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18.02.2013

16:08 Uhr

Gastbeitrag

Wie Notenbanken eine Währungskrise provozieren

VonThorsten Polleit

Wirtschaftliche Probleme mit der Notenpresse zu lösen, ist genauso falsch, wie pleitebedrohte Staaten auf diese Weise zu retten. Weltweite Turbulenzen könnten die Folge sein, warnt der Degussa-Chefökonom.

Dr. Thorsten Polleit ist Chefvolkswirt der Degussa Goldhandel GmbH. PR

Thorsten Polleit

Dr. Thorsten Polleit ist Chefvolkswirt der Degussa Goldhandel GmbH.

Nach Jahren der „Krise“ stellen nun viele Forschungsinstitute und Ökonomen eine Besserung der weltweiten Wirtschaftsaktivität in Aussicht. Diese Einschätzung scheint untermauert zu werden von stark steigenden Aktienkursen und deutlich sinkenden Risikoprämien in den Zinsen, welche Staats- und Bankschuldner zahlen müssen, die kürzlich noch als wenig solide angesehen wurden. Doch all das sollte mit Vorsicht interpretiert werden. Denn bekanntlich verspricht nicht jedes Licht am Ende des Tunnels etwas Gutes – das Licht, das sich am Ende des Tunnels zeigt, kann schließlich auch von einem entgegenkommenden Zug stammen.

Und in der Tat spricht einiges dafür, dass die internationale Finanz- und Wirtschaftskrise, die seit Mitte 2007 die Welt in Atem hält, noch nicht überwunden ist. Vielmehr scheint sich die Krise, die anfänglich eine „Kreditkrise“ war, nun in eine „Währungskrise“ zu wandeln.

Im Zuge der amerikanischen „Subprime-Krise“ zweifelten Investoren daran, dass Banken – und nachfolgend vor allem auch Staaten – ihren Zahlungsverbindlichkeiten nachkommen könnten. Die Kreditzinsen zogen daraufhin drastisch an.

Viele Banken- und Staatsdauerschuldner waren darauf nicht eingestellt. Entweder waren sie nicht in der Lage oder zuweilen auch nicht willens, dauerhaft höhere Zinsen für ihre Schulden zu bezahlen, geschweige denn mit der Rückzahlung ihrer Schulden zu beginnen.

Für viele Banken blieb der Kreditmarkt ganz und gar verschlossen, sie hätten weder fällige Verbindlichkeiten bedienen noch neue Kredite aufnehmen können. Besonders prekär entwickelte sich die Kreditkrise im Euroraum der 17 Nationalstaaten.

Steckt die Welt im Währungskrieg?

Warum hat der Euro an Wert gewonnen?

Der Höhepunkt der Euro-Krise im Jahr 2012 war ein Tiefpunkt für den Euro. Der Wechselkurs fiel bis auf 1,20 Dollar. Seitdem hat sich die europäische Währung wieder erholt. Aktuell notiert sie bei 1,35 Dollar.
Für Europas obersten Währungshüter, EZB-Chef Mario Draghi, ist klar: „Die Aufwertung ist ein Zeichen der Rückkehr des Vertrauens in den Euro.“ Dazu kam die sehr lockere Geldpolitik in Japan und den USA: Die dortigen Notenbanken öffneten ihre Geldschleusen extrem weit, machten damit ihre Währungen billig. Das funktioniert so: Investoren verkaufen Wertpapiere in Dollar oder Yen (zum Beispiel an die Zentralbank, die sie ihnen mit frisch gedrucktem Geld abnimmt) und kaufen stattdessen welche in Euro. Als Konsequenz ändern sich die Wechselkurse - die „Preise“ für Währungen, die Angebot und Nachfrage widerspiegeln.

Welche Ziele verfolgen die Notenbanken in den USA und Japan?

Draghi ist überzeugt: Es geht nicht um einen „Währungskrieg“ oder einen Wettlauf um die billigste Währung. Vielmehr seien die aktuellen Wechselkursbewegungen ein Nebeneffekt der diversen Bemühungen, die Wirtschaft anzuschieben. Allerdings ist der Ansatz der Notenbanken teils völlig verschieden: Während Preisstabilität vorrangiges Ziel der EZB ist, hat die US-Notenbank Fed explizit einen doppelten Auftrag: Stabile Preise und möglichst hohen Beschäftigungsstand. „Man löscht dann dort eben das Feuer, das am heißesten brennt“, erklärt Commerzbank-Notenbankexperte Bernd Weidensteiner. In Japan übte die Regierung massiv Druck auf die Notenbank aus, die Geldschleusen noch weiter zu öffnen - ein fatales Signal, wie Bundesbank-Präsident Jens Weidmann meint: Die Unabhängigkeit der Zentralbank sei essenziell.

