein. Nicht, dass sich unsere Feinde bisher besondere Zurückhaltung auferlegt hätten. Das hatten sie auch gar nicht nötig. Nicht nur an Stammtischen oder bei Parteiveranstaltungen der NPD, sondern auch in der Mitte der Gesellschaft, bei braven Bürgern ebenso wie bei selbsternannten Gutmenschen brodelte der Zorn auf die bösen Juden.

Ich selbst habe das auf vielfache Weise erlebt, wobei Hassbriefe, die mich erreichten, nur eine Variante des Judenhasses waren. Als ich vor knapp zwei Jahren am Versöhnungstag in Berlin die Synagoge verließ, wurde ich von einem wildfremden Passanten bedroht und angepöbelt. Zum Glück kam es nicht zu Handgreiflichkeiten oder schlimmerem. Auch gehöre ich nicht unbedingt zu den besonders angsterfüllten Zeitgenossen. Trotzdem war es ein Schock, auf diese Weise als Jude angegriffen zu werden. Insofern bin ich dem Phänomen Antisemitismus keineswegs nur theoretisch begegnet.

Es gab auch subtilere Ausfälle gegen Juden, so etwa bei der vor Ressentiments und Hass strotzenden deutschen Beschneidungsdebatte vor zwei Jahren. Damals wurden Juden geradezu mit Wonne unter dem Stichwort Barbaren und Kinderquäler abgehakt. Und bei dem als Israel-Kritik notdürftig verbrämten Antisemitismus war das Feigenblatt schon immer viel kleiner als das, was dahinter steckte.

Dennoch hat die Freiheit des Judenhasses seit Beginn der israelischen Verteidigungsoperation im Gazastreifen neue Gipfel erreicht. So ungeniert und so massiert waren die Rufe „Nazimörder Israel“ oder auch schlicht „Juden ins Gas“ bisher nun noch nicht zu hören. Auch die gewalttätige Pogromstimmung, die bei den so genannten Friedensdemos aufkam (wie kamen die Medien eigentlich dazu, von Friedensdemos zu sprechen?) war in dieser Dimension neu.

Wie befreiend muss das doch nicht nur für die Skandierenden und die Randalierenden, sondern auch für deren Sympathisanten landauf landab gewesen sein. Und welch eine Schande für Deutschland! Es tat gut, dass es auch Gegenstimmen gab, bis hin zu den Parteienspitzen, Bundesministerin, der Bundeskanzlerin und zum Bundespräsidenten, die dies mit klaren Worten verurteilten. Dennoch waren diese Stimmen nach meinem Empfinden nicht zahlreich genug.

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