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07.04.2014

16:57 Uhr

Gastbeitrag

Wie die Energiewende ein Exportschlager wird

VonWolfgang Tiefensee

Eine Handelsblatt-Studie sieht Deutschlands Vorbildrolle bei der Energiewende in Gefahr. So dramatisch ist die Lage aber nicht, sagt SPD-Politiker Tiefensee. Das Projekt könne immer noch ein Exportschlager werden.

Wolfgang Tiefensee ist wirtschafts- und energiepolitischer Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion. ap

Wolfgang Tiefensee ist wirtschafts- und energiepolitischer Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion.

Internationale Vergleichsstudien zur Energiewende sind aufschlussreich. Will man sie bewerten und seine Schlussfolgerungen daraus ziehen, sind die zugrunde gelegten Bewertungskriterien von besonderem Interesse. Das gilt auch für die aktuelle Studie „Neue Impulse für die Energiewende“. Eine wichtige Feststellung wird da vorangestellt: Die Energiepolitik in den Ländern basiere auf sehr unterschiedlichen Ausgangslagen „hinsichtlich topografischer und meteorologischer Voraussetzungen“. So weit so gut. Aber wird dem im Weiteren tatsächlich genügend Rechnung getragen? Ich meine nicht.

Beim Kriterium CO2-Reduktion beispielsweise muss Deutschland zwangsläufig gegenüber Norwegen und Schweden mit deren Wasserpotential zurückliegen, gegenüber Frankreich wegen seiner Atomkraft. Ohne Atom- und Wasserkraft ist Deutschland nämlich gezwungen, auf absehbare Zeit neben den regenerativen Energien auf fossile Energieträger zu setzen. Das gilt sowohl für den Strombereich als auch für Wärme und Mobilität. Was ist nun ein Vergleich wert, der den Ausstieg aus der Kernenergie bei der Wertung nicht berücksichtigt? Mehr noch: Der Fragen der Sicherheit der Kernkraftwerke, gesparte Kosten für Rückbau und Endlagerung nicht positiv in die Betrachtung einfließen lässt?

HRI-Studie: Wie Deutschland abschneidet

Verkehr

Im Ranking des Handelsblatt Research Instituts belegt Deutschland bei der Ist-Analyse den ersten Platz, die Schweiz folgt auf Platz 2, Platz 3 belegt Österreich. Deutschland verfüge etwa über ein gut ausgebautes Schienennetz und weise im weltweiten Vergleich einen hohen Anteil an Biokraftstoffen aus, heißt es in der Studie.

Unternehmen

In der Beurteilung des Ist-Zustandes im Bereich Unternehmen schneidet Deutschland laut den Autoren der Studie gut ab und belegt den vierten Platz. Spitzenreiter ist die Schweiz, dort verbrauche die Industrie besonders wenig Energie und CO2, außerdem zeichne sich das Land mit einem hohen Anteil an Biomasse an der Energieerzeugung in der Industrie aus, heißt es in der Studie.

Energieerzeugung

Im Bereich Energieerzeugung belegt Deutschland in der Ist-Bewertung den 11. Platz. Auf den ersten Plätzen liegen Österreich (1), Italien (2) und Norwegen (3). Österreich sei im Vergleich Vorreiter bei der Effizienz der Energieerzeugung, zudem habe es einen hohen Anteil erneuerbarer Energien.

Haushalte

Im Bereich Haushalte belegt Deutschland nur den 20. Platz. Brasilien und China sind dagegen auf Rang 1 und 2. Ihre Haushalte verbrauchen besonders wenig Energie.

Wirtschaftlichkeit

In Sachen Wirtschaftlichkeit liegen Kanada und die USA auf den beiden vorderen Plätzen, Deutschland hingegen belegt nur den 19. Platz.

Versorgungssicherheit

Bei der Versorgungssicherheit belegt Deutschland den neunten Platz, kurz hinter Frankreich. Deutschland sei stark von Energieimporten abhängig, urteilen die Autoren. Die Spitzenplätze nehmen Kanada und Norwegen ein.

In der Studie heißt es: „Erst eine technologieneutrale Vorgehensweise ermöglicht einen objektiven Vergleich von 24 Ländern mit in vielerlei Hinsicht unterschiedlichen Voraussetzungen.“ Mein Fazit: So nimmt die Aussagekraft der Studie dramatisch ab.