Wie reagiert die Europäische Zentralbank?

EZB-Präsident Draghi erklärte, die Notenbank habe die Euro-Aufwertung als potenzielles Risiko für Konjunktur und Geldwertstabilität im Auge. In einen „Währungskrieg“ will sich die EZB aber bisher nicht hineinziehen lassen - auch weil geldpolitische Schritte zur gezielten Euro-Abwertung Reformen der Krisenstaaten bremsen könnten. „Bei einem Krieg gibt es immer nur Verlierer“, sagte EZB-Direktor Jörg Asmussen dem „Handelsblatt“. „Wenn andere Notenbanken einen anderen Weg gehen, müssen wir dem nicht automatisch folgen.“

Wer profitiert von einem starken Euro?

Für Verbraucher in Deutschland bringt ein starker Euro mehrere Vorteile: Urlaubsreisen in ferne Länder werden tendenziell günstiger, ebenso wie der Sprit an der Tankstelle. Tendenziell werden alle importieren Waren günstiger. Auch Unternehmen, die für ihre Produktion Rohstoffe wie Erdöl einführen müssen, können preiswerter einkaufen. Denn diese Rohstoffe werden in Dollar abgerechnet.

Wem schadet ein starker Euro?

Vor allem der deutschen Exportwirtschaft. Seit Sommer 2012 hat der Euro zu vielen Währungen aufgewertet. Waren aus dem Euroraum werden im außereuropäischen Ausland tendenziell teurer, das könnte die konjunkturelle Erholung im Euroraum gefährden. Deutsche Maschinenbauer spüren den stärkeren Euro bereits, weil ihre Produkte gegenüber der Konkurrenz aus den USA oder Asien teurer werden. Doch während sich deutsche Maschinen, Autos und Elektroprodukte auch über guten Ruf und Qualität verkaufen, dürfte der erstarkte Euro vor allem Euro-Krisenländern wie Griechenland, Portugal und Spanien zu schaffen machen. Allerdings bezweifelt EZB-Direktoriumsmitglied Asmussen, dass das Wechselkursthema entscheidend ist für die Wettbewerbsfähigkeit dieser Länder: „Da geht es um Lohnstückkosten, Bürokratiekosten, mangelnde Produktivität und überregulierte Produktmärkte.“

Ist der Euro gegenüber Dollar oder Yen schon überbewertet?

Laut Draghi bewegt sich der Euro in der Nähe seines langfristigen Durchschnittswerts. 2008 hatte der Euro mal beinahe 1,60 US-Dollar gekostet, 2003 weniger als 90 US-Cent. Glaubt man dem „Big-Mac-Index“ des Magazins „Economist“, dann ist der japanische Yen gegenüber Euro und US-Dollar noch unterbewertet. Der Index vergleicht den Preis für den gleichen Burger in verschiedenen Währungsräumen. Demnach kostete der Big Mac in den USA im Januar 4,37 Dollar, im Euroraum 4,88 Dollar, in Japan nur 3,51 Dollar. Bereinigt um die Wirtschaftskraft pro Kopf ist der Burger damit in Japan um 17,1 Prozent zu billig, in der Eurozone aber um 20,8 Prozent zu teuer. In Deutschland kostet der Big Mac übrigens demnach „nur“ 17,7 Prozent mehr als in den USA, in Griechenland aber 28,1 Prozent, in Italien sogar satte 34,6 Prozent mehr.

Im Versuch, die Kreditkrise zu entschärfen, sprangen die strauchelnden Staaten ihren Geldhäusern bei – mit der Folge, dass nun die Staaten in das Fadenkreuz skeptischer Investoren gerieten. Und das zu Recht: Schließlich überstiegen die Garantien, die die Regierungen für Banken aussprachen, die Leistungsfähigkeit der Staatsfinanzen beziehungsweise die Steuerkraft ihrer Bürger.

