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07.10.2014

15:28 Uhr

Gastbeitrag zu Emanzipation und Rollenmustern

Gefährliche Bequemlichkeit

VonHenrike von Platen

Immer mehr junge Frauen tendieren zu längst überholten Rollenmustern, dem alten Familienbild des Ernährers – und fallen so zurück in eine Bequemlichkeit, die bitter enden kann. Die Zukunft führt nicht ins Märchenschloss.

„Man denkt nicht gern an die Zukunft unter der Brücke, sondern lieber an die im Schloss“ – das kann böse Folgen haben, findet die Gastautorin Henrike von Platen. obs

„Man denkt nicht gern an die Zukunft unter der Brücke, sondern lieber an die im Schloss“ – das kann böse Folgen haben, findet die Gastautorin Henrike von Platen.

BerlinHenrike von Platen ist seit 2010 Präsidentin des Verbands der Business and Professional Women (BPW) Germany. In einem Gastbeitrag für das Businessnetzwerk Leader.In schreibt sie über die gesellschaftlichen Folgen einer Genderquote, von der Männer wie Frauen profitieren könnten. Leader.In ist eine Kooperation des Prüfungs- und Beratungsunternehmens Deloitte und dem Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) zusammen mit dem Medienpartner Handelsblatt.

Kürzlich habe ich mich in einer Runde mit Männern unterhalten, klassisch netzwerkend am Stehtisch bei Häppchen nach einer Veranstaltung. Die Atmosphäre war geprägt durch den Ort, den Minna-Cauer-Saal im Rathaus Charlottenburg, dessen Wände mit ihren Sprüchen gepflastert waren, unter anderem auch diesem: „Die kleinen Angelegenheiten, die in unserm Alltag uns umdrängen, hindern uns daran, unsern gesamten Lebensinhalt zu übersehen und zutreffende Größenurteile zu fällen.“ (Anm.d.Red.: Wilhelmine Cauer - 1841 bis 1922 - war Aktivistin im radikalen Flügel der bürgerlichen Frauenbewegung und Journalistin) Ich möchte mit Ihnen gemeinsam groß und weit denken.

Frauen in DAX-Vorständen

Allianz

Hier wirkt Helga Jung als Vorstandsmitglied.

Sie war auch im Vorjahr schon im Vorstand aktiv und hat somit auch schon Zeiten erlebt, in denen der Frauenanteil in den Vorständen der DAX-30-Unternehmen höher war als aktuell: Zwischen 2012 und 2013 sank er von 7,8 auf 6,3 Prozent.

BASF

Bei BASF mischt Margret Suckale ganz oben mit. Sie ist somit eine von zwölf Frauen bei insgesamt 191 Vorstandsmitgliedern bei den DAX 30.

BMW

Milagros Caiña Carreiro-Andree ist in der DAX 30-Welt nicht nur ihres Namens wegen eine Exotin.

Frauen insgesamt sind 2013 wieder mehr in die Ecke der Sonderspezies in den Vorständen der gelisteten Unternehmen gerutscht.

Continental

Elke Strathmann lenkt bei dem Reifenhersteller die Geschicke zum Teil mit.

Dies wäre vor einigen Jahren noch undenkbar gewesen. Denn auch wenn gegenüber dem Vorjahr drei Frauen weniger in den Vorständen sitzen, hat sich die Zahl der Unternehmen mit weiblichen Vorstandsmitgliedern von einer Firma 2008 über sechs in 2011 auf heute zehn der 30 DAX Unternehmen merklich gesteigert.

Daimler

Christine Hohmann-Dennhardt hat es in den Vorstand eines der einflussreichsten Automobilkonzerne Deutschlands geschafft. Die Chancen auf den obersten Chefposten scheinen nach wie vor klein: Keines der zehn Unternehmen mit Führungsfrauen hat eine weibliche Vorsitzende.

Deutsche Börse AG

Hier hat Hauke Stars einen Chefsessel inne.

In Aufsichtsräten der DAX-Unternehmen nehmen Frauen weit mehr Plätze ein. Waren es 2008 schon 13 Prozent, so liegt die Frauenquote in den Aufsichtsräten heute bei 21,9 Prozent. Sie scheinen damit auf gutem Kurs, die von SPD und Union geplanten 30 Prozent bis 2016 zu schaffen.

Lufthansa

Sie ist in diesem Jahr erst neu hinzugekommen: Bettina Volkens ergänzt das bisher alleinige weibliche Vorstandsmitglied Simone Menne bei der Deutschen Lufthansa AG.

Einen Ausgleich für die als Vorstände ausgeschiedenen Damen Regine Stachelhaus (E.ON AG), Luisa Deplazes Delgado (SAP AG) sowie Brigitte Ederer und Barbara Kux (beide Siemens AG) gereicht ihr Posten jedoch nicht.