Faktor Nummer eins, unsere geographische Lage. Sie bringt es mit sich, dass Deutschland einen Energiemix der Energieträger braucht. Sonne, Wind und Wasser stehen uns in nur durchschnittlichem Maße zur Verfügung und sind daher relativ schwer zu prognostizieren.

Faktor Nummer zwei, die industrielle Dichte hierzulande. Deutschland besitzt im Vergleich zu den anderen Ländern einen wesentlich höheren Anteil an produzierendem Gewerbe. Zum Glück und zur Hebung der Wirtschaftskraft ganz Europas. Entsprechend hoch ist der Energiebedarf. Deutschland ist ein Industrieland, historisch betrachtet nicht zuletzt wegen seiner Kohlevorkommen. Das Kohlezeitalter neigt sich dem Ende zu, die Ära regenerativer Energien ist längst angebrochen.

Kommentare (3)

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Account gelöscht!

07.04.2014, 17:28 Uhr

Artikel: "Was ist nun ein Vergleich wert, der den Ausstieg aus der Kernenergie bei der Wertung nicht berücksichtigt? Mehr noch: Der Fragen der Sicherheit der Kernkraftwerke, gesparte Kosten für Rückbau und Endlagerung nicht positiv in die Betrachtung einfließen lässt?"

Das war halt unser grober Fehler - aus der Kernenergie auszusteigen!

Sicherheit: Wir betreiben in Europa seit über 40 Jahren Kernkraftwerke - ohne Menschenleben zu fordern. Das wird auch so bleiben, weil durch technischen Fortschritt Kernkraftwerke noch sicherer werden.
Tschernobyl war eine Fehlkonstruktion und eher ein Verbrechen als ein Unfall (siehe einschlägige Beschreibungen des "Unfalls", z.B. Wiki).
Wir haben in Deuschland keine Erdbeben und Tsunamis wie in Fukushima, die fast 20000 Tote fordern. Und selbst wenn, in deutschen Kernkraftwerken wäre so etwas nicht passiert, da die Sicherheitsvorschriften viel strenger sind. (Man hätte in Fukushima nur die Dieselgeneratoren höher stationieren müssen.)

Für die Rückbaukosten wurden bereits Rückstellungen gebildet.

Endlagerung ist ein leicht zu bewältigendes Problem. Wir haben u.a. in Herfa-Neurode (siehe Wiki) schon jetzt etwa 100-mal mehr chemischen Giftmüll endgelagert als wir jemals Atommüll produzieren werden. Atommüll ist also unser kleinstes Problem. Außerdem sollte man den Atommüll gut "aufbewahren", schon jetzt lässt er sich (allerdings ziemlich teuer) zu neuem Kernbrennstoff aufbereiten. Diese zwar gefährlichen und exotischen Stoffe werden sicher irgendwann nachgefragt werden - das ist das Geschäftsmodell von Herfa-Neurode bei chemischen Giftmüll. Man muss nur professionell und sorgfältig damit umgehen und es nicht irgendwelchen Staatsdienern überlassen, sonst passiert wieder sowas wie in Asse.



Account gelöscht!

07.04.2014, 18:13 Uhr

Diese Energiewende macht uns kein Land nach weil sie für die meisten Länder unbezahlbar ist. Ob wir sie uns auf Dauer leisten können muß sich erst noch zeigen.

Account gelöscht!

07.04.2014, 20:35 Uhr

Zitat: "Was ist nun ein Vergleich wert, der den Ausstieg aus der Kernenergie bei der Wertung nicht berücksichtigt? Mehr noch: Der Fragen der Sicherheit der Kernkraftwerke, gesparte Kosten für Rückbau und Endlagerung nicht positiv in die Betrachtung einfließen lässt?"
Welche gesparten Kosten? Die Rechnung zu den gesparten Rückbau- und Endlagerkosten würde mich mal brennend interessieren. Durch das Endlagersuchgesetz und die faktische Aufgabe von Gorleben wird es jetzt doch erst richtig teuer. Und der postulierte Mehrwert bei der Sicherheit ist angesichts all der weiteren KKW in der Nähe der deutschen Grenzen völlig vernachlässigbar.

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