Man bedenke nur einmal, dass die Bilanz des Euro-Bankenapparates sich auf 33.344 Milliarden Euro beläuft (bei einem Eigenkapital von nur 2.336 Milliarden Euro), das entspricht etwa 356 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP) im Währungsraum der 17 Staaten! Zum Vergleich: Die Bankbilanz in den Vereinigten Staaten von Amerika beläuft sich lediglich auf 81 Prozent des BIP, in Japan auf „nur“ 182 des BIP.

Die Chronologie des Euro

1. Juli 1987

Das Ziel Währungsunion wird im EG-Vertrag verankert.

7. Februar 1992

Unterzeichnung des EU-Vertrages von Maastricht, der die Währungsunion bis 1999 vorsieht und Beitrittskriterien festlegt.

1. November 1993

Ratifizierung des Maastricht-Vertrages. Aus den Europäischen Gemeinschaften (EG) wird die Europäische Union (EU). Dezember 1995: Als Einheiten der neuen Währung werden Euro und Cent festgelegt.

16. und 17. Juni 1997

Verabschiedung des Stabilitäts- und Wachstumspakts in Amsterdam. Einigung auf die „europäische Seite“ für die Münzen.

25. März 1998

Die EU-Kommission und das Europäische Währungsinstitut (EWI), Vorläufer der Europäischen Zentralbank (EZB) empfehlen elf Länder für den Start der Währungsunion. Außen vor bleiben aus freien Stücken Großbritannien, Dänemark, Schweden sowie Griechenland, das die Kriterien noch nicht erfüllt.

1. bis 3. Mai 1998

Ein Sondergipfel der EU-Gremien gibt in Brüssel grünes Licht für den Euro. Die Staats- und Regierungschefs bestimmen den 1. Januar 1999 als Start der Währungsunion.

31. Dezember 1998

Die Wirtschafts- und Finanzminister der EU legen den Umrechnungskurs des Euro zu den elf Teilnehmerwährungen endgültig fest. Danach ist ein Euro 1,95583 D-Mark wert.

1. Januar 1999

Der Euro wird gemeinsame Währung der elf Länder. In Euro bezahlt werden kann per Scheck, Kredit- oder EC-Karte. Das alte nationale Geld bleibt noch das allein gültige Zahlungsmittel.

4. Januar 1999

Die Finanzmärkte nehmen den Handel mit Euro auf.

Juli 1999

Die Herstellung des neuen Bargelds läuft an.

1. Januar 2001

Griechenland wird nach Erfüllung der Beitrittskriterien zwölftes Euroland-Mitglied - allerdings mit frisierten Haushaltszahlen, wie sich später herausstellt.

1. September 2001

Beginn der Ausgabe von Noten und Münzen an Banken und Handel.

1. Januar 2002

Der Euro wird gesetzliches Zahlungsmittel.

1. März 2002

Die D-Mark verliert ihre Gültigkeit, kann aber weiterhin gegen Euro eingetauscht werden.

1. Mai 2004

Zehn Länder in Mittel- und Osteuropa sowie im Mittelmeerraum werden neue EU-Mitglieder. Sie müssen die Gemeinschaftswährung übernehmen, sobald sie die Konvergenzkriterien erfüllen.

1. Januar 2007

Als erster der neuen EU-Staaten wird Slowenien 13. Mitgliedsland der Euro-Zone. Ein Beitrittsgesuch Litauens wird hingegen von der EU-Kommission wegen überhöhter Inflation abgelehnt.

1. Januar 2008

Malta und die Republik Zypern führen den Euro ein.

1. Januar 2009

Die Slowakei führt den Euro ein.

Frühjahr 2010

Griechenland kommt in immer größere Finanznöte und muss als erstes Euroland Milliardenhilfen beantragen. Damit nimmt eine Schuldenkrise ihren Lauf, die sich trotz neuer Milliarden-Hilfspakete auch für Irland und Portugal bis Ende 2011 dramatisch verschärft.

1. Januar 2011

Zum Auftakt des schlimmsten Krisenjahres führt Estland den Euro ein - als erste frühere Sowjetrepublik. Damit leben gut 330 Millionen Menschen im Euro-Raum mit 17 Mitgliedsländern.

