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12.06.2013

09:43 Uhr

Gastbeitrag

Wenn Porsche nicht produzieren kann

VonVolker Steimle

Bei Kartoffeln drohen wegen des Hochwassers regionale Lieferausfälle, Porsche konnte in einem Werk kurzzeitig wegen der Flut nicht produzieren. Doch wer haftet in so einem Fall? Ein Jurist gibt Antworten.

Auf Firmen können Schadenersatz-Forderungen zukommen, wenn sie nicht liefern können. dpa

Auf Firmen können Schadenersatz-Forderungen zukommen, wenn sie nicht liefern können.

Der Automobilhersteller Porsche musste vor wenigen Tagen zeitweise die Produktion in seinem Leipziger Werk unterbrechen. Grund: Die Anlieferung von Teilen aus Tschechien war ins Stocken geraten. Auch andere Unternehmen sind in Mitleidenschaft gezogen und versorgen Kunden – wenn möglich – zunächst aus Lagerbeständen.

Rechtsanwalt Volker Steimle. PR

Rechtsanwalt Volker Steimle.

Ohne Zweifel: Von den Überschwemmungen betroffene Unternehmen erleben derzeit schwierige Zeiten. Im Zeitalter der Echtzeit-Lieferbeziehungen („Just in time“) kann eine unterbrochene Logistikkette, insbesondere aber das überschwemmte Firmengelände, eine Art Dominoeffekt bei einem Lieferanten auslösen. Fällt beispielsweise bei einem Zulieferunternehmen die Produktion aus, bedingt das unter Umständen den Fertigungsstillstand auch großer Kunden wie etwa von Porsche. Jede Stunde eines solchen Fertigungsausfalls führt dabei zu enormen Schadensbeträgen und der unweigerlichen Frage, ob der Lieferant für derartige Schäden haftet.

Bei den Lieferterminen, wie sie in für industrielle Just-in-Time-Verträge üblichen Lieferabrufsystemen festgesetzt werden, handelt es sich im Rechtssinne typischerweise um Fixtermine. Werden solche Termine vom Lieferanten verpasst, führt dies im Regelfall direkt in den Lieferverzug. Das heißt, der Zulieferer haftet für die hierdurch verursachten Schäden. Ausnahme: Ein vertraglicher Haftungsausschluss ist vereinbart. Grundsätzlich haftet ein Unternehmen im Falle des Lieferverzugs auch unabhängig von der Größe und auch für die Lieferung bloßer „Pfennig-Teile“ – und zwar unbegrenzt für entgangene Erlöse, soweit die Fertigung nicht später nachgeholt werden kann.

Versicherer schätzen Flut-Schäden

Allianz

Das Hochwasser in Deutschland wird die Allianz nach Analystenschätzungen etwas teurer zu stehen kommen als die Flut 2002. JP-Morgan-Analyst Michael Huttner veranschlagt die Schadensumme für den deutschen Marktführer im Inland in einer Kurzstudie auf 350 Millionen Euro. Das wäre mehr als die 330 Millionen Euro vor elf Jahren.

(Stand: 10. Juni 2013)

Gartenbau Versicherung

Ein Spezialist unter den Versicherer: Dennoch wird die Gesellschaft wohl mehrere Millionen Euro an Schäden begleichen müssen. Allein in Sachsen sei mit einem Schaden von zwei Millionen Euro zu rechnen.

(Stand: 4. Juni 2013)

Gothaer Versicherung

Dem Unternehmen sind etwa 1000 Schäden gemeldet worden mit einem Schadensvolumen von etwa 20 Millionen Euro. Vorstandschef Thomas Leicht rechnet mit einem weiteren Anstieg auf das Niveau der Flut von 2002 – damals seien Schäden in Höhe von 30,2 Millionen Euro gemeldet worden.

(Stand. 7. Juni 2013)

R+V Versicherung

Bei der Versicherung der Volks- und Raiffeisenbanken sind etwa 2.000 Berichte über Schäden eingegangen und es sei kein Ende in Sicht, so eine Sprecherin. Es werde ein „Spitzenschaden“.

(Stand: 6. Juni 2013)

Signal Iduna

Die Versicherung erwartet einen Schaden von bis zu 50 Millionen Euro und damit mehr als im Jahr 2002.

(Stand: 10. Juni 2013)

SV SparkassenVersicherung

Die Gesellschaft rechnet mit einem Schaden in Höhe von 40 Millionen Euro auf Basis von insgesamt 7.500 Schadensmeldungen.

(Stand: 10. Juni 2013)

Versicherungskammer Bayern

Die Gesellschaft rechnet mit einem Schaden von 40 Millionen Euro.

(Stand: 5. Juni 2013)

Württembergische Versicherung

Das Unternehmen rechnet mit einem Schadenaufkommen von gut 50 Millionen Euro. 2002 hatten die Überschwemmungen an Oder und Elbe 44 Millionen Euro gekostet.

(Stand: 10. Juni 2013)

Versicherter Schaden 2002

Deutschlandweit belief sich der versicherte Schaden des als Jahrhundertflut bezeichneten Elbe-Hochwassers vor elf Jahren auf 1,8 Milliarden Euro. In ganz Europa mussten die Versicherer damals nach Daten der Münchener Rück 3,5 Milliarden Euro zahlen.

Versicherter Schaden 2013

Der Branchenverband GDV geht von Kosten aus, die über denen von 2002 liegen. Der Schaden würde in Deutschland also die Marke von 1,8 Milliarden Euro übersteigen. Experten des Dienstleister Aon gehen sogar von vier Milliarden Euro Schäden für die deutsche Versicherungswirtschaft aus. Die Ratingagentur Fitch erwartet immerhin 2,5 bis 3 Milliarden Euro.

(Stand: 12. Juni 2013)

Allerdings setzt diese Schadensersatzpflicht nach deutschem Recht voraus, dass ein Unternehmen die verzögerte Lieferung auch zu vertreten hat. Soweit es nicht eigene Vorsorgemaßnahmen schuldhaft versäumt hat und auch keine Möglichkeit hat, eine anderweitige Belieferung des Kunden mit angemessenen Mitteln sicherzustellen, haftet es etwa bei einem nicht vorhersehbaren Unwetter im Regelfall nicht für Schäden aus Lieferverzug.

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