Deutsche Post

Angela Titzrath hat zumindest Teile der Zügel des ehemaligen Staatskonzerns in der Hand.

Telekom

Gemeinsam mit der Lufthansa – und früher auch Siemens – gilt die Telekom als ein Vorbild in Sachen Führungsfrauen: Sie haben gleich zwei Damen auf Posten platziert: Claudia Nemat und Marion Schick.

Henkel AG

Auch der Arbeitgeber von Kathrin Menges gilt bereits seit einiger Zeit als Musterknabe – oder vielleicht besser -mädel – hinsichtlich Frauen in Vorständen.

Viele Männer und wenige Frauen sagen: Frauen kommen automatisch nach oben. Sie begründen dies mit dem Fachkräftemangel, dem demografischen Wandel und der Wahrheit, dass Mädchen die besseren Schul- und Uniabschlüsse haben und immer mehr in die bisher männerdominierten Branchen einsteigen. Den meisten Frauen allerdings und wenigen Männern genügen diese Gründe nicht. Denn sie wissen, dass das alleine nicht ausreicht. Das sind zwar immerhin gute, aber letztlich doch zu kleine Gedanken. Sie verändern das System zu langsam und werden dadurch in ihrer Funktion, als Entwicklungshelfer den gesellschaftlichen Wandel zu vollenden, immer wieder ein Stück zurückgeworfen. Sie schaffen es einfach nicht, die Generationen dauerhaft zu überspringen.

Zwar wollen junge Frauen von heute den Wandel, aber leider nicht alle... immer mehr von ihnen tendieren wieder zu den alten Rollenmustern, dem alten Familienbild des Ernährers und fallen so zurück in eine Bequemlichkeit, die nicht gut tut. Denn sie bedenken dabei überhaupt nicht, dass ihre große Liebe statistisch gesehen mit einer Wahrscheinlichkeit von rund 40 Prozent gar nicht ewig andauern wird und sie später nicht auf die Pension oder Rente des Mannes bauen können. Und während dieser sich einer anderen zuwendet, kommt sie schlimmstenfalls alleinerziehend im Teilzeitjob gerade so über die Runden.

Das ist kein Vorwurf, es ist vielerorts eine Tatsache, die auch an dem menschlichen Verhalten, vorzugsweise das Schlechte zu vergessen, liegt. Man denkt nicht gern an die Zukunft unter der Brücke, sondern lieber an die im Schloss. Manche erreichen diese Träume auch, aber viele nicht – und diese müssen in ihren Gedanken wachgerüttelt werden.

Kommentare (5)

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Jakob Herzberger

07.10.2014, 15:42 Uhr

"...sie bedenken dabei überhaupt nicht, dass ihre große Liebe statistisch gesehen mit einer Wahrscheinlichkeit von rund 40 Prozent gar nicht ewig andauern wird..."

Das scheint mir ein Missverständnis. Sie denken an nichts anderes.

Herr Eugen Schmidt

07.10.2014, 16:18 Uhr

Wenn der größere Anteil von Frauen in Führungspositionen zu wirtschaftlich besseren Resultaten führen würde, dann hätten wir den schon lange. Sie glauben doch nicht, dass es sich Finanzinvestoren entgehen lassen würden, in erfolgreiche Unternehmen mit Frauenquoten von über 50 % zu investieren wenn diese mehr Gewinn abwerfen würden. Darum geht es aber nicht. Manche Damen möchten sich in gemachte Nester setzen denn das ist natürlich gemütlicher als eigene Unternehmen zu gründen, warum nicht, mit 100 % Frauen. Wir werden dann ja sehen wer die Konkurrenz gewinnt. Man will sich dem Wettstreit nicht stellen und sein Ziel eben über Quoten erreichen. Das ist schade, denn es gibt Frauen die brauchen keine Quoten, die setzen sich auch so durch. Diese Damen bewundere ich. Die Scheidungsquoten als Argument für die Quoten zu benutzen, darauf muss man erst einmal kommen.

Account gelöscht!

07.10.2014, 16:34 Uhr

Solange die Quote existiert, werden Frauen in Führung als Quotenfrauen abqualifiziert werden.
Sie tun sich keinen Gefallen, auf dieser zu bestehen.

Die traditionelle Rolle wird angestrebt solange das Äußere es zuläßt.
Das bessere Geschäft wäre es ohnedies angesichts der Gesetzes- und Rechtsprechungslage.

Das wird sich leider nicht ändern, denn die Gesellschaft möchte es so, die immerhin überwiegend aus Frauen besteht.

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