April 2011

Nach einem Hilferuf aus Lissabon setzt die EU ein Rettungspaket für Portugal in Gang. Höhe: Rund 80 Milliarden Euro. Schäuble sieht die Gefahr einer Ausbreitung der Krise zunächst als gebannt an: „Die Ansteckungsgefahr ist geringer geworden.“

Sommer 2011

Athen beantragt ein zweites Hilfspaket. Es beläuft sich schließlich auf 159 Milliarden Euro. Erstmals beteiligen sich auch private Gläubiger Athens, ihr Anteil beträgt rund 50 Milliarden Euro.

Herbst 2011

Nach einem Doppelgipfel beschließen die Euro-Länder das bislang dickste Paket zur Eindämmung der Krise: Griechenlands Schulden werden um 50 Prozent gekappt. Das im Juli beschlossene 109-Milliarden-Programm wird modifiziert: Nun soll es zusätzliche öffentliche Hilfen von 100 Milliarden Euro geben, sowie Garantien von 30 Milliarden Euro, mit denen der Schuldenschnitt begleitet wird. Die Schlagkraft der EFSF soll auf rund eine Billion Euro erhöht werden. Zudem müssen Europas Banken ihr Kapital um mehr als 100 Milliarden Euro aufstocken.

Frühjahr 2012

Die Eurogruppe einigt sich auf eine Stärkung ihrer Rettungsschirme auf maximal 800 Milliarden Euro. Die spanische Regierung beschließt das größte Sparpaket seit Wiedereinführung der Demokratie im Jahr 1977 in Höhe von 27 Milliarden Euro.

Sommer 2012

Nach langem Zögern flüchten Spanien und auch Zypern unter den Euro-Rettungsschirm. Der Finanzierungsbedarf beider Länder zur Rekapitalisierung ihres Bankensektors ist noch unklar.

1. Januar 2017

Der Euro wird 15 Jahre alt. Doch es gibt wenig zu feiert. In der großen Koalition wächst die Sorge vor einer neuen Euro-Krise - und das ausgerechnet im Wahljahr 2017. Die Krisenherde: Italien, Griechenland, Portugal und Frankreich. Die gute Lage in Deutschland gilt dagegen unter Experten als Sonderfall.

Es kam, wie es kommen musste: Die immensen Zahlungsausfallrisiken der Euro-Banken weckten Zweifel an der Rückzahlbarkeit vieler Staatsschulden. Man versuchte dem heraufziehenden Debakel Herr zu werden, indem eine Haftungsgemeinschaft ins Leben gerufen wurde – die heute den Namen „Europäischer Stabilitätsmechanismus“ (ESM)“ trägt: Staaten, die finanziell noch relativ gut dastehen, sollen jetzt die Zahlungsverpflichtungen von anderen Ländern und deren Banken absichern, die missgewirtschaftet und sich finanziell übernommen haben.

Doch auch diese Strategie hätte wohl ihr Ziel verfehlt, das Vertrauen der Investoren zurückzugewinnen, hätte die Europäische Zentralbank (EZB) nicht eingegriffen.

Kommentare (8)

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Account gelöscht!

18.02.2013, 17:40 Uhr

Vielen Dank für die aussagekräftige Darstellung der exzessiven monetären Gewalt.

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Zitat Dr. Polleit

"...Man bedenke nur einmal, dass die Bilanz des Euro-Bankenapparates sich auf 33.344 Milliarden Euro beläuft (bei einem Eigenkapital von nur 2.336 Milliarden Euro), das entspricht etwa 356 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP) im Währungsraum der 17 Staaten! Zum Vergleich: Die Bankbilanz in den Vereinigten Staaten von Amerika beläuft sich lediglich auf 81 Prozent des BIP, in Japan auf „nur“ 182 des BIP...

Es wäre daher auch verfrüht, von einem Ende der Krise sprechen zu wollen. Denn wenn die Geldpolitiken weiterhin versuchen, Zahlungsausfälle mit tiefen Zinsen und Geldmengenausweitung zu verhindern, besteht die akute Gefahr, dass aus einer Kreditkrise eine Währungskrise wird."

Account gelöscht!

18.02.2013, 17:50 Uhr


Gute und schlüssige Analyse. Warten wir mal auf die Hauskritiker.

Account gelöscht!

18.02.2013, 17:54 Uhr

Es reicht auf Google Dr.NorbertLeineweber und Polleit einzugeben, dann gelangt man zur WIWO. Dort schreibt Polleit glatt was anderes! Wir haben kommentiert und verweisen auf fortunanetz.

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